Interview mit Olaf Ludwig: "Armstrong ist unantastbar" - DER SPIEGEL
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Interview mit Olaf Ludwig "Armstrong ist unantastbar"

Er ist der neue starke Mann bei T-Mobile: Team-Manager Olaf Ludwig. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der ehemalige Weltklassesprinter, der bei den Bonnern die Nachfolge von Walter Godefroot antritt, über Jan Ullrichs Niederlage bei der Tour, neue Rivalen und die Zeit nach Lance Armstrong.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Ludwig, T-Mobile führt die Mannschaftswertung an, Jan Ullrich hat die Tour verloren. Was überwiegt? Zufriedenheit oder Enttäuschung?

Ludwig: Es ist vor allem enttäuschend, dass wir das Gelbe Trikot nicht geholt haben. Das war ganz klar unser Ziel. Aber man muss auch sehen, wie es dazu gekommen ist. Wir wollten Armstrong isolieren, das haben wir zwei- bis dreimal geschafft. Dass Lance aber auch allein zu stark ist, muss man eben akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE: Dabei hatten Sie doch vor Beginn der 92. Frankreich-Rundfahrt die Mannschaft komplett auf Ullrich ausgerichtet. Erfolglos, wie sich jetzt zeigt.

Ludwig: Man kann nur jemanden nicht schlagen, wenn man es nicht versucht. Von Anfang haben wir gesagt, dass T-Mobile eine Mannschaft stellen wird, die attackieren und das Gebilde Discovery ins Wanken bringen soll. Wir haben attackiert, Armstrong isoliert ...

SPIEGEL ONLINE: ... aber Ullrich hat es nicht vollendet.

Ludwig: Richtig, aber das lag eben nicht zuerst an Ullrich, sondern an der Stärke von Lance. Er ist unantastbar.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat Ullrich in den Bergen nicht attackiert, sondern ist stur seinen Rhythmus gefahren?

Ludwig: Er ist eben nicht der Typ wie Basso, der mal eben aus dem Sattel geht und 100 Meter wegsprintet. Das ist die falsche Erwartungshaltung. Das kann Jan nicht und das will er auch nicht. Seine Stärke ist es, im hohen Tempo die Berge hochzufahren und so die Konkurrenz müde zu machen. Das gelingt mit vielen, mit Armstrong und Basso eben nicht.

SPIEGEL ONLINE: Waren die Erwartungen an Ullrich zu hoch?

Ludwig: Wer macht denn die Erwartungen?

SPIEGEL ONLINE: Sagen Sie es uns.

Ludwig: Zum Großteil die Presse. Wenn Alexander Winokurow Dritter wird, nimmt davon keiner Notiz. Andreas Klöden wurde im vergangenen Jahr Zweiter und keinen hat es interessiert, weil Jan Vierter war. Wenn Ullrich zur Tour kommt, muss er gewinnen, selbst ein zweiter Platz ist kein Erfolg. Damit müssen wir leben und damit muss Jan leben. Man kann die Erwartungen nicht mehr zurückschrauben.

SPIEGEL ONLINE: Also sagt Ullrich immer nur, dass er gewinnen will, weil es alle erwarten?

Ludwig: Was sollen wir denn machen? Wenn wir erklären, wir wollen unter die ersten fünf kommen, lacht uns doch jeder aus.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie hätten das lieber gesagt?

Ludwig: Nein, natürlich nicht. Vielleicht mit einem Team ohne Winokurow und Ullrich. Aber so? Wir würden von allen Seiten beschossen werden. Der Sponsor würde fragen, was denn mit uns los sei, die Medien würden behaupten, wir drehen durch. Ullrich hat die Tour schon einmal gewonnen und war fünfmal Zweiter. Winokurow war schon Dritter und Klöden Zweiter. Die Mannschaft ist stark, wir hatten realistische Chancen auf den Toursieg. Aber, und das muss man akzeptieren, es zählt eben nur Gelb, und das haben wir nicht erreicht. Mit der Mannschaft sind wir aber sehr zufrieden. Sie hat gekämpft, angegriffen und alles gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Fährt Ullrich die Tour noch einmal?

Ludwig: Er hat einen Vertrag bis nächstes Jahr, für ihn zählt nur die Tour, das weiß jeder. Deshalb gibt es für mich keinen Grund, daran zu zweifeln.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte aber sagen, jetzt, wo er jahrelang vergeblich gegen Armstrong gekämpft hat, will er sich nicht auch noch ein verlorenes Duell mit Ivan Basso antun.

Ludwig: Man kann doch jetzt nicht sagen, Basso sei der Sieger des kommenden Jahres. Er ist sicher ein Kandidat, aber davon gibt es noch zehn andere, die ins Gelbe Trikot fahren können. Damiano Cunego (italienischer Giro-Sieger von 2004; die Red.) kommt dazu, Alejandro Valverde ist da. Das ist mir zuviel Spekulation, wir wissen doch noch nicht einmal, wo welcher Profi im kommenden Jahr fährt. Was macht Winokurow? Wie ist Ullrich in Form?

SPIEGEL ONLINE: Aber Basso ist Ullrich schon im vergangenen Jahr weggefahren und war bei den letzten beiden Pyrenäen-Etappen immer an der Seite von Armstrong.

Ludwig: Das mag ja sein, aber es gibt immer wieder Fahrer, die die Erwartungen nicht erfüllen. Ich will jetzt nicht ablenken, aber was ist zum Beispiel mit Christophe Moreau? Bei dem warten die Franzosen schon seit Jahren darauf, dass er in Paris ganz oben steht.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ullrich warten wir auch schon sieben Jahre ...

Ludwig: Es ist kein Ullrich-Phänomen, siehe Moreau. Und vergessen Sie nicht: Jan hat auch schon sehr, sehr viel gewonnen. Andere Fahrer wären froh, eine solche Bilanz zu haben. Fest steht nur eins: Die Tour wird eine andere sein, wenn Armstrong nicht mehr da ist, der Fixpunkt bricht weg.

SPIEGEL ONLINE: 2006 läuft Ullrichs Vertrag aus. Macht er dann Schluss?

Ludwig: Das kann ich heute noch nicht sagen. Vielleicht sagt Jan, er fährt weiter, vielleicht nicht. Ich habe einen Vertrag bis 2008 und versuche natürlich, junge Fahrer heranzuführen. Aber fest steht: Es wird keinen zweiten Jan Ullrich geben und auch keinen zweiten Erik Zabel. Die beiden sind schon so lange dabei, und immer wenn mal einer etwas schneller war, dann wurde er gleich zum zweiten Zabel erklärt. De facto ist aber nie jemand an die beiden herangekommen.

SPIEGEL ONLINE: Dann wird es Zeit für einen ausländischen Kapitän bei T-Mobile.

Ludwig: Diese Rolle wird doch überinterpretiert. Jan ist nicht in jedem Rennen der Kapitän. Wir haben 250 Renntage im Jahr, und Ullrich fährt davon vielleicht 40. Aber immer heißt es: Ullrich, Ullrich, Ullrich. Man will nur Jan haben.

Das Interview führte Christian Gödecke