Interview mit Patrik Kühnen: "Lockerer Spruch manchmal besser als taktische Anweisung" - DER SPIEGEL
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Interview mit Patrik Kühnen "Lockerer Spruch manchmal besser als taktische Anweisung"

Becker, Steeb und Stich bekamen das Daviscup-Team nicht in den Griff. Jetzt will Patrik Kühnen Deutschlands Tennisherren Teamgeist vermitteln. Vor den Australian Open spricht der neue Kapitän im Interview mit SPIEGEL ONLINE über den deutschen Wettbewerb in Melbourne, Kommunikationsprobleme und seine lässige Art.
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SPIEGEL ONLINE:

Herr Kühnen, wer gewinnt die am Montag beginnenden Australian Open?

Patrik Kühnen: Mich würde es freuen, wenn ein deutscher Spieler das Turnier gewinnt.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie bitte einen ernsthaften Tipp abgeben.

Kühnen: Einen ernsthaften Tipp? Das ist ganz schwer zu sagen. Ich weiß es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Nachdem Tommy Haas und Nicolas Kiefer ihre Teilnahme verletzt absagen mussten, hätte der finanzschwache Deutsche Tennis-Bund das Geld für Ihre Reise nach Melbourne nicht lieber sparen sollen?

Kühnen: Auf keinen Fall. Natürlich ist der Ausfall von Haas und Kiefer sehr schmerzhaft, aber ich sehe meine Aufgabe jetzt darin, für Rainer Schüttler, Lars Burgsmüller und David Prinosil da zu sein, und auch zu den deutschen Spielern, die in der Qualifikation spielen, Kontakt zu halten. Ich spreche da von Alexander Waske, Michael Kohlmann, Björn Phau oder Thomas Behrend. Auch die können sich für den Daviscup empfehlen.

SPIEGEL ONLINE: Die Australian Open sind für die Deutschen jetzt also eine Art Ausscheidungsturnier für das Daviscup-Auftaktspiel in Argentinien im Februar?

Kühnen: Die Spieler, die sonst in der zweiten Reihe stehen, sind ja nicht dumm. Die wissen, dass Tommy Haas für den Daviscup ausfällt und der Einsatz von Nicolas Kiefer sehr fraglich ist. Ursprünglich wollte ich den Kader schon vor den Australian Open nominieren. Aber jetzt muss ich den genannten Spielern eine Chance geben, sich ins Team zu spielen. Die Situation ist nicht ganz einfach.

SPIEGEL ONLINE: Rainer Schüttler ist - wie fast jedes Jahr - in guter Frühform. Warum gelingt ihm nicht der ganz große Durchbruch in die Weltspitze?

Kühnen: Ich habe großen Respekt vor der Leistung von Rainer Schüttler. Er ist sehr professionell und macht auch am Jahresende keine lange Pause, sondern fängt früh wieder mit dem Training an. Seine Fitness und die sehr gute Beinarbeit sind seine großen Stärken. Es gibt Spieler, die haben mit ihren Schlägen ein weitaus größeres Potenzial. Aber Rainer macht das durch seinen Einsatz und seine Disziplin wett. Sicherlich könnte es auch noch weiter nach oben gehen. Im Volleyspiel zum Beispiel kann er sich noch um Einiges verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Kiefer und Haas waren vor fünf Jahren die großen Hoffnungsträger im deutschen Herren-Tennis. Trotz einiger Erfolge ist ihre Bilanz bislang aber enttäuschend. Sehen Sie neue deutsche Spieler mit ähnlich viel Talent auf dem Sprung?

Kühnen: Zunächst muss ich sagen, dass Tommy Haas in der vergangenen Saison ein halbes Jahr lang Nummer zwei der alten Weltrangliste war. Das ist ein beachtlicher Erfolg, aber in Deutschland hat das fast keiner wahrgenommen. Nicolas Kiefer war auch mal auf Position vier, ist aber mittlerweile weit abgerutscht. Das heißt nicht, dass er kein Talent mehr hat. Im Sport geht es jedoch schnell abwärts, wenn die Leistungen nicht konstant sind. Nicolas sollte aus den Fehlern lernen, die in der Vergangenheit gemacht wurden. Es ist für ihn durchaus im Bereich des Möglichen, wieder in die Top 20 zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Und welchen Nachwuchsspielern trauen Sie das zu?

Kühnen: Das ist so eine Sache, wenn man Namen nennt. Dann lesen die Jungs das und freuen sich. (lacht)

SPIEGEL ONLINE: Es könnte doch ein Ansporn sein.

Kühnen: Okay. Philipp Petzschner hat das Potenzial, Philipp Kohlschreiber hat schon letztes Jahr ganz enge Matches gegen Weltklasseleute gespielt. Die sind beide noch Teenager. Maximilian Abel ist 20 Jahre alt und hat sich zuletzt sehr positiv entwickelt. Von den drei Spielern kann man etwas erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Francesco Ricci-Bitti, Präsident des Weltverbandes, beklagt, dass in Deutschland zu negativ über Tennis berichtet wird. Teilen Sie diese Meinung?

Kühnen: Das kann man so pauschal nicht sagen. Die Außendarstellung speziell des Daviscup-Teams in den letzten Jahren war nicht gerade positiv. Deshalb sage ich meinen Spielern, dass sie bei den deutschen Turnieren Werbung in eigener Sache machen müssen. Es ist die Pflicht des Daviscup-Kaders, so gut wie möglich teilzunehmen, um in der Öffentlichkeit Interesse zu wecken und sich dem Tennisfan zu präsentieren. Da gibt es Nachholbedarf.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben im Daviscup die schönsten Erfahrungen Ihrer aktiven Laufbahn gemacht. Mit Ihren Teamkollegen waren und sind Sie sogar befreundet. Wie wollen Sie der heutigen Mannschaft ein Gemeinschaftsgefühl vermitteln?

Kühnen: Ich kann nur das wiedergeben, was ich im Daviscup erfahren habe - als Spieler und auch als Mensch. Das waren überwältigende Erlebnisse, die mir bis heute in Erinnerung geblieben sind und die die Freundschaften zu Boris Becker, Charly Steeb, Eric Jelen, auch zu Michael Stich, intensiviert haben. Dass wir diese Daviscup-Highlights zusammen erarbeitet und genossen haben, hat uns zusammengeschweißt. Denn wir haben gemeinsam etwas erreicht, was nur wenige erreichen. Das versuche ich meinen Spielern zu vermitteln. Ich fände es nämlich ziemlich traurig, wenn ein Spieler seine Karriere beendet und dann feststellt, dass er sich nie hundertprozentig die Chance gegeben hat, mal die Hand an den Pott zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Im heutigen Team aber herrscht keine Freundschaft, sondern große Rivalität. Daran sind Ihre Vorgänger Boris Becker und Michael Stich gescheitert. Selbst Carl-Uwe Steeb, der sich - wie Sie - nicht in den Vordergrund spielt und angetreten war, um zu versöhnen statt zu spalten, bekam Haas und Kiefer nicht in den Griff. Sind diese Spieler nicht teamfähig?

Kühnen: Nach so kurzer Zeit als Teamchef kann ich das kaum beurteilen. Nach der Entlassung von Stich ging ja alles Hals über Kopf. Venezuela war mit Verlaub nicht so der Riesen-Gegner. Da war es keine Kunst, eine Mannschaft zusammenzuführen und zu gewinnen. Aber immerhin sind wir in Bestbesetzung angetreten und haben uns hinterher ausgesprochen: Die Mannschaft hat sich verpflichtet, 2003 geschlossen anzutreten. Daran hat sie sich auch gehalten, bis die Verletzungen dazwischenkamen. Bislang habe ich mit keinem der Spieler Probleme gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Haas hat über Sie gesagt: "Patrik ist ein lässiger Typ. Mit ihm kann man auch über andere Dinge reden. Beispielsweise über Frauen." Sind das Qualitäten, die einen guten Teamchef auszeichnen?

Kühnen: Ein Tennisspieler ist doch ein Mensch wie jeder andere auch. Tennis muss auch Spaß machen. Deshalb ist ein lockerer Spruch manchmal besser als jede taktische Anweisung.

SPIEGEL ONLINE: Haas hat auch gesagt, ein Kapitän müsse das Handtuch halten. Wie steht es um Ihre Autorität als Kapitän und Teamchef?

Kühnen: Die Entscheidungen treffe letztlich ich allein. Die Autorität verschaffe ich mir, indem ich den Spielern mit meinem Know-how helfe, so gut es geht. Außerdem bin ich selbst noch ganz fit und spiele auch noch einen guten Ball. Entscheidend ist aber das zwischenmenschliche Verhältnis. Wenn Spieler und Teamchef keinen Draht zueinander finden, ist es sehr schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie die bisherigen Kommunikationsprobleme im Team lösen?

Kühnen: Tennis ist und bleibt ein Individualsport. Es ist schwierig in sehr kurzer Zeit, eine Mannschaft zu formen, die zusammenhält und in der jeder für den anderen da ist. Klar ist aber auch: Wenn man sich entschließt, Daviscup zu spielen, und das Ziel hat, diesen zu gewinnen, muss man zusammenhalten. Wenn ein Glied aus der Kette rausspringt, läuft die Erfolgsmaschine nicht mehr. Auch ich sehe mich als ein Teil des Teams. Natürlich bin ich der, der die Entscheidungen trifft. Aber ich versuche im Vorfeld mit allen Gespräche zu führen. Bisher läuft alles sehr rund. Dass es in der Zukunft bestimmt auch schwierige Phasen gibt und ich Entscheidungen treffen muss, die dem einen oder anderen nicht schmecken, ist ganz klar. Aber ich werde Vieles mit der Mannschaft absprechen. Dadurch dass ich bei den Grand Slams und den Turnieren in Deutschland vor Ort bin, stehen wir permanent in Kontakt.

SPIEGEL ONLINE: Letztlich sind aber auch Sie von den Launen einzelner Spieler abhängig.

Kühnen: Natürlich. Denn wir haben nur eine begrenzte Anzahl von guten Spielern. Doch die Mannschaft braucht einen Teamchef. Nach der Partie gegen Venezuela hatte ich die Spieler gefragt, ob sie mit mir arbeiten möchten. Das Team hat sich für mich ausgesprochen. Das ist das Fundament für die Zusammenarbeit. Erst auf Basis diese Aussage haben der DTB und ich den Vertrag geschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vorbild ist Niki Pilic. Warum?

Kühnen: Was Niki als Teamchef geleistet hat, habe ich als Spieler sehr genossen. Er war er ein Teamchef, der Tag und Nacht für mich da war. Wenn es irgendwie eng wurde, wusste ich, dass ich Niki anrufen kann. Wenn ich Training brauchte, wusste ich, dass er da ist. Er war bei den meisten Turnieren dabei. Er war einer von uns. Das war sehr wichtig. Man hat gemerkt, dass er Tennis lebt. Dieser Erfahrung bringe ich jetzt auch in meine Arbeit ein.

SPIEGEL ONLINE: War es nicht einer großer Fehler, dass der DTB Pilic zu Gunsten von Boris Becker abservierte?

Kühnen: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Deshalb möchte ich das unkommentiert stehen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie die letzte Lösung für das deutsche Daviscup-Team?

Kühnen: Ich bin eine Lösung. Dass ich eine gute Lösung, muss ich in der Zukunft beweisen. Ich sehe das als Herausforderung und bin sehr motiviert. Ich finde, das deutsche Herrentennis hat Potenzial. Wir müssen nur anpacken und etwas daraus machen. Da gehören viele dazu: der Teamchef, der Verband und die Spieler. Wenn alle an einem Strang ziehen, dann werden wir in paar Jahren für positivere Schlagzeilen sorgen als jetzt.

Das Interview führte Till Schwertfeger