Interview mit Reinhard Heß: "Rechne mit einer Medaille" - DER SPIEGEL
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Interview mit Reinhard Heß "Rechne mit einer Medaille"

Für Sven Hannawald und Co. ist das Mannschaftsspringen am Montag die letzte Chance, in Salt Lake City eine Goldmedaille zu holen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Bundestrainer Reinhard Heß, wieso er optimistisch ist, dass es mit dem großen Wurf klappen könnte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Heß, wie bewerten Sie das Abschneiden Ihrer Athleten nach den beiden Einzelwettbewerben?

Reinhard Heß: Positiv. Trotz des Missgeschickes von Sven Hannawald auf der Großschanze. Man konnte sehen, dass wir gut vorbereitet zu den Olympischen Spielen gekommen sind. Eine Medaille in den Einzelspringen war das Ziel. Das haben wir erreicht. Leider hat es mit der zweiten Medaille nicht geklappt.

SPIEGEL ONLINE: Hat die hohe Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit Ihre Springer, allen voran Sven Hannawald, zu sehr belastet?

Heß: Mit unseren guten Vorleistungen haben wir diese hohe Erwartungshaltung provoziert. Also können wir uns nicht darüber beschweren. Die Enttäuschung in deutschen Landen mag groß sein. Aber eine Erwartungshaltung ist nicht identisch mit einer Goldmedaille.

SPIEGEL ONLINE: Als letzter Wettbewerb steht am Montag (16.30 Uhr MEZ) das Teamspringen auf dem Programm. Macht es für die Sportler einen Unterschied, ob sie in der Mannschaft oder für sich allein antreten?

Heß: Ja. Gerade bei einer Großveranstaltung wie Olympia tragen sie im Mannschaftswettbewerb eine größere Verantwortung. Denn sie müssen mit ihrer Leistung für die Teamkollegen einstehen.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie, dass die Psyche Ihres besten Schützlings Hannawald nach dem Sturz von der 120-Meter-Schanze angeknackst ist?

Heß: Nein. Sven war zwar eine Zeit lang sehr bedrückt, besonders weil er die Bronzemedaille so knapp verloren hatte. Doch dass es aus der Mannschaft keinerlei Vorwürfe gegeben hat, war sehr wichtig für ihn. Ich kann ihn ja auch schlecht auffordern, kürzer zu springen. Das Einzige, was ich ihm sagen kann, ist, den Telemark nicht wieder so tief zu setzen. Er hat alles riskiert und alles verloren. Ich kann nur froh sein, so einen Athleten im Team zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Hannawald ist im Mannschaftsspringen also Ihr Leader?

Heß: Er ist unser stabilster Leistungsträger. Ich hoffe, er wird sich mit dieser Rolle anfreunden und das Rückgrat der Mannschaft sein. Die Problematik aus dem letzten Einzelspringen ist auf jeden Fall aus seinem Kopf. Er hat ja auch schon eine Medaille im Gepäck. Mit einer weiteren rechne ich im Mannschaftsspringen. Dieser Anspruch ist auf Grund unserer Leistungen in den beiden Einzelspringen legitim. Die großen Konkurrenten sind Finnland und Österreich. Aber auch die Slowenen, Japaner und Schweizer darf man nicht abschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Die Rolle des Leistungsträgers hatte lange Zeit Martin Schmitt inne. Was ist los mit ihm?

Heß: Martin ist nicht ganz gesund, hat Schmerzen im Knie. Die behindern ihn im Absprung und bei der Landung. Dadurch, dass er weiß, dass er nicht kerngesund ist, hat Martin psychische Hemmschwellen zu überwinden.

SPIEGEL ONLINE: Am Saisonanfang gewann Adam Malysz fast jedes Springen, zuletzt Sven Hannawald. Bei Olympia hat der Schweizer Simon Ammann auf beiden Schanzen Gold geholt. Wie kommt es im Skispringen zu solchen Erfolgsserien eines Springers?

Heß: Das ist ein Produkt des Könnens gepaart mit Selbstvertrauen. Der Springer hat auf einmal einen Lauf. Alles geht automatisch, er muss keinen bewussten Einfluss mehr nehmen, nicht korrigieren.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie von Ammanns Olympiasiegen überrascht?

Heß: Ja. Dass er zwei Goldmedaillen gewinnt, damit habe ich nicht gerechnet. Aber als Medaillenkandidaten hatte ich ihn nach seinen Trainingsleistungen auf dem Zettel.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten in einer ersten Stellungnahme etwas perplex: "Ammann springt nicht perfekt, aber er gewinnt." Haben Sie inzwischen eine Erklärung für die Leistungsexplosion des Schweizers gefunden?

Heß: Ich meinte, Ammann macht keine außergewöhnlichen Sprünge. Ich zumindest habe nichts Neues daran erkennen können. Die Höhenlage mit der dünnen Luft in Park City kommt kleinen, leichten Athleten, wie er einer ist, entgegen. Natürlich benötigt man dazu sehr gute Physis und stabile Technik. Und die hat er. Offensichtlich hat er auch die Pause nach seinem schweren Sturz in Willingen gut genutzt.

SPIEGEL ONLINE: Sven Hannawald lässt häufiger Trainings- oder Qualifikationssprünge aus, um sich zu regenerieren. Sind die Skispringer überlastet?

Heß: Ich bin der Meinung, dass wir zu viele Wettkämpfe haben. Deshalb sollten die Athleten immer wieder bewusste Pausen einlegen. Der Fall Ammann liegt allerdings anders. Der musste erst einmal den schweren Sturz verkraften. Davor habe ich Hochachtung.

SPIEGEL ONLINE: Skispringen ist in den letzten Jahren in Deutschland sehr populär geworden. Hat sich Ihr Berufsfeld dadurch verändert?

Heß: Die Öffentlichkeit nimmt auch uns Trainer viel mehr in Anspruch als früher. Im Bemühen, den zweiten Teil der Wahrheit zu steuern und den Athleten Medienarbeit abzunehmen, verlieren wir viel unserer Regenerationszeit. Von der Quantität her sind wir jetzt an der Grenze angelangt.