Interview mit Steve Jenkner "Abspringen, wenn's brenzlig wird"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Jenkner, in Ihrem siebten Grand-Prix-Jahr haben Sie endlich Ihren ersten WM-Sieg eingefahren. Hat sich seit dem Erfolg von Assen für Sie etwas verändert?
Steve Jenkner: Auf alle Fälle. Ich habe mir bewiesen, dass ich es kann. Das war wichtig, weil es mit dem ersten Sieg ja doch eine Weile gedauert hat. Plötzlich wird man nicht mehr gefragt, wann der erste Grand-Prix-Sieg, sondern wann der erste Weltmeistertitel kommt. Das ist ein sehr gutes Gefühl.
SPIEGEL ONLINE: Weniger Glück hatten Sie bei Ihrem Heimrennen auf dem Sachsenring. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vor 200.000 Zuschauern gestürzt sind?
Jenkner: Es macht gar keinen Unterschied, ob man am Sachsenring oder beim Rennen in Donington stürzt. Man denkt nicht nach, wo man ist. Man ist einfach nur runtergefallen.
SPIEGEL ONLINE: Was ist gefährlicher: Motorradfahren oder die Formel 1?
Jenkner: Beim Motorradfahren sitzt man zwar ohne Knautschzonen da und ist nicht angeschnallt. Aber wenn ich ein Formel-1-Auto sehe, das vor eine Mauer fährt und Feuer fängt, dann sitze ich doch lieber auf meinem Motorrad und springe ab, wenn's brenzlig wird.
SPIEGEL ONLINE: In Deutschland ist die Begeisterung für die Formel 1 viel größer als für den Motorradsport. Wie erklären Sie sich das?
Jenkner: Ganz einfach: Deutschland hat einen fünffachen Formel-1-Weltmeister, und es gibt keinen Deutschen, der annähernd so gut Motorrad fährt. Außerdem gibt es in Deutschland wesentlich mehr Auto- als Motorradfahrer.
SPIEGEL ONLINE: Sie müssen sich glücklich schätzen, dass RTL in dieser Saison einige Motorrad-Grand-Prix live überträgt...
Jenkner: Das hilft auf alle Fälle, den Sport in Deutschland populärer zu machen. Es wäre eine tolle Sache, wenn die gesamte nächste Saison im Fernsehen zu sehen wäre. Die Zuschauerzahlen an den Rennstrecken gehen ja permanent in die Höhe, da geht sicher auch an den Fernsehgeräten noch was.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ein bisschen neidisch auf den Trubel, der in Italien um ihre Kollegen Valentino Rossi, Max Biaggi und Loris Capirossi gemacht wird?
Jenkner: Das kann man so und so sehen. Da ich in einem italienischen Team fahre, kann ich den Wirbel live mitverfolgen, und mir gefällt das eigentlich schon. In Italien allerdings kann sich die Aufmerksamkeit auf die vielen guten Fahrer verteilen. In Deutschland würde ich alles allein abbekommen.
SPIEGEL ONLINE: Eine Zeitlang wurde hierzulande fast nur von Katja Poensgen geredet. Ist die einzige Frau im Motorradsport ein Marketing-Gag, oder trauen Sie Ihrer Landsfrau sportlich etwas zu?
Jenkner: Das sollten andere Leute entscheiden, nämlich diejenigen, die dafür bezahlen, dass sie fährt. Ich denke nicht, dass sie in den nächsten fünf Jahren Weltmeisterin wird. Andererseits ist sie sehr ehrgeizig und außerdem gibt es auch genug Männer, die mitfahren, ohne dabei erfolgreich zu sein.
SPIEGEL ONLINE: Die 125er-Klasse wird in dieser Saison von Youngstern wie Daniel Pedrosa und Andrea Dovizioso aufgemischt. Wurmt es Sie nicht, von Teenagern überholt zu werden?
Jenkner: Das ist doch gerade das Schöne an unserer Klasse. Da sind Leute, die sind 16 oder 17, und die fahren ganz anders als die Konkurrenten, die teilweise schon 30 und älter sind. Da trifft jugendlicher Leichtsinn auf jahrelange Erfahrung. Deshalb wird unsere Klasse von Jahr zu Jahr schneller, während die anderen ein bisschen stagnieren. Das finde ich gut. Trotzdem bin ich natürlich dafür, dass die Erfahrenen wie ich die Oberhand behalten.
SPIEGEL ONLINE: In den beiden vergangenen Rennen kamen Sie nicht ins Ziel. Was rechnen Sie sich am Sonntag beim Großen Preis von Tschechien in Brünn aus? Glauben Sie noch daran, den WM-Titel gewinnen zu können?
Jenkner: Es sieht nicht schlecht aus. Der Führende Daniel Pedrosa hat in den vergangenen drei Rennen keine große Konstanz gezeigt, und die ersten sechs, sieben Fahrer der WM-Wertung sind näher zusammengerückt. Die Strecke in Brünn liegt mir gut. Ich will auf's Podest fahren, denn nach meinen Stürzen ist es wichtig, endlich wieder Punkte zu holen.
Das Interview führte Susanne Worch