Interview mit Svetislav Pesic "Defense, Defense, Defense"
SPIEGEL ONLINE:
Nach fast 20 Jahren trainieren Sie zum ersten Mal keine Mannschaft, mittlerweile seit sechs Monaten. Verspüren Sie Entzugserscheinungen?
Svetislav Pesic: Nein. Ich bin zwar derzeit kein Trainer mehr, weil ich ohne Team bin. Doch nach wie vor steht Basketball neben der Familie an Nummer eins in meinem Leben. Ich habe zunächst einen Monat Urlaub gemacht wie immer. Danach habe ich so viele Coach-Clinics (Trainer-Schulungen, d.Red.) wie noch nie gehalten. In Deutschland, in Jugoslawien, in Spanien, in Italien. Auch bei meinem dreimonatigen USA-Aufenthalt stand Basketball im Mittelpunkt.
SPIEGEL ONLINE: Welche neuen Erkenntnisse bringen Sie mit aus der NBA, der besten Liga der Welt?
Pesic: Ich habe in den USA Trainingsmethodik vor Ort studiert. Dazu hatte ich früher nie die Zeit. Ich war beim Training von NBA- und College-Teams. Ich weiß jetzt, dass ich meine Philosophie nicht ändern muss; denn die Defense steht im Mittelpunkt jeder Spitzenmannschaft. Das steht definitiv fest. Der größte Unterschied zwischen der NBA und Europa ist die Verteidigung neben der individuellen Qualität der Spieler.
SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus für Ihre zukünftige Arbeit?
Pesic: Noch mehr Defense trainieren lassen: Defense, Defense, Defense. Aber die Verteidigung darf nicht nur Arbeit sein. Man muss die Defense so vermitteln, dass die Spieler daran Spaß haben. Sie müssen fühlen, dass sie das für ihre Entwicklung brauchen. Kontinuierliches Spitzenbasketball ist ohne Top-Defense einfach nicht möglich. Natürlich muss man auch treffen, um zu gewinnen. Aber in der Verteidigung stecken noch große Reserven.
SPIEGEL ONLINE: Bisher haben Sie alle Jobangebote abgelehnt. Wann trainieren Sie wieder eine Mannschaft?
Pesic: Bis Saisonende wollte ich ursprünglich gar nichts machen. Deshalb hatte ich die Angebote verschiedener europäischer Teams nicht angenommen. Ich will nicht mitten in der Saison anfangen, sondern selbst eine Mannschaft formieren. Seit drei Monaten aber stehe ich in Verbindung mit dem jugoslawischen Verband. Der will mich als Nationaltrainer. Am Wochenende habe ich den Jugoslawen mitgeteilt, dass ich es machen werde - unter einer Bedingung: Ich will gleichzeitig Vereinstrainer sein. Das ist der Knackpunkt; denn der jugoslawische Verband sucht einen Vollzeittrainer. In den nächsten Tage erwarte ich seine Entscheidung. Fällt diese positiv aus, wäre ich bis Saisonende der europäischen Ligen rund um die Uhr ausschließlich jugoslawischer Nationalcoach.
SPIEGEL ONLINE: Welche Ziele haben Sie sich für Ihre weitere Karriere gesteckt? Wovon träumen Sie?
Pesic: Basketball ist zwar mehr als ein Job für mich, aber ich bin auch einfach nur ein Profitrainer auf dem Markt. Wenn mich ein Verein oder Verband verpflichtet, werden mir Ziele genannt. Ich sage dann, ob ich das für möglich halte und was wir dafür tun müssen. Falls ich Nationalcoach von Jugoslawien werde, heißt die minimale Zielvorgabe wahrscheinlich: Medaillen bei EM, WM und Olympia. Das wäre dann auch mein Ziel. Träumen tue ich erst dann, wenn ich eine Mannschaft habe.
SPIEGEL ONLINE: Wie intensiv verfolgen Sie das Abschneiden Ihres Ex-Clubs Alba Berlin?
Pesic: Als ich in den USA war, habe ich mit den Alba-Trainern Emir Mutapcic und Burkhardt Prigge regelmäßig telefoniert. Burkhardt Prigge hat mir sogar Videos von Alba-Spielen geschickt. Und ich habe mich jeden Abend im Internet informiert darüber, was los ist im europäischen Basketball.
SPIEGEL ONLINE: Wie stark trägt der Bundesliga-Tabellenführer noch Ihre Handschrift?
Pesic: Alba Berlin hatte nicht nur Svetislav Pesic, sondern einen kompletten Trainerstab. Aber ich freue mich, dass 99 Prozent der Spieler im aktuellen Kader schon unter meinem Kommando trainiert haben. Es gefällt mir gut, wie Alba spielt.
SPIEGEL ONLINE: Die Mannschaft scheint Ihnen immer noch sehr am Herzen zu liegen.
Pesic: Ich bin noch nicht weg von Alba. Ich hatte in Berlin meine schönste und beste Zeit. Ich habe zwar keinen Vertrag mehr, bin auch kein offizieller Berater, wie spekuliert wird, doch wenn Alba Hilfe braucht, stehe ich zur Verfügung. Wenn sie mich fragen, ist es gut, wenn nicht, besser. Sie sollen selber die Entscheidungen treffen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben Alba einmal als Ihr "Zuhause" bezeichnet. Kann es sein, dass Sie dorthin zurückkehren?
Pesic: Meine Trainerkarriere umfasst bisher vier Stationen. Noch nie bin ich zurückgegangen. In diesem Moment sage ich: Es ist nicht möglich, dass ich zu Alba zurückgehe. Ich will das nicht. Alba hat zwei sehr qualifizierte Trainer mit langfristigen Verträgen. Da ist kein Platz für mich. Denn ich bin Trainer, kein Politiker, kein Präsident, kein Vizepräsident. Mein bester Job ist der des Trainers. Da kann ich meine Leidenschaft weiter ausleben.