Interview mit Timo Boll: "Ich habe kaum noch Aussetzer" - DER SPIEGEL
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Interview mit Timo Boll "Ich habe kaum noch Aussetzer"

Auf Timo Boll ruhen die Hoffnungen bei der am kommenden Montag beginnenden Mannschafts-WM in Bremen. Der Tischtennis-Star spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über Medaillenchancen, Angstgegner China und seine Trainingseinheiten im Reich der Mitte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Boll, stört es Sie, dass einige Leute für die WM-Spiele die Rechnung "Zwei Punkte Boll plus X" aufstellen?

Boll: Deswegen mache ich mich nicht verrückt. Ich versuche mich gut vorzubereiten und mir keinen Stress zu machen. In dieser Hinsicht habe ich aus der Vergangenheit gelernt. Früher kam es öfter vor, dass ich gerade dann schlecht gespielt habe, wenn ich es besonders gut machen wollte und im Gegensatz dazu bei Turnieren starke Auftritte hatte, auf die ich mich kaum vorbereitet habe. Glauben Sie mir: Intern sieht unsere Rechnung etwas anders aus.

SPIEGEL ONLINE: In kritischen Situationen wirken Sie jedenfalls in letzter Zeit stärker als in früheren Jahren.

Boll: Ich habe viel an meinen Schwächen gearbeitet, bin vom Grundniveau einfach besser geworden und habe kaum noch starke Aussetzer nach unten. Zudem spiele ich aggressiver. Körperlich kann ich sicherlich noch zulegen, da haben einige Chinesen noch Vorteile.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Mannschafts-WM vor zwei Jahren in Katar wurde Deutschland nur von den Chinesen gestoppt und holte Silber. Rechnen Sie bei den Titelkämpfen vor heimischem Publikum in Bremen wieder mit einer Medaille?

Boll: Das wäre ein sehr gutes Ergebnis und ist bei optimalem Verlauf des Turniers durchaus realistisch. Es wird aber nicht einfach werden. Über allen steht China als haushoher Favorit, die Koreaner schätze ich sehr stark ein, Hongkong sollte man nicht vergessen. Es gibt sicherlich sechs oder sieben Mannschaften, gegen die wir auch mal verlieren können.

SPIEGEL ONLINE: Gehören Teams aus der deutschen Vorrundengruppe dazu?

Boll: Das Ziel von uns in der Gruppe sollte auf jeden Fall der zweite Platz sein. Die Österreicher sind an Nummer eins gesetzt, aber gegen die haben wir in der Vergangenheit oft gut ausgesehen. Wir erwarten einfach, dass wir die Gruppenphase überstehen.

SPIEGEL ONLINE: Die Erwartungshaltung nach der Medaille bei der letzten WM wird im eigenen Land groß sein, vielleicht sogar zu groß?

Boll: Das glaube ich nicht. Wir machen uns jetzt auch nicht den Riesendruck, weil wir ganz genau wissen, dass wir damals in Katar fast über unserem Limit gespielt haben. Es wird schwierig, das zu wiederholen. Wir haben uns seitdem aber auch alle einen Tick verbessert und wenn wir alles probieren, werden wir auch ein gutes Turnier spielen. Wo wir am Ende landen, kann aber keiner sagen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zuletzt drei Super-Circuit-Turniere in Japan gespielt und zwei davon gewonnen. War das die ideale Vorbereitung?

Boll: Mir hat die Phase sehr gut getan, auch wenn keine Chinesen am Start waren. Ich habe gegen viele Weltklasse-Akteure gespielt und mich gut in Form gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Sie verbringen im Sommer sieben Wochen in China, um für den Club Zhejiang Hongxiang zehn Spiele in der dortigen Liga zu absolvieren. Ist das der wesentliche Teil Ihres Erfolgsgeheimnisses?

Boll: Ich bin schon in einer sehr starken Trainingsgruppe, dazu spiele ich bei den Wettkämpfen gegen die besten Spieler der Welt. Die Chinesen haben immer ein paar neue Ideen und entwickeln das Spiel immer weiter. Da kann ich noch einige Erfahrungen mitnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Als Ihr Aufstieg in die Weltspitze begann, hieß es, die Chinesen würden extra einige ihrer Spieler im Training dafür abstellen, die Spielweise von Timo Boll zu imitieren. Spielen Sie den Chinesen nicht in die Karten, wenn Sie sich jetzt als Original in die „Höhle des Löwen“ wagen?

Boll: So einfach ist es nun auch nicht, mich zu kopieren. Aber die Chinesen haben schon einen riesigen Vorteil, weil sie so viele erstklassige Leute haben. Da sind dann einige nur als Trainingspartner abgestellt, die hier in der ersten Garde mitspielen würden. Dennoch denke ich, dass die Chinesen mich mittlerweile so gut kennen, dass sie genau wissen, wie sie gegen mich spielen müssen. Aber es nützt ihnen ja dann oft doch nix.

SPIEGEL ONLINE: In China ist Tischtennis deutlich populärer als hierzulande. Können Sie dort überhaupt unerkannt durch die Straßen laufen?

Boll: So gut wie in Deutschland ist das nicht möglich. Man kennt mich dort halt besser, weil Tischtennis dauernd im Fernsehen läuft. Viele Turniere werden schon ab der ersten Runde übertragen. Deshalb sind die Spieler dort auch große Stars und bekommen Werbeverträge. Die Fernsehpräsenz ist das A und O und macht den Unterschied aus.

SPIEGEL ONLINE: Dort soll es sogar Tischtennis-Groupies geben, manche Spieler würden gar Polizeischutz benötigen.

Boll: Ja, das stimmt. Als europäischer Spieler muss man sich erst daran gewöhnen, soviel Aufmerksamkeit wird einem selten zuteil.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihren China-Aufenthalt haben Sie sogar einen Sprachlehrer engagiert. Können Sie sich vorstellen, in China nicht nur zu spielen, sondern auch zu leben?

Boll: Nein, ich will mich nur besser verständigen können, gerade im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2008 in Peking. Leben will ich dort nicht, die knapp zwei Monate Aufenthalt im Sommer sind schon das Maximum. Für einen Tischtennis-Spieler ist es allerdings immer wieder eine schöne Abwechslung.

Das Interview führte Dirk Brichzi

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