Interview mit Walter Knapper "Riesenchance verpasst"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Knapper, ist Tennis in Deutschland am Ende?
Walter Knapper: Nein. Aber mit Sicherheit fehlen zur Zeit die großen Aushängeschilder, die das Thema Tennis nach vorn schieben. Im Profisport brauchen wir wieder Typen, die für die Jugend ein Vorbild darstellen. Ich sage nicht, dass Nicolas Kiefer und Tommy Haas das nicht können. Aber sie tun das nicht in dem Umfang wie früher ein Becker, ein McEnroe, ein Connors, ein Borg oder ein Wilander.
SPIEGEL ONLINE: Der Präsident des Welt-Tennisverbands ITF, Francesco Ricci-Bitti, findet, dass es zu viele Turniere gibt. Sehen auch Sie Handlungsbedarf?
Knapper: Die kleineren Turniere sterben zu lassen, halte ich nicht für sinnvoll. Wo soll denn dann der Nachwuchs spielen? Man müsste eher ein neues Gesamtkonzept entwickeln. Beispielsweise könnten die kleineren Turniere eine Art Qualifikation für die Topturniere sein.
SPIEGEL ONLINE: Das Masters-Turnier am Hamburger Rothenbaum verzeichnet in dieser Woche das beste Teilnehmerfeld aller Zeiten. Die Übertragungsrechte aber liegen beim Pay-TV. Wie soll Tennis so die Massen erreichen?
Knapper: Tennis im Bezahlfernsehen ist überhaupt nicht in unserem Sinne. Aber die Agentur ISL vermarktet die Masters-Serie und hat die TV-Rechte an Premiere World vergeben. Als Veranstalter der Damenturniere in Hamburg und Berlin arbeitet der Deutsche Tennis-Bund mit den Öffentlich-Rechtlichen zusammen.
SPIEGEL ONLINE: Aber ARD und ZDF haben gerade erst über schlechte Einschaltquoten geklagt und laut überlegt, nicht mehr live zu übertragen. Das wird Turniersponsoren abschrecken.
Knapper: Man sollte solche Dinge nicht permanent in der Öffentlichkeit diskutieren. Wir sind gefordert, die Attraktivität zu erhöhen, und wir müssen die Mitglieder des Deutschen Tennis-Bundes dazu bringen, einzuschalten, wenn Tennis live und unverschlüsselt übertragen wird.
SPIEGEL ONLINE: Das soll es bringen?
Knapper: Wir haben nicht gerade wenige Mitglieder.
SPIEGEL ONLINE: Nach dem Finanzdesaster bei ISL droht die vor anderthalb Jahren geschaffene Masters-Serie der Herren, zu der das Hamburger Rothenbaum und das Stuttgarter Hallenturnier gehören, auseinander zu brechen. Wird die neue Serie aus gemeinsamen Damen- und Herrenturnieren bestehen?
Knapper: Wir befinden uns in einem schwebenden Verfahren, solange die Situation zwischen ISL und den Turnierveranstaltern ungeklärt ist. Bis dahin ist alles Spekulation. Doch es muss bald eine Lösung geben. Eine neue Serie lässt sich nicht von heute auf morgen realisieren.
SPIEGEL ONLINE: Gehen Sie davon aus, dass es weiterhin zwei große Herrenturniere in Deutschland geben wird?
Knapper: Der Presse habe ich gerade entnommen, dass das Turnier in Stuttgart nicht gefährdet sei. Es wäre schön, wenn es so ist.
SPIEGEL ONLINE: Sie favorisieren ein gemeinsames großes Damen- und Herrenturnier in Deutschland innerhalb einer neuen Serie. Signore Ricci-Bitti hält dies für eine schlechte Kopie der Grand Slams.
Knapper: Das Thema wird er mit solcher Aussage nicht aufhalten. Die erfolgreichen Veranstaltungen in Key Biscayne und Indian Wells zeigen, dass gemeinsame Damen- und Herrenturniere ein attraktiveres Umfeld schaffen und für positive Impulse sorgen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch im nächsten Jahr wieder den Turnierdirektor Knapper?
Knapper: Das weiß ich nicht. Ich werde mich um den Posten nicht reißen.
SPIEGEL ONLINE: Auch als DTB-Sportwart sind Sie derzeit eher Krisenmanager. Das Daviscup-Team hat es durch das blamable Ausscheiden in Holland verpasst, neue Begeisterung fürs deutsche Tennis auszulösen. Sind sie immer noch verärgert?
Knapper: Von dem, was das Team in Holland geleistet hat, bin ich enttäuscht. Ich war stinksauer, weil wir eine Riesenchance verpasst haben. Das habe ich der Mannschaft kundgetan. Was mich vor allem stört, sind Aussagen, dass alle anderen schuld sind, nur nicht der, der selber auf dem Platz stand.