Interview mit Zeitfahrspezialist Rich "Manchmal wird einem auch schlecht"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Rich, vor der Tour hat man Ihnen prophezeit, dass Sie spätestens nach den Pyrenäen nicht mehr dabei sein würden, sondern...
Rich: ... mir die Etappen im Fernsehen anschauen würde. Ich weiß, ich habe das auch gelesen. Aber so was motiviert mich.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie, der Zeitfahrspezialist, etwa zum Bergfahrer geworden?
Rich: Nein, das nicht. Aber ich bin schon immer die Berge hochgefahren wie in diesem Jahr. Das ist so eine Erfindung der Medien, dass ich nicht über einen Berg komme. Ich bin zwar nie vorn dabei, aber zum Drüberfahren reicht es.
SPIEGEL ONLINE: Im Einzelzeitfahren gehören Sie zu den Besten der Welt. Was kann man denn nach drei Wochen Tour heute erwarten?
Rich: Das Zeitfahren gehört dazu, aber ich bin nicht sonderlich motiviert.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind nicht motiviert? Es ist doch Ihre Disziplin!
Rich: Die Strecke ist extrem schwer und nach drei Wochen Tour de France brauche ich kein Zeitfahren mit solchen Steigungen mehr. Da gibt es andere, die das besser können.
SPIEGEL ONLINE: Die Strecke schockt wirklich: 55,5 Kilometer, und erst ab Kilometer 40 geht es bergab. Kein Profil nach Ihrem Geschmack?
Rich: Nein, die ist deutlich zu schwer.
SPIEGEL ONLINE: Erleben wir heute etwa die Situation, dass Spezialisten wie Sie plötzlich von den leichten Bergfahrern abgehängt werden?
Rich: Nein. Sicher wird man Fahrer weiter vorn sehen, von denen man es nicht erwartet. Aber dass jetzt auf einmal eine "Bergziege" wie Leonardo Piepoli vorn auftaucht, das wird nicht passieren.
SPIEGEL ONLINE: Wer gewinnt die Etappe?
Rich: Lance Armstrong oder Jan Ullrich, vielleicht auch Alexander Winokurow. Mickael Rasmussen wird zeigen müssen, was er drauf hat. Schließlich geht's für ihn darum, den dritten Platz gegen Ullrich zu verteidigen.
SPIEGEL ONLINE: Für Ihren Teamkollegen Levi Leipheimer geht es um Einiges, er könnte Francisco Mancebo noch von Platz 5 in der Gesamtwertung verdrängen.
Rich: Ich erwarte Levi zwar unter den ersten fünf bis sechs im Zeitfahren, aber eine Minute Rückstand? Das wird schwer.
SPIEGEL ONLINE: Georg Totschnig, ein weiterer Gerolsteiner-Kollege, hat mal gesagt, beim Zeitfahren stechen schon nach zwei Minuten Lunge und Beine. Was soll dann bitte heute erst nach zwanzig Minuten oder einer Stunde passieren?
Rich: Man fährt sich erstmal ein, bis zum Schmerzpunkt. Das klingt hart, aber auf diesem Punkt bleibt man dann.
SPIEGEL ONLINE: 55 Kilometer lang?
Rich: Bis ins Ziel. Der Schmerz wird ja nicht schlimmer über die Distanz, vielleicht auf den letzten zwei Kilometern noch mal, wenn man alles gibt. Aber irgendwann tut einem gar nichts mehr weh, weil man keine Kraft mehr hat. Wenn es ganz heiß her geht, kann es auch vorkommen, dass einem mal schlecht wird.
SPIEGEL ONLINE: Und der Puls?
Rich: Der liegt immer im Schwellenbereich. Wenn man zu lange darüber hinausgeht, bildet sich zuviel Säure in den Muskeln - und schnell fahren kann man dann nicht mehr. Aber als Rennfahrer entwickelt man ein Gefühl dafür, die Kraft einzuteilen und sich selbst einzuschätzen.
SPIEGEL ONLINE: An was denkt man noch, wenn man 55 Kilometer allein gegen die Uhr fährt?
Rich: Wenn es um den Sieg geht, drehen sich die Gedanken auch nur darum. Aber es kann auch passieren, dass man kurz vor dem Start noch einen Fetzen Musik aufschnappt. Das ist der Ohrwurmeffekt, die Musik kreist dann die ganze Zeit in deinem Kopf herum.
SPIEGEL ONLINE: Auch die Namen Robbie McEwen und Fabian Cancellara? McEwen, der Sprinter, fährt heute drei Minuten vor Ihnen los, Cancellara, der Zeitfahrspezialist, drei Minuten nach Ihnen.
Rich: Wer fährt hinter mir?
SPIEGEL ONLINE: Cancellara. Wussten Sie das nicht?
Rich: Nein, bis jetzt nicht.
SPIEGEL ONLINE: Das ist doch eine durchaus reizvolle Kombination. Sie können McEwen überholen und werden gleichzeitig von Cancellara gejagt. Was motiviert mehr?
Rich: Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Robbie McEwen im Zeitfahren einzuholen ist ja eigentlich kein Problem. Cancellara hingegen ist eine andere Gewichtsklasse. Mal schauen, wie motiviert er ist. Sollte er mich wirklich überholen, hätte ich wenigstens jemanden, an dem ich mich orientieren kann. Aber daran glaube ich nicht.
Das Interview führte Christian Gödecke