Interview "Wie sollen wir denn Meister werden?"
SPIEGEL ONLINE:
Ganz ehrlich, hätten Sie vor Saisonbeginn damit gerechnet, dass Wallau nach zehn Spielen mit 17:3 Punkten in der Bundesliga auf Platz zwei steht?
Martin Schwalb: Nein. Wir haben einige Punkte geholt, mit denen wir vorher nicht planen konnten, zum Beispiel beim Auswärtssieg in Kiel. Wir haben vorher gesagt, wir wollen einen einstelligen Tabellenplatz erreichen. Daran arbeiten wir auch jetzt noch.
SPIEGEL ONLINE: Bis jetzt äußerst erfolgreich. Was ist das Erfolgsrezept?
Schwalb: Viele Spieler arbeiten bei uns jetzt im zweiten Jahr zusammen, deshalb harmonieren sie auf dem Spielfeld besser als noch in der Vorsaison. Die Mannschaft hat ein sehr großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Keiner stellt sich in den Vordergrund. Jeder Einzelne will den Erfolg mit der Mannschaft. Das ist das Entscheidende.
SPIEGEL ONLINE: Wie vermitteln Sie diesen Teamgeist?
Schwalb: Ich versuche, den Jungs positives Denken zu vermitteln, erinnere sie immer wieder an ihre mannschaftliche Stärke. Aber vor allem entwickelt sich der Teamgeist aus der Mannschaft heraus. Die Jungs sprechen sehr viel miteinander, auch außerhalb des Spielfeldes. Die sportlichen Erfolge fördern diese Entwicklung natürlich.
SPIEGEL ONLINE: Wallau hat kaum ausländische Stars, sondern setzt auf junge deutsche Spieler. Ist das Ihre Philosophie oder hat der Verein aus der finanziellen Not eine Tugend gemacht?
Schwalb: Wie andere Vereine auch ist Wallau-Massenheim finanziell nicht auf Rosen gebettet. Wir haben überlegt, was wir in dieser Situation machen können, und uns entschlossen, jungen Spieler eine Chance zu geben. Das ist in der Bundesliga sonst nicht gerade üblich. Dass unsere Talente die Chance beim Schopf gepackt haben, macht uns sehr stolz.
SPIEGEL ONLINE: Spielern wie Jan-Olaf Immel und Christian Rose wird eine große Zukunft vorausgesagt. Welches Potenzial haben sie?
Schwalb: Sie sind auf bestem Wege, konstant gute Bundesligaspieler zu werden. Beide haben große individuelle Stärken und das Potenzial, Nationalspieler zu werden.
SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht auch das Erfolgsrezept für die Nationalmannschaft, auf junge Spieler zu setzen?
Schwalb: Bei der EM 1998 habe ich als 35-Jähriger noch gespielt. Es gibt keine jungen oder alten Spieler, sondern nur gute oder schlechte. Aber momentan ist die Zeit reif, ein paar junge Spieler einzubauen. Sie müssen die Lücken schließen, die nach dem Rücktritt des einen oder anderen erfahrenen Akteurs entstanden sind. Wir bieten unsere jungen Spieler natürlich an; denn im Nationalteam können sie internationale Erfahrung sammeln. Das täte uns sehr gut.
SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit als Trainer von Wallau, dass sie dort jahrelang als Spieler eine Führungspersönlichkeit waren?
Schwalb: Ich bin deshalb nicht unantastbar. Seit 18 Jahren bewege ich mich im Hochleistungssport und habe alles gesehen und erlebt. Im Prinzip kann mir nichts passieren: Ich arbeite hart und viel, bin immer ansprechbar. Wenn sich die SG Wallau-Massenheim aber irgendwann entschließen sollte, den Trainer Schwalb nicht mehr zu beschäftigen, geht die Welt für mich nicht unter. Deshalb strahle ich Sicherheit aus. Das merken die Spieler.
SPIEGEL ONLINE: Wer ist zurzeit Wallaus Führungspersönlichkeit auf dem Spielfeld?
Schwalb: Als Kapitän hat Mike Fuhrig eine wichtige Funktion. Er ist in der Mannschaft sehr anerkannt und leistet vor allem in der Abwehr enorm viel. Aber bei uns ist jeder anerkannt, der für das Team arbeitet. Und das sind derzeit alle. Deshalb gibt es auch nie Theater, wenn ich jemanden auswechsele.
SPIEGEL ONLINE: Gegen Flensburg war die Ballsporthalle Frankfurt erstmals seit sieben Jahren bei einem Wallau-Heimspiel wieder ausverkauft. Kann Wallau-Massenheim an die große Zeit Anfang der neunziger Jahre anknüpfen?
Schwalb: Wir sind auf gutem Wege. Es ist schon außergewöhnlich, mit dieser Mannschaft 5000 Zuschauer zu begeistern. Wir waren total baff. Ich glaube, wir haben viele alte Fans zurückgewonnen. Als großes Problem jedoch sehe ich die Erwartungshaltung an, die in Deutschland schnell in die Höhe schießt. Ich kann da als Trainer nur appellieren: Gebt uns die Zeit, die wir brauchen! Verlangt nicht alles in einem Jahr von uns! Die Leute vergessen unseren Ausgangspunkt. Mit einem ähnlichen Team wurden wir in der vergangenen Saison Zwölfter. Jetzt versuche ich, den Druck von meiner Mannschaft fernzuhalten. Denn Druck ist das Schlimmste für so eine junge Mannschaft. Durch Druck gerät man leicht in einen Negativ-Lauf.
SPIEGEL ONLINE: Wallau steht derzeit vor Kiel, Flensburg, Lemgo. Ist Ihr Team schon reif, um um den Meistertitel mitzuspielen?
Schwalb: Wir werden versuchen, noch ein bisschen oben mitzuspielen und werden um jeden Sieg kämpfen. Aber wie sollen wir denn Deutscher Meister werden? Wir können zwar immer den Kampf anbieten, aber nicht die Leistung, um ganz oben mitzuspielen.
SPIEGEL ONLINE: Was fehlt Ihrem Team denn noch?
Schwalb: Wir benötigen auf allen Positionen noch Alternativen, falls Spieler mal verletzt oder außer Form sind. Wenn ich Kiel oder Lemgo sehe - da ersetzt ein Weltklassemann den anderen. Wenn bei uns der 24-jährige Immel ausfällt, muss ich Pascal Hens bringen. Der ist 20 Jahre und spielt seine erste Bundesligasaison. Insgesamt fehlt es uns auch noch an Erfahrung.
SPIEGEL ONLINE: Wann glauben Sie, kann Wallau-Massenheim ganz oben mitspielen?
Schwalb: In zwei bis drei Jahren werden Spieler wie Immel und Rose auf ihrem Leistungshöhepunkt sein. Mit einigen sinnvollen Ergänzungen wollen wir dann unter die ersten Fünf. Eventuell können wir dann sogar den ganz großen Coup landen.