Interview zur Box-EM: "Krasniqi ist zu labil" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Interview zur Box-EM "Krasniqi ist zu labil"

Wenn die Stallgefährten Luan Krasniqi und Sinan Samil Sam am Samstag um die EM boxen, sitzt ihr Trainer Michael Timm an der Ecke von Titelverteidiger Sam. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erinnert sich Timm an die legendäre Aufgabe Krasniqis gegen den Polen Saleta und erklärt, warum er sich endgültig vom Herausforderer getrennt hat.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Timm, wie kommen Sie mit der Situation zurecht, dass einer Ihrer beiden Schützlinge am Samstag verlieren wird?

Michael Timm:
Das ist schon eine schwierige Situation für mich. Ich war absolut gegen dieses Duell. Ich habe mit den beiden nicht jahrelang gearbeitet, damit sie gegeneinander kämpfen. Kein Trainer möchte, dass seine Jungs gegeneinander antreten. Aber Universum ist ein Betrieb, der laufen muss. Als Nummer eins der Europa-Rangliste ist Luan der Pflicht-Herausforderer des Europameisters. Hätte er verzichtet, wäre er für ein Jahr gesperrt geworden. Hätte er etwa kneifen sollen, um auf mich Rücksicht zu nehmen?

SPIEGEL ONLINE: Ihr Schützling in diesem Kampf ist Sinan Samil Sam. Warum haben sie sich gegen Luan Krasniqi entschieden? Glauben Sie nicht mehr an ihn?

Timm: Ganz ehrlich: Für einen Höhepunkt wie eine EM muss ich meinen besten Sportler nominieren, und Sinan ist der stabilere Boxer. Ich arbeite schon seit vier Jahren mit ihm zusammen, in dieser Zeit hat er sich immer weiter entwickelt und wir haben ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Mit Luan gab es bekanntlich Konflikte.

SPIEGEL ONLINE: Als Krasniqi vor anderthalb Jahren den EM-Titel durch Aufgabe gegen den Polen Przemyslaw Saleta verlor, nannten Sie ihn nachher einen "verdammten Verrückten".

Timm: Luans Aufgabe hatte mir damals sehr wehgetan. Meiner Meinung nach handelte er verantwortungslos. Der Sportler steht ja nicht für sich allein da, sondern hat auch eine Verantwortung für sein Team und seinen Boxstall insgesamt.

SPIEGEL ONLINE: Wie erinnern Sie die entscheidenden Momente im Ring, als Krasniqi trotz klarer Führung nicht mehr kämpfen wollte?

Timm: Das war ein großer Schock. Ich bin an diesem Abend zehn Jahre älter geworden. Zumal Luan 20 Minuten nach dem Kampf auf der Pressekonferenz erzählt hat, dass er eigentlich hätte weiterkämpfen können. Das Schlimmste aber war für mich, dass er dann im Fernsehen vor einem Millionenpublikum mir die Schuld für seine Aufgabe gab. Da hat er ein egoistisches Verhalten an den Tag gelegt. Sicherlich hat er bereut, dass er das gesagt hat, und wir haben dann auch wieder zusammengearbeitet. Aber solche Dinge bleiben irgendwo hängen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Universum-Trainerkollege Torsten Schmitz sagt, dass es bei Krasniqi manchmal im Kopf aussetze. Können Sie das bestätigen?

Timm: Ja, Luan ist zwar ein intelligenter Bursche, vielleicht zu intelligent fürs Boxen. Aber bei der Niederlage gegen Saleta hat man auch gesehen, wie labil er ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Krasniqi auf Ihre Entscheidung reagiert, ihn gegen Sam nicht zu betreuen?

Timm: Es war für ihn nicht einfach, die Entscheidung hinzunehmen. Wir haben uns Mitte Dezember, als feststand, dass Luan und Sinan gegeneinander kämpfen werden, zusammengesetzt und ausgesprochen. Er war nicht böse auf mich, sondern hat Verständnis gezeigt. Ich glaube, er hatte damit gerechnet.

SPIEGEL ONLINE: Krasniqi hat beide bisherigen Kämpfe gegen Sam gewonnen. Was macht Sie optimistisch, dass Sie auf den Richtigen setzen?

Timm: Die Siege datieren doch noch aus der Amateurzeit. Die kann man mit Profikämpfen nicht vergleichen, da liegen Welten dazwischen: Profikämpfe sind länger, es wird anders gewertet, damals wurde noch mit der Punktmaschine gezählt. Aber auf keinen Fall werden wir Luan unterschätzen. Ich weiß, dass er ein starker Junge ist, der haut wie ein Pferd. Das wird ein heißer Abend für uns.

SPIEGEL ONLINE: Ist es denkbar, dass Sie Krasniqi in einem späteren Kampf wieder trainieren?

Timm: Nein. Ich habe lange überlegt, aber das Ding ist für mich gegessen. Wir waren schon einmal getrennt, dann wieder zusammen, jetzt geht es gegeneinander. Egal ob er verliert oder gewinnt, ich kann ihn nicht mehr trainieren.

SPIEGEL ONLINE: Welches Kampfresultat wäre Ihnen am liebsten?

Timm: Ich wünsche mir einen fairen, sportlichen Sieg für Sinan. Hauptsache, es bekommt keiner Prügel.

Das Interview führte Till Schwertfeger