Jan Ullrich Der Unvollendete
Auf dem Platz vor dem Freiburger Hauptbahnhof gibt es eine ganze Menge Hindernisse, die einem Autofahrer, zumal beschwingt vom Alkohol, in die Quere kommen können Laternenpfähle etwa oder wartende Taxis. Doch Jan Ullrich begrub in der Nacht zum 1. Mai ausgerechnet einen Fahrradständer unter Stoßfänger und Breitreifen seines Sportwagens.
Es war, als hätte er gleichsam das eigene Dasein auf die Hörner genommen. Ullrich, 28, kam aus einer Discothek, setzte sich betrunken ans Steuer seines Porsche, den er sich deshalb leisten kann, weil er einer der höchstdotierten Radprofis ist und fuhr Fahrräder zu Klump. Ungewollt ein symbolischer Akt.
Denn nur eine Woche später unterrichtete Ullrich die Öffentlichkeit, dass auch im Jahr 2002 die Karriere quasi im Leerlauf verharre. Wegen anhaltender Kniebeschwerden sagte er seine Teilnahme an der Anfang Juli startenden Tour de France ab.
Die Eskapade von Freiburg prägt stärker als alles andere zuvor Ullrichs Image eines Hochbegabten, der dem Scheitern näher zu sein scheint als dem nächsten Erfolg. Seitdem er wie ein Himmelsstürmer vor fünf Jahren die Tour gewonnen hat, wirkt er wie ein Unvollendeter, der nicht recht weiß, was er mit seinem Talent eigentlich anfangen soll.
"Das kann mir keiner nehmen"
Mit dem Triumph von 1997 war Ullrich die Rangliste deutscher Sportidole so hurtig emporgeklommen wie Pyrenäenpässe. Boris Becker war mit 17 Jahren der erste Wimbledon-Sieger aus Deutschland, Michael Schumacher mit 25 der erste Formel-1-Weltmeister und Ullrich hatte, gerade mal 23, bei einem vergleichbar legendären Sportereignis etwas vollbracht, was vor ihm keinem Landsmann geglückt war. "Das kann mir keiner mehr nehmen", sagt Ullrich seit Jahren, als wär's ein Segen. Und schaut dabei so furchtsam aus seinem jungenhaften Sommersprossengesicht, als hätte er sich damals einen Fluch aufgeladen.
Denn je länger Ullrichs historische Siegesfahrt her ist, desto mehr verblasst ihr Ruhm. Und mit ihr die Hoffnung, die sie geweckt hat. Becker und Schumacher dagegen kanalisierten nach ihren ersten Siegen den Ehrgeiz zielgerichtet und ließen die Nachrücker Michael Stich und Heinz-Harald Frentzen abblitzen. Becker engagierte und feuerte Trainer, wie es ihn gelüstete, brüskierte den Verband, richtete das Umfeld nach seinem Gusto aus. Becker war ein Diktator und erfand sich als Held immer wieder neu. Schumacher wechselte zum Mythos Ferrari und schaffte dort alles mediterran Verspielte ab. Aus dem italienischen Folklore-Team wurde unter seiner Kuratel eine multinationale Hochleistungsfabrik. Ein Schumi-Konzern, in dem nur er entscheidet, wann er abzudanken beliebt.
Und Jan Ullrich? Er stellte dem deutschen Publikum jedes Jahr neu in Aussicht, ein zweites Mal die Tour gewinnen zu wollen. Stets gab er vor, aus Fehlern gelernt zu haben und so gut trainiert wie nie dieses einzig wichtige Ziel in Angriff zu nehmen. Einem, der so redet, wird Zufriedenheit über vier zweite Ränge kaum abgenommen.
Auf Dauer nicht mal von seinem Arbeitgeber. "Ich weiß nicht, was in ihm vorgeht", rätselt Team-Telekom-Chef Walter Godefroot dieser Tage. Spätestens seit Ullrichs Ausflug in den Mai mit 1,41 Promille Alkohol im Blut ist das Verhältnis des Belgiers zu seinem wertvollsten Fahrer gestört: "So etwas macht man nicht als Profi."
Godefroot, der in den sechziger und siebziger Jahren selbst zehn Etappen gewann, sieht die Tour-Absage denn auch nicht als Folge eines orthopädischen Problems; es sind mentale Defizite, die den Telekom-Manager schier verzweifeln lassen. Schon länger monierte er Ullrichs Mangel an Selbstdisziplin etwa wenn der im Frühjahr um die Hüften fülliger als nötig aufsattelte.
Diese Woche, so kündigte Godefroot an, will er dem gebürtigen Rostocker die Rädchenfrage stellen: Wie hältst du's mit der Karriere? "Jan muss entscheiden, ob er weiter der Star sein oder ganz locker an seinen Sport herangehen will."
Doch das wollte der Ostdeutsche nie sein: der Star. Der Egoismus eines Becker oder Schumacher bleibt dem Phlegmatiker Ullrich fremd. "Quäl dich, du Sau!", brüllte ihn 1997 sein Tour-Helfer Udo Bölts auf der Vogesenetappe nach Colmar an, und erst von da an quälte er sich über die Schmerzgrenze hinaus. Und gewann.
Die Führungsrolle des Frontmanns liegt ihm nicht, der Kommandoton ist nicht seine Stimmlage. Durch Interviews rettet Ullrich sich im Ja-gut-ichsag-mal-Jargon, und wenn der Trubel um ihn herum so groß ist wie bei der Tour, verschanzt er sich vor dem Start im Telekom-Mobil und verlässt es erst im letzten Moment wie ein Ritter seine Trutzburg.
In dem Team sei er "eigentlich nur deshalb der Kapitän, weil er zufällig der Stärkste ist", deutet das Radmagazin "Tour" die innerbetriebliche Hierarchie. "Wäre ein anderer aus dem Team besser als er, Ullrich träte wohl sofort wieder zurück ins zweite Glied." Doch da drängt sich niemand auf, und so wird Ullrich Jahr für Jahr intensiver umsorgt und gepäppelt, auf dass er nochmals in Frankreich gewinne. Bisher vergebens.
Diesmal hatte ihm Godefroot sogar einen Leibkoch in seinen badischen Wohnort Merdingen gesandt, damit er sich in der Saisonpause besser ernährte, und Trainer Peter Becker als Aufpasser dazu.
Die Passivität des Wunderknaben
Becker hatte Ullrich schon betreut, als der 13-Jährige noch auf die Kinder- und Jugendsportschule ging, die Kaderschmiede des DDR-Nachwuchses. Zusammen zogen sie nach der Wende nach Hamburg, wo Ullrich in einem Amateurteam fuhr. Auch als er 1995 zum Team Telekom ins Profilager wechselte, blieb er mit Übervater Becker, der den Kollektivgedanken predigt, in engem Kontakt. Eigenständigkeit für sich zu beanspruchen, hat Ullrich nie gelernt.
Bei Telekom nehmen sie ihm alles Erdenkliche ab, damit er sich ganz aufs Radrennfahren konzentrieren kann. "Mehr an Rundumbetreuung", sagt Godefroot, "geht einfach nicht." Was in dem trainingsintensiven Metier theoretisch richtig sein kann, erweist sich in Ullrichs Fall offenbar als schädlich. Statt die Passivität des Wunderknaben zu therapieren, wird sie geschürt.
Zum Phlegma gesellt sich zuweilen Unvernunft. Mal hält Ullrich sich nicht fit genug, mal übertreibt er es. Vor drei Jahren fuhr er im Vorbereitungslager auf Mallorca 200 Kilometer durch den Regen, obwohl der Teamarzt eine leichte Erkältung diagnostiziert hatte abends lag er prompt mit Fieber im Bett. Auch die Entzündung im Knie, die ihn jetzt seit Monaten peinigt, rühre, so die Experten, von falschem Training im Kraftraum her.
Jedes Mal wieder zum Jahresende daran gemessen zu werden, was er in nur drei Juli-Wochen zu leisten im Stande ist, lässt Ullrich so verkrampfen, wie sich Lance Armstrong, 30, seinerseits daran aufputscht. Der dreimalige Tour-Sieger aus Texas ist der Gegenentwurf zu Ullrich.
Armstrong strahlt Arroganz aus, Ullrich Gleichgültigkeit. Armstrong gebietet über sein Team US Postal; Ullrich käme nie auf die Idee, bei Telekom Herrschaft auszuüben. Armstrong erwartet, dass ihm seine Helfer bedingungslos beistehen; Ullrich freut sich, wenn seine es tun. Armstrong hasst es zu verlieren, wenn es drauf ankommt; Ullrich mag es nicht, unbedingt gewinnen zu müssen. Armstrong würde es nicht aushalten, nur als Wasserträger zu dienen; Ullrich käme damit zurecht. Armstrong macht das Siegen Spaß; Ullrich das Radfahren. Meistens jedenfalls.
Was Jan Ullrich am liebsten im Schutz der Gemeinschaft erreicht, holt sich Armstrong gern mit einer Attacke. Anders als der ehemalige DDR-Kaderschüler wuchs er schon als Außenseiter auf. Für Basketball war er mit 1,79 Metern zu klein und für Baseball und Football untalentiert. Doch weil er als Triathlet und später als reiner Radrennfahrer genügend Biss aufbrachte, um erfolgreich zu sein und anerkannt zu werden, machte er seinen Weg. Als er an Hodenkrebs erkrankte und dem Sterben nahe war, löste 1997 das französische Cofidis-Team den Vertrag mit ihm. Nachdem er nicht nur überlebt hatte, sondern als Profi ins Peloton zurückgekehrt war, schuf er sich bei US Postal sein eigenes Imperium.
Und dass Radrennen auch mit Psycho-Spielchen gewonnen werden, hat Armstrong bislang bei jedem seiner Duelle mit dem friedfertigen Deutschen aufgezeigt. Als Jan Ullrich im Vorjahr bei der Tour auf einer rasanten Abfahrt über einen Kurvenrand hinausschoss, über eine Wiese rumpelte und kopfüber in einen Bach plumpste, wartete Armstrong, langsam daherradelnd, auf den Rivalen, bis der sich hochgerappelt und aufgeschlossen hatte. Scheinbar mitfühlend erkundigte sich der Amerikaner nach dem Befinden, dann spurtete er davon.
Am Abend ließ sich Armstrong als Etappensieger und neuer Träger des Gelben Trikots feiern. Und als Gentleman. Auch Ullrich fand die Geste fair.
DETLEF HACKE