Jan Ullrich "Ich erwarte das Schlimmste"
Sie müssen plötzlich sogar um den zweiten Platz bei der Tour zittern. Wie sehen Ihre Ziele für die letzten sechs Tage aus?
Ullrich
: Ich will natürlich den zweiten Platz halten und hoffe auf einen Etappensieg beim Zeitfahren in Mulhouse.
Die beiden Festina-Fahrer Beloki und Moreau haben Sie in der Zange und spekulieren auf einen Platz auf dem Siegerpodest in Paris. Was erwarten Sie von der letzten Alpen-Etappe am Dienstag?
Ullrich: Ich erwarte das Schlimmste. An der Stelle von Festina würde ich attackieren. Das wird ein sehr schwerer Tag für mich, aber ich hoffe, dass ich mir keinen Rückstand gegen die beiden einhandeln werde. Beide sind auch starke Zeitfahrer, aber auf meiner Heimstrecke habe ich am Freitag sicher Vorteile.
1997 haben Sie die Tour gewonnen - diesmal ist nicht sicher, ob Sie unter die ersten drei kommen werden. Sind Sie schwächer oder die anderen stärker geworden?
Ullrich: 1997 war ich optimal in Form und das ganze Frühjahr nicht krank. Die Konkurrenz in diesem Jahr ist stärker als damals. Überhaupt erscheint mir das Tour-Niveau so hoch wie nie.
Sie wurden von vielen Seiten für Ihre offensichtlich nicht ausreichende Vorbereitung für die Tour kritisiert. Sie haben quasi erst Mitte Mai damit begonnen. Nach Ihrem Zeitverlust in Courchevel hat Sie jetzt auch ihr Teamchef Walter Godefroot kritisiert. Wie reagieren Sie darauf?
Ullrich: Ich muss umdenken und muss in nächster Zeit wahrscheinlich noch profihafter arbeiten und mir noch mehr Zeit nehmen. Für gute Platzierungen bei der Tour reichte meine bisherige Methode. Mein Ziel ist es aber, noch einmal die Tour zu gewinnen. Dafür brauche ich ein Traumjahr und alles muss gut laufen.
Werden Sie schon in diesem Winter anfangen, Ihre Vorbereitungsmethoden zu ändern?
Ullrich: Dass muss ich ja wohl, um die Tour noch mal zu gewinnen. Ich muss anders rangehen. Der Fehler mit dem hohen Gewicht darf mir nicht mehr passieren. Es macht keinen Spaß, im Frühjahr so zu arbeiten und praktisch immer hinterherzufahren. Ich habe selbst Schuld an der Situation. Ich will, dass mir Radfahren wieder das ganze Jahr Spaß macht. Ich habe in diesem Jahr nicht alles richtig gemacht.
Lance Armstrong zeigte sich am zweiten Tour-Ruhetag überrascht über den großen Vorsprung, den er jetzt schon auf Sie und die anderen Konkurrenten hat. War es für Sie auch überraschend?
Ullrich: Vor der Tour hätte ich nicht gedacht, dass Lance so stark ist. Aber nach der Etappe in den Pyrenäen nach Hautacam hätte ich geglaubt, dass der Vorsprung jetzt noch größer ist.
Wie sieht Ihre Tour-Bilanz der ersten 15 Tage aus?
Ullrich: Eigentlich bin ich zufrieden. Ich habe noch alle Möglichkeiten auf einen Platz auf dem Podium. Mancher hatte mir ja drei Wochen vor der Tour gar nicht zugetraut, dass ich überhaupt mitfahre.
Aufgezeichnet von Andreas Zellmer