Jan Ullrich: "Ich war selber schuld" - DER SPIEGEL
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Jan Ullrich "Ich war selber schuld"

Nach einem Sturz am letzten Sonntag musste Jan Ullrich die Straßenrad-WM im französischen Plouay absagen. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Olympiasieger über seine Saison, Gewichtsprobleme und sein größtes sportliches Ziel.
Von Till Schwertfeger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Wie schwer wiegt die Enttäuschung, bei der WM tatenlos zusehen zu müssen? Ist es hart für Sie, Ihren Titel nicht verteidigen zu können?

Jan Ullrich: Das schon. Aber es ist nicht zu ändern. Der Sturz am letzten Sonntag bei Paris - Tours war so extrem, dass ich nicht starten kann. Ich heule der WM aber nicht hinterher. Denn ich bin ein gutes Jahr gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie lautet Ihr Fazit der Saison?

Ullrich: Es war sportlich ein sehr erfolgreiches Jahr. Im Frühjahr allerdings ist es nicht gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe. Im Sommer habe ich dann aber die Lust am Radfahren wieder gefunden. Ich war sehr zufrieden mit Platz zwei bei der Tour de France hinter Lance Armstrong. Die Krönung war dann der Olympiasieg und die Medaille im Zeitfahren. Bis zu meinem Sturz war ich in blendender Verfassung.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Stellenwert hat das Olympiagold im Vergleich zur Tour de France?

Ullrich: Die Tour de France ist die größte Rundfahrt überhaupt, da hat Olympia einen ganz anderen Stellenwert. Unter den Eintagesrennen jedoch ist Olympia für mich das Größte.

SPIEGEL ONLINE: Im Frühjahr standen Sie wegen Übergewichts und daraus resultierender schlechter Form massiv in der Kritik. Zu Recht?

Ullrich: Ja. Ich war selber schuld. Die Ergebnisse haben das schwarz auf weiß gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Ullrich: Ich will gut über den Winter kommen. Deshalb habe ich eine Veränderung vorgenommen: Ich fahre im Dezember ins Trainingslager nach Südafrika. Über Weihnachten und Silvester ist nämlich meine schwächste Phase. Bisher war ich da immer zu Hause, das Wetter war schlecht, ich konnte nicht trainieren. Ich bin dann von Familienbesuch zu Familienbesuch gelaufen. Da gab es immer gutes Essen...

SPIEGEL ONLINE: Tour de France, Olympia, WM - Sie haben schon alles gewonnen, was es im Radsport zu gewinnen gibt. Was ist Ihr Antrieb, weiter zu fahren?

Ullrich: Mein allergrößtes Ziel ist, nochmal die Tour de France zu gewinnen. Dreimal war ich Zweiter. Ich will meinen Sieg von 1997 bestätigen. Die Tour ist für mich einfach das größte Rennen der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Beenden Sie Ihre Karriere, wenn Sie im nächsten Jahr die Frankreich-Rundfahrt gewinnen?

Ullrich: Es gibt auch dann immer wieder neue Ziele. Das letzte halbe Jahr hat mir richtig Spaß gemacht. Wenn ich das Gefühl weiter habe, werde ich noch sehr lange fahren.

SPIEGEL ONLINE: Wieso fehlen bei der WM in Plouay so viele Stars?

Ullrich: Die WM findet zu spät in der Saison statt. Es war durch die Olympischen Spiele ein sehr hartes Jahr. Zudem ist das Wetter in Frankreich nicht so gut. Vielen steckte der lange Flug aus Sydney noch in den Knochen, sie wurden krank. So kam es zu den zahlreichen kurzfristigen Absagen.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind die Favoriten im WM-Straßenrennen am Sonntag?

Ullrich: Die Franzosen sind im eigenen Land die Favoriten. Sie haben sich speziell auf die WM vorbereitet. Auch die Italiener sind sehr gut drauf. Aber einen haushohen Favoriten gibt es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Erik Zabel muss beim abschließenden Weltcup-Rennen, der Lombardei-Rundfahrt, ohne Ihre Hilfe auskommen. Kann er dennoch den Gesamtsieg holen?

Ullrich: Erik selber kann nichts mehr machen. Die Lombardei-Rundfahrt ist zu schwer für ihn, als dass er punkten kann. Er kann nur hoffen, dass sein ärgster Rivale Andrej Tschmil das Rennen und damit den Gesamtweltcup nicht gewinnt.