Reaktionen auf Ullrich-Geständnis "Zu wenig und viel zu spät"
Reaktionen auf Ullrich-Geständnis: "Zu wenig und viel zu spät"
Foto: STEFANO RELLANDINI/ REUTERSHamburg - Der frühere Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich hat Blutdoping-Behandlungen beim umstrittenen spanischen Sportmediziner Eufemiano Fuentes zugegeben. "Ja, ich habe Fuentes-Behandlungen in Anspruch genommen", sagte er in einem Interview mit dem "Focus". Ullrich, der im Februar 2012 bereits gestanden hatte, Kontakt zu Fuentes gehabt zu haben, behauptet laut "Focus" jedoch, keine anderen Dopingmittel als sein eigenes Blut verwendet zu haben.
Die Aussage sorgt nun für teilweise wütende Reaktionen. "Das ist ein neuer Europarekord der Lüge. Er hat ja 2006 oder 2007 in vier Sprachen geschrieben, dass er Herrn Fuentes gar nicht kenne", sagte der Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke. Ullrich habe "damals vor Gericht eine Unterlassung gegen mich erwirkt, die ich erst nach viereinhalb Jahren umdrehen konnte", so der Biologe, der dem ehemaligen Radprofi zudem vorwarf, nicht die ganze Wahrheit zu sagen.
"Jetzt wird sehr zeitnah herauskommen, dass er auch mit verbotenen Substanzen gedopt hat. Er hat andere geschädigt", sagte Franke weiter. Ullrich sei "nicht nur ein stiller Lügner, sondern er wollte, koste, was es wolle, andere sehr aggressiv zum Schweigen bringen". Das sei "eine besondere Frechheit".
Als unzureichend kritisierte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, Ullrichs Geständnis. "Es ist zu wenig und viel zu spät. Für ein wirklich glaubhaftes Geständnis hätte sich Jan Ullrich schon vor einigen Jahren umfassend erklären müssen", so Bach: "Diese Chance hat er verpasst, und selbst jetzt arbeitet er nach meinem Gefühl noch mit rhetorischen Winkelzügen. Das hilft weder ihm noch dem Radsport weiter."
"Mit der Gegenwart des Radsports nichts mehr zu tun"
Auch Rudolf Scharping reagiert reserviert auf die Aussagen des früheren Tour-de-France-Siegers. "Es ist viel zu spät, um reinen Tisch zu machen. Er hätte dem Radsport helfen können, wenn er frühzeitig und komplett reinen Tisch gemacht hätte", sagte der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR).
2007 oder 2008 wäre ein geeigneter Zeitpunkt gewesen, sagte Scharping. "Damals hätte er auch sich selbst besser helfen können. Jetzt ist es nur noch die Wiederholung von längst Bekanntem zu einem viel zu späten Zeitpunkt, aber aus seinem Munde." Generell habe Ullrich "mit der Gegenwart des Radsports nichts mehr zu tun".
Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), reagierte kritisch auf die Dopingbeichte des ehemaligen Radstars. "Er soll endlich aufhören, scheibchenweise vorzugehen, sondern er soll einen Schnitt machen", sagte Vesper: "Es ist doch auch in seinem Interesse, den Schritt so zu gehen wie Lance Armstrong." Ullrichs ehemaliger Hauptkonkurrent Armstrong hatte jahrelangen Dopingmissbrauch auch mit Epo zugegeben. Dem Amerikaner wurden daraufhin sämtliche sieben Toursiege aberkannt.
Die Nationale Anti Doping Agentur (Nada) kündigte an, mit Ullrich Kontakt aufnehmen zu wollen. "Für den sauberen Sport ist es wichtig, dass er nicht nur seine Vergehen zugibt, sondern auch die Namen anderer Beteiligter im Hintergrund nennt, um weitere Indizien und Hintergründe zu erfahren", so die Nada. Die Dopingjäger betonten, jedes Geständnis von Athleten, die gedopt haben, zu begrüßen.