Jan Ullrich So dünn, dass die Hose rutscht
Futuroscope - "Talent, Training und eine Diät" - das sei das schlichte Erfolgsrezept seines Kapitäns, sagte der Chef des Team Telekom, Walter Godefroot. In nur fünf Wochen hat sich der 97er Tour-Sieger vom mopsigen Genießer zum drahtigen Superathleten gewandelt. Genies seien eben "extrem", sagt Godefroot.
Jan Ullrich selbst sprüht derzeit vor Zuversicht: Bei seiner Präsentation vor der Presse im "Amphitheater", einem Kinosaal in Futuroscope, wo die 87. Tour de France am Samstag beginnt, sagte der Topfavorit: "Ich strebe das Höchste an. Mein Ziel und Wunsch ist natürlich der Toursieg. Dafür habe ich sehr hart gearbeitet. Wenn ich den Schnitt der Platzierungen meiner bisherigen Tour-Teilnahmen - Zweiter, Erster, Zweiter - halten kann, bin ich zufrieden".
Auch der ebenso magere Vorjahressieger und Mitfavorit Lance Armstrong (USA) gibt sich optimistisch. "Ich habe eine bessere Kondition als im Vorjahr. Meine Ambition ist, natürlich wieder zu gewinnen, aber ich kann den Sieg nicht garantieren. Wenn es einen Stärkeren gibt - okay. Ich möchte nur nicht durch Pech verlieren", sagte der vom Krebs geheilte Texaner, dessen Biografie ("Tour des Lebens") die Bestsellerliste der "New York Times" anführt.
Schon unmittelbar vor dem Flug nach Frankreich konnte Ullrich schwer beeindrucken. Sein Leistungstest in Freiburg habe "zu den besten gehört, die er je abgeliefert" hat, sagte Teamarzt Lothar Heinrich. Der 26-Jährige, mit hochsommertauglichem Kurzhaarschnitt zur Tour angereist, habe annähernd die Werte von 1997 erreicht. Sein Körpergewicht, in den letzten Monaten oft ein Reizthema, liege knapp über dem Ideal von 74 Kilogramm.
"Ich gehe entspannt an den Start, weil ich weiß, dass meine Form stimmt. Die drei Tage im Gelben Trikot bei der Tour de Suisse haben mir zusätzlich Selbstvertrauen gegeben", sagte Ullrich, der sich wie bei seinem letzten Tour-Auftritt 1998 auf den Flachetappen "auf den letzten vier, fünf Kilometern" auch für mögliche Spurtsiege seines Teamkollegen Erik Zabel ins Zeug legen will.
Den diesjährigen Zeitfahrabschnitten - zum Auftakt 16,5 Kilometer, am Dienstag 70 Kilometer mit der Mannschaft und am 21. Juli noch einmal 58,5 Kilometer - misst der Weltmeister nicht so große Bedeutung bei: "Die Tour wird wahrscheinlich in den Bergen gewonnen oder verloren."
Wegen der neuen, erst im Nachhinein greifenden Epo-Kontrollen erhält der Toursieger zum ersten Mal in der Geschichte das gelbe Trikot quasi auf Bewährung. Doch Doping wird dieses Jahr keine Rolle spielen, schätzt der Leiter des Anti-Doping-Labors in Chatenay-Malabry, Jacques de Ceaurriz, der die neue Nachweis-Methode entwickelte. Auch Heinrich meint: "Jetzt wird keiner mehr etwas riskieren."