Jogging mit GPS Der Messi
So eine Tournee ist ganz schön anstrengend, vor allem, wenn Mona das Rahmenprogramm organisiert. Egal wohin ich komme, überall hat meine bezaubernde Gattin Termine vereinbart: mit Verwandten, mit Bekannten und mit Thomas.
Ich kenne Thomas nicht, er stammt aus Monas Familienzweig. Er ist Ingenieur, also die Zierde des Standorts Deutschland. Er arbeitet in der IT-Abteilung eines mittelständischen Familienunternehmens im Süden der Republik und würde gern mal mit mir laufen, wenn ich in der Gegend sei, hatte er Mona gemailt. Mich hat keiner gefragt. Leider war ich in der Gegend.
"Thomas ist um sieben am Hotel", hatte Mona mir eingeschärft. Im Tran anhaltenden Schlafmangels trotte ich ins Foyer. "6 Uhr 59 Minuten und 48 Sekunden", schallt es von der Seite: "Fast wärst du zu spät gewesen." Unsinn. Erstens bin ich deutlich zu früh, nämlich zwölf Sekunden, zweitens hätte ich noch die unter höflichen Zeitgenossen üblichen sieben Minuten Toleranz gehabt und drittens geht mir Monas Anhang auf den Senkel, schon bevor er sich vorgestellt hat.
"Guten Morgen", sage ich, "ich bin Achim".
"Weiß ich doch. Hast du die Tour gesehen?" Er zieht sein Smartphone aus dem Armhalfter und zeigt mir jene Striche, die er mir tags zuvor schon gemailt hatte. Warum soll ich mir Skizzen von Gegenden angucken, die ich nicht kenne? Genau deswegen suche ich ja Kontakt zu ortskundigen Führern.
Thomas weiß alles, was man nicht braucht
"Mach' einfach", sage ich großzügig. Aber Thomas macht nichts einfach, sondern alles kompliziert. Während er erotisierten Blickes an GPS-Gerät am Arm und Handy im Halfter herumdrückt, erklärt er: "Wir können Variante B mit 36 Höhenmetern machen oder Variante A, 1,2 Kilometer länger, dafür 12 Höhenmeter weniger." Thomas ist offenbar ein Messi, ein Mensch, der auf Messgeräte starrt.
"Genau 1,2 Kilometer?", frage ich mit Tücke im Blick.
Doch mein Messdiener lässt sich nicht irritieren., "Nein, nur 1186 Meter", sagt er freudig, als habe er in mir einen Freund entdeckt, der seine Vorliebe für nutzlose Details teilt.
"Wie wär's mit Loslaufen?", frage ich ins Gepiepe. Zunächst verkündet Thomas aber noch das Wetter-Bulletin. "Luftdruck sinkt, 5,4 Grad, 82 Prozent Regenwahrscheinlichkeit." Mir reicht ein Blick aus dem Fenster. Es nieselt.
Thomas' Stirnlampe strahlt in einem in zahlreichen Testläufen optimierten Winkel von 38,7 Grad auf den von Straßenlaternen großzügig beleuchteten Bürgersteig. Er berichtet, dass er dringend eine zweite Lampe brauche für all die Displays. "Steck Dir doch 'ne Leselampe in den Ärmel", juxe ich. Thomas lächelt dankbar. Für die Batterie könnte er am anderen Arm ein weiteres Halfter anflanschen.
Mit einem Kompass in der Innenstadt
Endlich traben wir an. Alle 100 Meter piept Thomas wie eine Zeitnahmematte. Bereits nach der dritten Abzweigung landen wir an einer Baustelle. "Das war nicht bei Googlemaps." Es scheint für Thomas eine neue Erfahrung zu bedeuten, dass man an Hindernissen, die nicht auf Googlemaps sind, einfach vorbeilaufen kann. Wie haben wir früher nur überlebt?
Thomas erzählt von seinem Urlaub: Kilometer bis zum Ziel, Höchst- und Durchschnittstempi, Benzinverbrauch. Fehlt nur noch der kumulierte Windelinhalt seines Bengels inklusive Tagesschissschnitt. Wo andere Menschen Ferienfotos zeigen, präsentiert dieser Mensch Diagramme.
Kaum sind wir zehn Minuten getrabt, muss Thomas erst mal den Kompass kalibrieren - was man so braucht in deutschen Innenstädten. Mir wird kalt, auch wenn die Temperatur um 0,2 Grad gestiegen ist, wie meine wandelnde Wetterstation meldet.
Während Thomas an seinem Pulsgurt zuppelt, versuche ich mir den Beischlaf eines Mess-Junkies vorzustellen. Ob er Puls, Kalorienverbrauch und Hüfthub dokumentiert? Ob was Relevantes fürs Höhenmeterkonto dabei rumkommt?
Zurück am Hotel klagt Thomas, dass er es trotz heftigen Trainings nie so richtig bis zur Marathonform geschafft habe. Zum Abschied verrate ich ihm den Geheimtrick der Kenianer: Laufen mit Gewichten. Einfach noch drei weitere Messgeräte an jeden Arm schnallen. Klappt bestimmt.