John Daly: The Mild Thing - DER SPIEGEL
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John Daly The Mild Thing

John Daly ist einer der Starspieler bei den am Donnerstag beginnenden Linde-Masters in Köln. Aus dem einstigen Rüpel der Golfszene ist ein besonnener Sportler geworden.
Von Andreas Lampert
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Früher nannte man John Daly einfach "The Wild Thing", weil er sich nicht allzu sehr um sein Äußeres scherte, den Ball mit unbändiger Kraft in den blauen Himmel jagte und auch abseits des Golfplatzes ein Leben auf der Achterbahn führte. Die erste Hälfte der Neunziger lieferte Daly der Öffentlichkeit so viele Schlagzeilen, dass er schnell einer der bekanntesten Golfer auf dem Planeten wurde.

Diet Coke ist das bevorzugte Getränk


In letzter Zeit ist es in Sachen Skandale ruhiger um den bulligen Kalifornier geworden, und sein Auftritt bei der BMW Open in München Ende August hat unter Beweis gestellt, dass Daly seine Dämonen offensichtlich in den Griff bekommen hat. "Seit August 2000 habe ich keinen Alkohol mehr getrunken", verkündete er voller Stolz in Eichenried, wo er seinen ersten Turniersieg nach einer sechs Jahre lang währenden Durststrecke feiern durfte. Diet Coke heißt dieser Tage Dalys bevorzugtes Getränk.

Zwar raucht der 35-Jährige immer noch pro Runde mindestens eine Schachtel Zigaretten, dennoch wirkt Daly in diesen Tagen kraftvoller und ausgeglichener als noch vor zwei Jahren. "Ich fühle mich viel stärker, seitdem ich nicht mehr diese Anti-Depressiva-Pillen einwerfe, die mir die Leute empfohlen haben", verrät der gutmütige Powerhitter. "Ich konnte zum Schluss einfach nicht mehr." Was man auf den ersten Blick vielleicht nicht sieht, inzwischen hat Daly rund 25 Kilo abgenommen. Bemerkenswert ist aber wie ruhig er inzwischen über die Runden geht. Bei der US Open 1999 in Pinehurst, North Carolina, stand er kurz vor der Disqualifikation, weil sein Ball nach wiederholtem Annäherungsversuch immer wieder vom Grün zurückrollte und er ihn frustriert wie ein Hockeyspieler wegdrosch, als er sich wieder auf ihn zubewegte.

Erster US-Spieler in Europa seit dem 11. September


"Typisch Daly" hieß es damals, und selbst seine treuesten Anhänger wandten sich enttäuscht ab. Doch nun hat sich der zweifache Major-Gewinner wieder in die Herzen der Fans gespielt. Vier Top-Ten-Platzierungen auf der US-Tour in dieser Saison zeugen von einem erfolgreichen Jahr, dazu ein dritter Platz in Loch Lomond und der Sieg bei der BMW Open. Besonders sein Auftritt in München trug dazu bei, die neue Seite Dalys kennen zu lernen. In dieser Woche wagte er sich als erster US-Spieler nach den Terroranschlägen in den USA nach Europa.

"Es ist einfach sensationell, dass John sein Wort gehalten hat und trotz der schwierigen aktuellen Situation gekommen ist", freut sich Bernhard Langer, der zusammen mit Daly in einem Privatjet aus Memphis Anfang der Woche einflog. Auch Erwin Langer, Bruder von Deutschlands Vorzeigegolfer und Mitveranstalter des mit 5,4 Millionen Mark dotierten Turniers in Köln, zollt seinem Zugpferd in diesen Tagen Respekt: "Daly ist der erste Golfstar, der die Aufforderung von Präsident Bush zu einer Rückkehr zur Normalität umsetzt." Am vergangenen Wochenende noch sagte Dalys Landsmann Tom Lehman seine bereits zugesicherte Teilnahme in Köln ab.

Üben mit nacktem Oberkörper


Doch woher kommt die Wandlung des bis vor kurzem noch als unzähmbar geltenden Athleten, dem die völlige Selbstzerstörung prophezeit wurde? Zum einem ist John Daly frisch verliebt, was ja bekanntlich auch bei den stärksten Männern die einfühlsame Seite herauskehrt. "The power of love" jubelte die britische Presse, als sie in München von Dalys dritter Ehefrau erfuhr, die pikanterweise "Sherrie" heißt.

Zum anderen ist Daly, der Vater der Monsterabschläge, inzwischen ein Trainingsfanatiker geworden, was das kurze Spiel angeht. Im Garten seines Anwesens in Tennessee hat er sich ein 200 Quadratmeter großes Grün angelegt, wo er in Ruhe chippen und putten üben kann. "Für mein Spiel hat dies Wunder bewirkt", verrät Daly und fügt lächelnd hinzu. "Ich kann dort in Shorts und freiem Oberkörper Bälle schlagen und dabei Musik hören, während ich an meinem Schwung feile."

Er sei inzwischen ein besserer Spieler als zu Zeiten seiner Major-Siege, behauptet Daly. Auch wenn der korpulente Blondschopf seine Abschläge inzwischen nicht mehr an den Rand der Erdatmosphäre jagt, fliegen seine Bälle immer noch verdammt weit.