Jürgen Hingsen: "Ich wollte Gold holen" - DER SPIEGEL
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Jürgen Hingsen "Ich wollte Gold holen"

Anlässlich der Olympischen Spiele von Sydney wird SPIEGEL ONLINE in den nächsten Tagen eine Reihe von Olympiateilnehmern aus den letzten 25 Jahren interviewen. Den Auftakt macht der ehemalige Zehnkämpfer Jürgen Hingsen.
Von Hubertus von Hörsten
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Hingsen, was halten Sie von der biblischen Halbweisheit: "Die Ersten werden die Letzten sein"?

Jürgen Hingsen: Gar nichts!

SPIEGEL ONLINE: Während der Olympischen Spiele von Seoul 1988 haben Sie beim Zehnkampfauftakt aber versucht der Erste zu sein - nach dem dritten Fehlstart im 100-Meter-Lauf flogen Sie dann aus dem Wettbewerb.

Hingsen: Ich hatte damals eine schwere Verletzung am Knie, einen Patellasehnenanriss und wusste vorher, ich kann nur neun Disziplinen richtig machen. Beim Hochsprung wusste ich genau, da werde ich nur zwei Sprünge durchhalten. Von daher musste ich beim 100-Meter-Lauf, der ersten Disziplin, schon alles auf eine Karte setzen. Wenn Sie da eine Zeit unter 11 Sekunden laufen, dann überträgt sich das auch psychologisch auf alle weiteren Disziplinen. Ich hatte mir vorgenommen, einen phantastischen Start hinzulegen und war halt dreimal eine Tausendstel zu früh.

SPIEGEL ONLINE: Verstehe, Sie konnten gar nicht anders.

Hingsen: Mir ging's nicht darum, den Zehnkampf nur durchzuhalten oder bloß eine Bronzemedaille zu holen oder 'ne Silbermedaille - das hatte ich ja schon oft genug hinter mir. Ich wollte Gold holen. Ich hatte keine Chance, mich anders zu verhalten, zumal ich bis heute Zweifel habe, ob mein letzter Start wirklich ein Fehlstart war: Da kamen vier Leute gleichzeitig aus den Blöcken.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt auch die Meinung, Sie hätten die Fehlstarts provoziert, da Sie sowieso keine Medaillenchance hatten.

Hingsen: Hätte ich gewusst, ich hab eh keine Chance, dann hätte ich mit Sicherheit einen anderen Abgang gewählt. Nee, dann hätte ich mich nach dem Hochsprung raustragen lassen können - und als "Held" verabschiedet.

SPIEGEL ONLINE: Nach den Fehlstarts jedenfalls waren Sie der "Depp der Nation".

Hingsen: Der Betrachter am Fernsehschirm hatte kein Verständnis für meine Situation und wusste auch nicht, dass ich vor den Olympischen Spielen fünfzig Mal am Knie behandelt wurde. Und auch heute fällt allen sofort die Fehlstart-Orgie ein, sobald mein Name genannt wird. Das ist Schicksal.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Schicksal ist auch, dass Sie sich trotz dreier Weltrekorde bei großen Wettkämpfen stets dem Briten Daley Thompson geschlagen geben mussten.

Hingsen: Leider Gottes sind Zehnkämpfer nicht in der gleichen Situation wie beispielsweise Tennisspieler, die sich fast wöchentlich mit demselben Konkurrenten messen können. Dann hätte ich bestimmt auch den ein oder anderen Sieg eingefangen, aber so sind Thompson und ich nur bei den Europa-, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen aufeinander gestoßen. Und sicherlich war er auch eine Reizfigur für mich.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Hingsen: Thompson versuchte mich mal mit Blickkontakten, mal mit Ignoranz oder auch abfälligen Handbewegungen zu beeinflussen. Aber man muss sich damit abfinden, dass es einen Stärkeren gibt, davon lebt der Sport allgemein. Leider ist die Einstellung der Leute: 'Zweiter taugt nichts mehr!'

SPIEGEL ONLINE: Das klingt als litten Sie heute noch unter Thompson?

Hingsen: Überhaupt nicht, ich bin vielmehr froh, dass wir beide Leichtathletikgeschichte geschrieben haben. Und man kann nur Geschichte schreiben, wenn es einen Zweikampf gibt, wie ihn sich auch die englischen Mittelstreckenläufer Steve Ovett und Sebastian Coe lieferten. Unser Zweikampf war eine absolute Werbung für den bis dahin ein "Mauerblümchen-Dasein" fristenden Zehnkampf. Darauf bin ich stolz. Und ich bin auch froh, zu einer Zeit aktiv gewesen zu sein, als auch Daley Thompson am Start war. Und das sagt er auch von mir.

SPIEGEL ONLINE: Was sagt Thompson?

Hingsen: Er hat mir schon mehrfach gesagt: "Du warst eigentlich der bessere Athlet - ich dafür der bessere Wettkämpfer." Es ist mittlerweile wirklich ein ganz herzliches Verhältnis zwischen uns geworden. Wir laden uns schon gegenseitig zu den Geburtstagen ein. Und letztens haben wir schon mal überlegt, ob wir unsere unendliche Geschichte nicht fortführen und unsere Töchter sich in einem Siebenkampf messen sollten.

SPIEGEL ONLINE: Letzte Frage. Wer glauben Sie kann in Sydney in Ihre und Thompsons Fußstapfen treten?

Hingsen: Es sieht so aus, dass Frank Busemann seine Fußverletzung überwunden hat. Aber Wunder würde ich nicht erwarten. Ich wünsche mir, dass der Frank und der Stefan Schmid eine gute Figur abgeben. Bei Frank halte ich eine Medaille für realistisch. Aber der Dvorak ist bestimmt nicht zu schlagen, außer er bricht sich jetzt 'nen Fuß oder sonst was.