Kanu-Flotte: Rettungsboote für Deutschland - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kanu-Flotte Rettungsboote für Deutschland

Nach zwei Finaltagen auf der olympischen Regatta-Strecke in Schinias ist klar geworden: Die Kanuten haben ein deutsches Debakel bei den Spielen in Athen verhindert. Viermal Gold und dreimal Silber stehen in der Bilanz - ähnlich erfolgreiche Athleten sucht man in der deutschen Mannschaft vergeblich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Athen - "Wir sind die Nummer eins der Kanu-Welt und die Nummer eins im deutschen Olympia-Team - wir haben alles richtig gemacht", sagte Ulrich Feldhoff, Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes. Nach den zwölf Finals stehen vier Gold- und drei Silbermedaillen in der deutschen Bilanz - mit jeweils einmal Silber und Bronze im Kanu-Slalom kommt die deutsche Flotte sogar auf insgesamt neun Medaillen. Erhofft hatte sich der Verband lediglich sechs. Cheftrainer Josef Capousek gab deshalb noch eine letzte Anweisung an seine Athleten: "Ab jetzt wird gefeiert."

Grund zum Feiern sieht Feldhoff jedoch nicht für die gesamte Olympiamannschaft. In seiner Eigenschaft als für den Leistungssport verantwortlicher Vizepräsident des Deutschen Sportbundes. "Wir haben die Erfolgschancen Deutschlands in einigen Bereichen deutlich überschätzt". In Kernsportbereichen, besonders in der Leichtathletik, habe man gegenüber anderen Nationen deutlich an Boden verloren, so Feldhoff.

"Das Rennen war eine Trotzreaktion"

Für die deutschen Boote gilt das Gegenteil. Am letzten Finaltag waren im Kanu noch einmal zwei Gold- und eine Silbermedaille dazu gekommen. Dabei konnte Andreas Dittmer im Einer-Canadier über 500 Meter endlich die ersehnte dritte Goldmedaille nach Sydney 2000 und Atlanta 1996 gewinnen. "Das war eine Trotzreaktion. Ich bin mit Wut im Bauch ins Rennen gegangen, weil es auf meiner Strecke nicht geklappt hatte", kommentierte der 32-Jährige seine Goldmedaille. Am Tag zuvor war der Neubrandenburger als Favorit in das 1000-Meter-Rennen gegangen, hatte am Ende nur Silber gewonnen. "Ich habe den Kopf runter genommen, der Rest war nur noch Wille und Kampf", so Dittmer, "ich wollte alles geben, egal ob ich im Ziel vor Erschöpfung ins Wasser falle."

Wenige Minuten nach Dittmers Triumph sorgten Ronald Rauhe und Tim Wieskötter für die zweite deutsche Goldmedaille des Tages. Die dreimaligen Weltmeister aus Potsdam verwiesen das Boot aus Australien deutlich auf Rang zwei. "Das waren die schlimmsten und zugleich geilsten Minuten in meinem Leben", sagte Wieskötter, das ist der Hammer." Seit beide im Zweierkajak bei Olympia in Sydney 2000 Bronze gewonnen hatten, waren sie bei jeder großen Meisterschaft auf der 500-Meter-Strecke als Erste im Ziel angekommen.

Birgit Fischer war vor Olympia noch froh, überhaupt dabei zu sein. "Jetzt habe ich Gold und Silber, das ist doch einfach unglaublich", sagte die erfolgreichste deutsche Olympionikin aller Zeiten, die sich zusammen mit Carolin Leonhardt im Zweierkajak über 500 Meter nur den ungarischen Olympiasiegerinnen Kovacs/Janics geschlagen geben musste. Mit acht Gold- und vier Silbermedaillen rückte die 42-Jährige Fischer in der Liste der erfolgreichsten Olympia-Teilnehmer aller Zeiten zudem auf den fünften Platz vor.

Nach Aussagen von DKV-Präsident Ullrich Feldhoff könnte der Erfolg der Kanuten schon bald Einfluss auf andere Sportarten haben. Mercedes-Vorstand Jürgen Hubbert habe ihm in seiner Funktion bei der Sporthilfe ausdrücklich gesagt, "dass er alles dafür tun wird, dass sich andere Sportverbände mit den Erfolgen der Kanuten auseinandersetzen. Wir gehören ja auch im Nachwuchs zur Weltspitze, das zeigt doch, dass es auch in Deutschland geht", so Feldhoff.