Kanu-Trainer Capousek "La Paloma kommt später"
Dieser Nachmittag ist wieder so einer, den man am liebsten vergessen möchte. Nicht nur, dass der Sitz im Zweier-Kanu der Männer zerbrochen ist. Den zwei Vierern der Kanutinnen fehlt der Rhythmus. Der eine bräuchte eine energischere Schlagfrau, die ihn nach vorne treiben könnte. Eine Sportlerin hat sich auch noch das falsche Paddel gegriffen.
Und schließlich säuft Josef Capousek samt Dolmetscher Qin Yang fast ab. Durch einen feinen Riss strömt Wasser in sein kleines Motorboot, es wird immer schwerer und kann den Kanus der Frauen nicht mehr folgen. Capousek, der die Mannschaften filmen wollte, muss an Land.
Es ist ein lauer Freitag auf dem Xuanwu-See im Zentrum von Nanjing, und eigentlich sollte die Woche harmonisch ausklingen. Nun herrscht schlechte Laune: "Keine Socke weiß, wer verantwortlich ist. Das ist alles so kompliziert mit euch Chinesen", schimpft der Deutsche Capousek, 63, seit 2005 Nationaltrainer der chinesischen Kanuten.
Wenig später hocken die Frauen kleinlaut in seinem Zimmer 606 und hören sich eine Standpauke an. Auf seinem Laptop-Computer zeigt Capousek Aufnahmen der deutschen Konkurrenz: "Da ist Druck, da ist Dynamik, guck, wo sie die Paddel einsetzen", doziert er und piekst mit dem Finger auf den Bildschirm. "Ihr aber fahrt nur mit Druck von den Armen. Die ziehen bei 250 Metern an euch vorbei, wenn ihr überhaupt soweit kommt. Ihr benehmt euch wie Anfänger, die Angst haben, ins Wasser zu fallen. "
Capousek redet schnell, nicht immer bringt er seine Sätze zu Ende. Am liebsten feuert er seine Leute mit dem Spruch "Heute volle Kanne. La Paloma kommt später" an, und da muss auch ein guter Dolmetscher wie Herr Qin lange nachdenken, bis er das halbwegs ins Chinesische bekommt.
Trainingsalltag der chinesischen Kanuten-Nationalmannschaft in Nanjing im Osten Chinas. Das Wassersportzentrum ist brandneu, die Regierung gibt neuerdings viel Geld aus für ihre Kajak- und Kanadierteams. Eigentlich betreiben sie in China eine Randsportart, allenfalls Drachenbootrennen sind populär.
Doch seitdem der Zweier-Kanadier der Männer in Athen mit nur wenigen Zentimetern Vorsprung überraschend die Goldmedaille gewann, sind Medaillen für Chinas Kanuten bei Olympia fest eingeplant.
Dafür haben die Funktionäre den Mann geholt, der eine Legende ist. Keiner ist in der Welt der Paddler so erfolgreich wie der gebürtige Tscheche Josef Capousek. Unter ihm haben die deutschen Kanuten bei vier Olympischen Spielen 17 Goldmedaillen gewonnen, dazu etliche Weltmeister- und Europameister-Titel.
Auch wenn die Funktionäre nach außen ihren Ehrgeiz dementieren, ist das Ziel klar: China will möglichst viele Goldmedaillen gewinnen auch in Sportarten, in denen es bislang nur Statist war. Olympische Siege sollen das Selbstwertgefühl der Nation heben und die Leistungskraft der Partei demonstrieren.
"Die Sache mit dem Gesichtsverlust ist ein Problem"
Das Angebot der Chinesen vor drei Jahren kam Capousek, der 1968 aus der Tschechoslowakei nach Deutschland geflüchtet war, sehr zupass. In Duisburg war gerade sein Verhältnis mit dem Kanu-Superstar Birgit Fischer zerbrochen, er suchte Abstand vom privaten Schlamassel und sportlich eine neue Herausforderung.
Die hat er nun: Viele in Capouseks Team sind ehemalige Schwimmer, die es nicht an die Spitze schafften. Die Folge, so Capousek: "Die Sportler haben kein Gefühl für Wind und Wellen." Und das ist nicht das einzige Problem.
Kasernierte Sportler und martialische Parolen
"Fleißig ist das Lieblingswort in China", sagt Capousek. "Für die chinesischen Trainer ist ein Training erst gut, wenn die Sportler abends auf allen Vieren ins Bett kriechen. Motivation und Psychologie sind hier Fremdworte. Lob gibt es keins." Hier setzt Capousek an. Weniger Kraft, mehr Köpfchen und bessere Technik ist seine Devise. Biomechanik hat er an der Frankfurter Sporthochschule studiert, auf richtige Bewegungsabläufe legt er viel Wert.
Außerdem schafft er den Polit-Unterricht ab, die Sportler müssen sich auch nicht mehr die 19 Uhr-Nachrichten ansehen.
Weil "die Chinesen gar nicht wissen, was Regeneration ist", gibt er der Mannschaft mehr Luft. Er lässt sie morgens eine halbe Stunde länger schlafen, am Mittwochnachmittag und am Sonntag hat sie frei. Wer in der Nähe eines Trainingslagers lebt, darf nach Hause. "Wenn man das ganze Jahr im Lehrgang ist", sagt Capousek, "dann sagen die morgens nach dem Aufwachen nicht: 'Jetzt will ich', sondern: 'Jetzt muss ich'."
Diplomatie statt klare Worte
Wie die meisten chinesischen Sportler sind sie sonst jahrelang wie Soldaten kaserniert, nur zum Frühlingsfest Anfang des Jahres dürfen sie zur Familie, wenn überhaupt. Dafür werden sie nicht schlecht bezahlt. Capouseks Kanuten verdienen rund 3000 Yuan im Monat sowie 1500 Yuan Trennungsgeld. Das ist viel für Sportler, die sich sonst wohl als Soldaten oder Wanderarbeiter durch das Leben schlagen würden.
Vor dem Kraftraum steht Yang Wenjun, Olympiasieger von Athen, Goldkettchen um den Hals, graue Neoprenhose. "Wir müssen nicht mehr so schwere Gewichte heben wie früher", sagt er, "dafür müssen wir sie öfter stemmen." Die Atmosphäre sei unter Capousek entspannter als früher: "Wir haben mehr persönliche Freiräume, jetzt trainieren wir freiwillig."
Sportlich erfüllt Capousek die Erwartungen seiner Arbeitgeber, und auch wieder nicht. Die Chinesen werden schneller, der Abstand zu den europäischen Spitzenmannschaften schrumpft. Aber auch andere asiatische Nationen legen zu, die Kasachinnen etwa und die Japanerinnen.
Bei den Weltmeisterschaften in Duisburg im Mai 2007 qualifizieren sich zunächst nur drei Boote für die Olympischen Spiele. Das ist den Funktionären zu wenig.
Je näher die Spiele rücken, desto nervöser werden die Funktionäre. Im Wassersportzentrum von Guangdong steht Anfang Februar plötzlich sein Vorgänger, der Kanadier Marek Ploch. "Ich soll die Kanadier übernehmen, du bleibst bei den Kanuten", sagte der, und dem sonst so wortgewandten Capousek verschlägt es einen Moment lang die Sprache. Dann sagt er aus Zorn alle Einladungen zu Banketten zum Frühlingsfest ab.
Eine schlüssige Erklärung erhält er nicht. War er mit seiner Kritik an den Verhältnissen zu deutlich, ist er einem Funktionär zu nahe gekommen?
Dreckwasser und Dopingkontrollen
Er macht sich Gedanken, wo er die Mannschaft in den letzten Wochen trainieren soll: "In Peking ist es zu heiß, woanders haben wir zu viele Wellen." Nun wartet er darauf, was die Funktionäre entscheiden.
Das Perlfluss-Delta in Guangdong ist alles andere als ideal. Um die Rennstrecke sind trübe, müffelnde Kanäle gezogen, aus denen die Bauern ihre Felder bewässern. Auch das Wasser der Rennstrecke ist nicht sauber, manche Sportler bekommen Magenprobleme.
Nach einem starken Regen wird das Wasser noch dreckiger.
Capouseks Truppe ist auf acht Frauen und zwölf Männer geschrumpft. Regelmäßig tauchen Doping-Kontrolleure aus Peking auf, die Blut- und Urinproben der Sportler nehmen. Die Zentralregierung hat Doping streng verboten. Sie will den Verdacht entkräften, dass in China Verhältnisse wie einst in der DDR herrschen.
In Capouseks Team haben sie bislang keine Sünder gefunden. Nur eine Kanutin, die ihre Eltern besuchte, sperrten sie für vier Monate, weil sie es nicht rechtzeitig zur Kontrolle zurückschaffte.
Seither trauen sich die Sportler nicht mehr, sich allzu weit vom Zentrum zu entfernen. Allein dürfen sie nicht mehr in die Heimatprovinz fahren. Die Funktionäre fürchten, die Genossen in der Provinz könnten aus lauter Ehrgeiz ihren Zöglingen verbotene Substanzen geben. Pakete aus der Heimat werden deshalb streng kontrolliert.
Nur Gold zählt
"Insgesamt haben wir zu wenig Wettbewerbe vor den Spielen", sagt Capousek. Gleichwohl hofft er auf drei bis vier Medaillen. "Mindestens eine muss Gold sein. Ohne Gold ist nichts, nur Gold zählt", sagt er.
Capousek funktioniert. Im Mai qualifizieren sich im japanischen Komatsu fünf weitere seiner Kanus. "Eine Supersache", kommentiert der Deutsche.
Am Gebäude in Guangzhou fordert ein Transparent, eine "mächtige und zivilisierte Kraft auf dem Wasser zu errichten, die schwere und große Schlachten gewinnen kann." Der Deutsche Capousek darf sich als Feldherr in China fühlen. "Volle Kanne", sagt er. "La Paloma kommt später."