Kiels Handball-Star Ahlm: Hüter der Zebraherde - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

THW-Kreisläufer Ahlm: Titelkönig in Kiel

Foto: Tim Oliver Kalle

Kiels Handball-Star Ahlm Hüter der Zebraherde

Er ist einer der weltbesten Kreisläufer: wuchtig, wendig, zuverlässig, torgefährlich. Als Kapitän des THW Kiel ist Marcus Ahlm Nachfolger des großen Stefan Lövgren. Mit dem "Handball-Magazin" sprach der Chemie-Student über sich, den THW sowie Herzens- und Kopfsachen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frage: Herr Ahlm, Sie sind Chemiestudent und daher bestens mit Formeln vertraut. Lässt sich für Sie auch das Handballspiel mit einfachen Formeln erklären?

Ahlm: Es wird viel im Kopf entschieden wird. Dort stecken die entscheidenden Fähigkeiten eines Spielers. Das Spiel ist zwar nicht wie Schach, aber die cleveren Spieler sind oft die Besten. Dass man für sich eine individuelle Taktik hat, ist sehr wichtig. Ein guter Körper ist natürlich eine Voraussetzung.

Frage: Sie sind der Kapitän des THW Kiel und damit ein Kronzeuge, um etwas über die Chemie dieser Mannschaft zu erzählen.

Ahlm: Die ist besonders. Als ich 2003 zum THW kam, war ich sehr überrascht über die Stimmung in der Mannschaft. Ich hatte mich eher darauf vorbereitet, egoistischer werden zu müssen. Dass hier nicht nur jeder auf sich selbst schaut, hat mich angenehm überrascht.

Frage: Hatten Sie etwa befürchtet, in einem Haifischbecken zu landen und mit lauter Diven um Einsatzzeiten kämpfen zu müssen?

Ahlm: Ja. Natürlich muss man auf dem Spielfeld egoistisch sein - aber nicht in der Kabine oder privat. Ganz ohne Egoismus schafft es ein Sportler nicht aufs höchste Niveau. Das sagen wir auch den neuen Spielern. Man muss sich auf dem Spielfeld zeigen, aber außerhalb aufeinander aufpassen. Das ist wichtig.

Frage: Diese spezielle Atmosphäre zu konservieren, ist als Nachfolger des Kapitäns Stefan Lövgren...

Ahlm: ...vielleicht meine größte Aufgabe. Aber es geht auch darum, dass wir uns weiterentwickeln und trotzdem unser Gefühl als Mannschaft beibehalten. Wir sind bei einigen Sachen sehr konservativ.

Frage: Inwiefern?

Ahlm: Wir halten an unseren Regeln fest und ändern diese nicht leichtfertig. Die sollen jedem klar sein, dann kommen auch keine Diskussionen auf.

Frage: Nach dem Pokal-Aus in Gummersbach hieß es, dass es um das Kieler Klima nicht mehr zum Besten bestellt sei und es Konflikte zwischen Familienvätern und kinderlosen Spielern gebe.

Ahlm: Ich habe davon nichts gemerkt. Aber das ist doch immer so, wenn wir ein Spiel wie in Gummersbach verlieren. Hätten wir gewonnen, wäre das nie ein Thema gewesen. So hatten einige die Chance, etwas zu sagen.

Frage: Während also die Chemie innerhalb der Mannschaft stimmt, scheinen die Elemente auf dem Spielfeld ohne prägende Figuren wie Nikola Karabatic und Stefan Lövgren noch nicht richtig miteinander zu reagieren.

Ahlm: Das ist logisch. Stefan wird nicht so schnell ersetzt. Er hat das Spiel für die anderen gespielt - das war seine Größe. Jetzt haben wir andere Mittelmänner, und das Spiel sieht mit deren Qualitäten anders aus: Wir machen auf der Mittelposition viel mehr Druck, brauchen aber noch Zeit, um unsere Rollen zu finden.

Frage: Früher gab es für Sie als Kreisläufer eine einfache Formel: stehen, warten, treffen. Das muss mit sprunghaften Typen wie Filip Jicha alles unübersichtlich geworden sein.

Ahlm: Am Anfang der Saison gab es da mehr Probleme. Jetzt spielen wir besser und haben zu unserem System zurückgefunden. Und das wird sich auf Dauer auszahlen.

Frage: Sind Sie ein analytischer Mensch?

Ahlm: Ich denke ziemlich viel nach. Mein eigenes Spiel analysiere ich ständig, um mich zu verbessern.

Frage: Lassen Sie in Ihrem Leben auch das Herz entscheiden, oder hat der analytische Marcus Ahlm immer Vorrang?

Ahlm: Manchmal werde ich sehr ungeduldig, dann entscheidet eher das Herz. Da geht es oft um alltägliche Sachen wie Einkaufen. Bei den großen Sachen bin ich eher langsam und denke nach.

Frage: Der Entschluss, den Vertrag mit dem THW Kiel bis 2012 zu verlängern - war das der Kopfmensch?

Ahlm: Vielleicht auch. Aber es war sehr viel Herz dabei. Meiner Familie und mir geht es hier sehr gut. Nach so langer Zeit in einem Verein wie dem THW wird das zu einer Herzenssache.

Frage: Ist die Beziehung zu Ihrer Heimat Schweden auch eine Herzenssache?

Ahlm: Natürlich. Das ist einfach ein schönes Land. Ziemlich familienfreundlich.

Frage: Wäre es nicht auch eine Herzenssache, 2011 wieder für die Nationalmannschaft zu spielen - gerade weil die Weltmeisterschaft in Schweden stattfindet?

Ahlm: Das wäre es. Obwohl es nicht so einfach ist.

Frage: Was macht es schwierig?

Ahlm: Ich schaffe es nicht mehr, immer durchzuspielen. Seit dem Bandscheibenvorfall 2008 habe ich deutlich mehr Probleme. Und ich merke, dass mir die Wochen im Januar, in denen ich ohne WM oder EM meine Fitness trainieren kann, sehr viel bringen. Ich fühle mich besser und stabiler.

Frage: Mal angenommen, Sie spielten die WM nicht - es drohte die Gefahr, dass einer der weltbesten Kreisläufer als ein in der Nationalmannschaft unvollendeter Spieler abtritt.

Ahlm: Ich spiele nicht Handball, um später etwas vorzeigen zu können. Daran habe ich nie gedacht. Und ich werde nicht irgendwann meine Karriere analysieren.

Frage: Sondern?

Ahlm: Ich will in den aktuellen Wettbewerben gewinnen und mich jeden Tag verbessern. Darum geht es mir. Ich bin stolz auf die Titel, die wir mit Kiel gewonnen haben, aber es geht immer ums nächste Spiel. Da muss ich mich beweisen.

Frage: Mit Ihrem neuen Vertrag bis 2012 ist eine zeitliche Linie gezogen, hinter der ein neues Leben beginnen könnte. Als Offizieller auf der Bank zu sitzen - war das gegen Flensburg auch ein unfreiwilliger Probelauf für Ihre berufliche Zukunft?

Ahlm: Nein. Ich könnte mir nicht vorstellen, gleich nach meiner aktiven Karriere ein Cheftrainer zu sein. Es wäre allerdings schön, wenn ich jungen Kreisläufern als Techniktrainer etwas von meinen Erfahrungen weitergeben könnte. Mit 31 habe ich einiges gehört - wenn ich davon mit 19 gewusst hätte, wäre ich jetzt weiter.

Frage: Haben Sie einen Traum, wie Ihr Leben in zehn Jahren aussehen soll?

Ahlm: Natürlich mit Gesundheit für die Familie in einem Umfeld, in dem wir uns wohlfühlen. Darum geht es.

Frage: Lösen Sie sich womöglich komplett vom Handball?

Ahlm: Undenkbar ist das nicht. Ja, ich glaube, ich werde etwas Neues suchen. Aber momentan habe ich meine Familie und Handball. Damit fühle ich mich wohl - ich bin ein glücklicher Mensch.

Das Interview führte Tim Oliver Kalle