Kinofilm Weniger dumpf-gefährlich als Tyson
Los Angeles - Am Anfang gab es kaum mehr als Gerüchte. Mal hieß es, der Prinz arbeite als Taxifahrer in New York, ein andermal, er betreibe einen Puff in Neustrelitz. Jemand behauptete, er sei in Moskau "im Bankgeschäft", ein anderer wusste ihn verschollen in Mexiko Norbert Grupe, der in den sechziger Jahren als "Prinz von Homburg" Boxhallen und Klatschspalten füllte, schien endgültig abgetaucht ins Reich der Legenden.
Die Screen Actors Guild, die US-Schauspielergewerkschaft, wusste mehr: Grupe lebe in Los Angeles, wo er sich als Filmstatist durchschlage ein Ex-Boxer ohne festen Wohnsitz, 61 Jahre alt und ausgestattet mit dem Optimismus eines Mannes, der in 47 Kämpfen zwar einiges einstecken musste, aber nie lange am Boden blieb.
Enttäuschte Träume und zerbrochene Freundschaften
Es ist der Beharrlichkeit des Berliner Dokumentarfilmers Gerd Kroske zu verdanken, dass jetzt ein Dokumentarfilm ins Kino kommt (Start: 24. Januar), der den verschlungenen Lebensweg des gelernten Schlachters mit zahlreichen Interviews und seltenen Archivbildern nachzeichnet. "Der Boxprinz" ist ein nostalgischer Rückblick auf eine Zeit, als Boxen und Halbwelt noch untrennbar zusammengehörten.
Vor allem aber belegt Kroskes Film, wie willkürlich die Erinnerung funktioniert. Aus enttäuschten Träumen, zerbrochenen Freundschaften und verkorksten Kämpfen montiert er das Bild einer Karriere, die selbst in ihren Tiefpunkten schillernder und kurzweiliger erscheint als alles, was heute das Box-Business ausmacht.
Eine frühe Filmaufnahme zeigt den selbst ernannten Prinzen, wie er mit Hut, Stock und Zigarre über den Hamburger Jungfernstieg promeniert; er war ein Kotzbrocken, ein Wahnsinniger, der seine Gegner als "Brausebacken" oder "Taschendiebe" verhöhnte. Die Zeitungen schrieben ihn dankbar zum Popstar hoch.
"Ich hätte mich gekonnt hingelegt"
Wenn nur sein Temperament nicht gewesen wäre. 1966 verlor er den Titelkampf im Halbschwergewicht gegen den Italiener Piero Del Papa, weil er seinen Gegner in Runde elf mit einem Kopfstoß attackierte. Der Ringrichter, "dieser eigenmächtige Onanist" (Grupe) disqualifizierte ihn sofort. Bei einem Sieg, sagt Grupe freimütig vor der Kamera, hätte er seine gesamte Prämie bei der nächstbesten Titelverteidigung auf seinen Gegner gesetzt, "und dann hätte ich mich gekonnt hingelegt".
Zugleich zog es Grupe zum Film. In Amerika hatte er in zwei Folgen der Fernsehserie "Rauchende Colts" mitgespielt, jetzt bekam er Statistenrollen in Alfred Hitchcocks "Der zerrissene Vorhang" und in Bernhard Wickis "Morituri", an der Seite des großen Marlon Brando, immerhin. Später spielte er in "Die Hard" und "Ghostbusters II" und dazu in allen Nazi- und Schurkenfilmen, die er kriegen konnte heute zahlt ihm die Schauspielergewerkschaft sogar eine kleine Pension.
Legendärer Auftritt im ZDF-Sport-Studio
Seine größte Rolle allerdings hatte der "Prinz von Homburg" im ZDF-"Sport-Studio". Am Tag nach seiner K.-o.-Niederlage gegen den Argentinier Oscar Bonavena trat Grupe, noch leicht geschwollen, gegen den Moderator Rainer Günzler an. Wie er sich nach den fünf Niederschlägen fühle, wollte der ZDF-Mann wissen, doch Grupe ließ ihn live ins Leere laufen: Sechs Fragen lang schwieg er seinen Gegner einfach nieder.
Den Jahren des Rausches folgte der Niedergang. Grupe soff und prahlte und prasste und hurte und wanderte wegen Haschisch-Handels in den Knast.
Alte Weggefährten sprechen noch heute voller Hochachtung von Grupe. Er sei ein "Einzelkämpfer, Einzelgänger und Einzeldenker", gibt der ehemalige Bordellchef Walter Staudinger im fernen Miami zu Protokoll "und so ist sein Benehmen". Werner Herzog, der Grupe für den Film "Stroszek" als Zuhälter engagierte, bewundert ihn als deutsche Ausgabe von Mike Tyson. Grupe habe "etwas Gemeingefährliches: nicht so dumpf-gefährlich wie Tyson, sondern intelligent-gefährlich".
HAUKE GOOS