Kitesurfen-Weltcup Hoffen auf Brasilien
Die Party beginnt schon auf dem Parkplatz. Laute Musik dröhnt aus den Boxen. Durchtrainierte Jungs in bunten Shorts sitzen lässig vor ihren Surfbullis. Richtung Strand steigt die Zahl der Tätowierten. Fast jeder trägt eine grelle Sonnenbrille, Coolness pur. In der Ferne tanzen dutzende Drachen am Himmel. Wie ein Schwarm bunter Schmetterlinge schwirren die Kites hoch über der Nordsee. Die Karawane der Funsport-Fans hat zum Weltcup der Kiteboarder am Strand von St. Peter-Ording Station gemacht, neun Tage lang.
Mario Rodwald kann das alles noch in Ruhe genießen. Als einer der gesetzten Freestyler muss der Kitesurfprofi in der Qualifikation für den Tricksport-Wettbewerb nicht antreten und kommt erst in der Hauptrunde zum Einsatz. Morgens hat der Rendsburger locker trainiert und gigantische Sprünge in der flachen Brandungszone der Nordsee hingelegt.
Der Wind ist gut heute, sein knapp zwölf Quadratmeter großer Lenkdrache entwickelt genug Zug, um den 20-Jährigen meterhoch aus dem Wasser zu katapultieren. Täglich trainiert der sechsmalige deutsche Meister seine Tricks und Sprünge auf dem Wasser und schwitzt zusätzlich im Fitnessstudio. An der Nordsee will er die versammelte Weltspitze angreifen und unter die besten Fünf kommen.
"Hier soll es nett sein"
Von den Wettkämpfen bekommen Silvia und Manu allerdings gar nichts mit. Die beiden sind vielmehr zum Chillen nach St. Peter gefahren. Während die Kiteboarder ein paar Meter weiter über das Wasser fliegen, liegen die Urlauberinnen aus München und Augsburg in einem Strandkorb und genießen die Sonne. "Hier soll es nett sein, hat uns eine Freundin erzählt. Deshalb sind wir hier", sagt Manu und schiebt ihre riesige Sonnenbrille zurück auf die Nase.
Ein DJ legt derweil entspannten Elektrosound auf. Skateboarder zeigen auf der Miniramp ihre Tricks, BMX-Fahrer fliegen mit ihren Rädern über einen Rampen-Parcour. Unterdessen lässt es sich das Szenevolk an diesem Samstagnachmittag in Hängematten gut gehen. Jeden Abend wird der Strand zur Tanzfläche. Die Disco Boys, ein bekanntes Hamburger DJ-Duo, legen zu Beginn des kommenden Finalwochenendes auf, dann werden Tausende im wohl größten Beachclub der Republik tanzen.
Vergangenes Jahr gab Vorzeige-Hiphopper Jan Delay auf einer gigantischen Bühne ein Gratis-Konzert. Über 40.000 Menschen waren dabei. "Dieses Jahr gab es für eine so große Veranstaltung am Rande eines Naturschutzgebietes von den Verantwortlichen keine Genehmigung mehr. Die Kurgäste sollten nicht belastet werden", so Veranstalter Matthias Neumann.
Hoffen auf die Olympischen Spiele
Zum sechsten Mal organisiert der Sportvermarkter den World Cup. Vor allem die Fernsehtechnik soll das Kitesurfen in Zukunft für die Zuschauer noch attraktiver machen, hofft der Hamburger. Er schwärmt von Kameras auf dem Meer, den Boards und Schirmen der Athleten, die per Funkstrecke Bilder von den Kite-Rennen live an den Strand senden. Das würde den Sport noch attraktiver machen.
Die große Hoffnung der Funsportler sind die Olympischen Spiele 2016. In Brasilien könnte Kitesurfen als Disziplin ins Programm aufgenommen werden. Das würde dann wohl auch noch mehr Sponsoren anziehen. Schon jetzt werben zahlreiche Aussteller am Strand für ihre Produkte. Ein großer Softwarehersteller hat einen Surfsimulator aufgebaut, eine Flugline verschenkt Lenkdrachen.
Überall prangen die knallbunten Logos der Kitefirmen. Sie statten die Profis mit den neuesten Boards aus und übernehmen die Kosten, die bei den Reisen zu den besten Kitesurf-Revieren der Welt entstehen. "Ein Freestyle-Profi benötigt pro Jahr Material im Wert von 10.000 bis 15.000 Euro", sagt Rodwald. Im Gegenzug probieren die Fahrer, die Marken in die Kitesurf-Magazine zu bringen. Ein Verkaufsmodell, das auch in anderen Funsportarten funktioniert.
Beim Skateboarden, Surfen oder eben Kiteboarden fungieren die Profis selbst als Marketingabteilung ihrer Sponsoren. Sie präsentieren ihre Geldgeber und unterstreichen damit in der Szene ihren Status als Ausnahmefahrer. Clips mit den atemberaubenden Tricks, die sie beherrschen, sind die perfekten Werbespots.
Mario Rodwald sitzt im Zelt einer großen Funsport-Marke und schreibt Autogramme. Heute herrscht fast Flaute. Ein müdes Lüftchen hat nur einige Freizeitkiter auf das Meer getrieben. Zu wenig zum Freestylen. Für die World-Cup-Vorbereitung ist Rodwald im Winter um die halbe Welt gereist und hat an Traumstränden trainiert, sich nur auf seinen Sport konzentriert. "Der Beach-Lifestyle gehört dazu. Aber nach einer Woche Strand nervt das auch. Ich habe dann überall Sand, selbst im Laptop und im Handy." Abends wird Rodwald in sein Wohnmobil auf dem Parkplatz klettern. Hoffentlich kann er bei dem Lärm schlafen.