Klitschko ausgetrickst Knockout vor der ersten Runde
Sie nennen ihn "Doktor Eisenfaust" in Ehrfurcht vor der immensen Schlagkraft und seinem akademischen Titel. Und manche halten ihn mit seinem jüngeren Bruder Wladimir für die Zukunft im Schwergewicht. Doch momentan gibt es vielleicht keinen machtloseren Menschen als Dr. Witalij Klitschko, den in Deutschland überaus populären ukrainischen Boxprofi mit Wohnsitzen in Hamburg, Kiew und Florida.
Der 31-jährige promovierte Sportlehrer war schon sicher, mit einem Weltmeisterschaftskampf gegen Champion Lennox Lewis vor der größten Chance seiner vielbeachteten Laufbahn zu stehen. Doch nun sieht vieles danach aus, als käme der so (vor)laut eingetrommelte "Megafight" vorerst nicht zustande. Denn Mr. Lewis, Titelträger des WBC-Verbandes, hat plötzlich andere Pläne.
Es war ein großer Tag für den 2,02 Meter messenden Riesen Klitschko, als er am 23. November vergangenen Jahres in Oberhausen den US-Amerikaner Larry Donald im Kampf um den Internationalen Titel der WBA durch Abbruchsieg in der zehnten Runde bezwingen konnte. Das deutsche Publikum, das die beiden freundlichen Brüder längst adoptiert hat, jubelte ihm zu.
Lewis ein zweites Mal gegen Tyson?
Seine Tochter Elisabeth-Victoria war soeben gesund zur Welt gekommen. Dazu verkündete sein Management auch noch, dass der WM-Tanz mit Lewis schon abgemacht und alles Übrige nur eine Frage von Details sei. Die Wünsche des Ukrainers wie des deutschen Ringvolks schienen rechtzeitig zur Weihnachtszeit in Erfüllung zu gehen.
Jetzt aber verlautete aus dem Lewis-Umfeld, der britische Titelträger werde zunächst ein zweites Mal gegen den von ihm bereits k.o. geschlagenen Mike Tyson antreten. Und plötzlich ist statt eines Ringduells ein Krieg hinter den Kulissen entfacht. Klitschko-Promoter Klaus-Peter Kohl, Chef des Hamburger Universum-Boxstalls, hält den Stimmungsumschwung im Lewis-Lager für einen "Vertragsbruch" und ist zur Zeit in Amerika unterwegs um "einige Gespräche mit verschiedenen Leuten" zu führen. Darunter auch mit Ron DiNicola, der in Amerika die Klitschkos anwaltlich vertritt.
Die Hamburger pochen darauf, dass der Vertrag mit Lewis' Firma Lion Promotions von beiden Seiten unterzeichnet ist - bis auf die offene Frage des Termins - und dass Lewis spätestens bis Juni dem Herausforderer Nummer eins, also Klischko, laut WBC-Regeln eine Titelchance gewähren muss.
Das sehen die Berater um den in Jamaika geborenen Lewis anders. Es seien etliche Details im Vertragswerk noch immer ungeklärt, hieß es da zuletzt. Außerdem halte der Champion von der sportlichen Qualität seines Pflicht-Herausforderers wenig. Wer das Recht erhält, den selbsternannten einzig wahren König auf dem Schwergewichts-Thron zu fordern, pflegt dieser gerne selbst zu entscheiden.
Lewis hat alle Fäden in der Hand
Lewis sieht sich als eine Art Treuhänder des Boxpublikums, dem er die jeweils attraktivsten Kämpfe bieten will. Deshalb ließ er mit Chris Byrd (IBF) und John Ruiz (WBA) in der Vergangenheit schon zwei Mal rechtmäßige Herausforderer ins Leere laufen, auch wenn er dadurch die betreffenden Titel verlor.
Ob eine Neuauflage des Duells mit Tyson wirklich interessanter zu werden verspricht als der Vergleich mit Klitschko, darf allerdings bezweifelt werden. Im Juni 2002 dominierte der 1,96 Meter große Londoner den um 15 Zentimeter kleineren Ex-Weltmeister in Memphis fast nach Belieben. Der K.o.-Triumph in der achten Runde hat unter Kennern wenig Neugierde auf ein Rematch geweckt.
Witalij Klitschko in Amerika gar nicht vermarktbar?
Tysons beste Tage sind nach allgemeiner Auffassung längst vorbei. Daran wird auch ein Sieg in seinem für den 22.Februar angesetzten Aufwärmkampf gegen Clifford Etienne wenig ändern. Allerdings gilt der für seine Eskapaden berüchtigte "Iron Mike" noch immer als Kassenmagnet für Veranstalter und Fernsehsender - während man Witalij Klitschko jenseits des Atlantiks eher für den großen Bruder eines Weltklasseboxers hält.
Ist Klitschko der Ältere im Unterschied zum jüngeren, talentierteren Wladimir in Amerika eventuell gar nicht vermarktbar? Die zurückhaltende Reaktion des Pay-per-View-Senders HBO, der sich bisher nicht gerade auf die Seite der Hamburger stellt, läßt das zumindest vermuten. In dessen Chefetagen hat sich "Doktor Eisenfaust" mit seiner durch Verletzung begründeten Aufgabe bei der US-Live-Premiere gegen Chris Byrd (April 2000) wenig beliebt gemacht.
Amerikanische "Ringsider" urteilen ohnehin: Zu steif, zu schematisch sei das gesamte Repertoire des unerschrockenen Ukrainers. Aber Vertrag ist Vertrag, beharrt das Management der Klitschkos, das inzwischen beim WBC-Verband vorstellig geworden ist und sich nicht erneut blamieren will.
Wie die Kölner Sauerland Promotion, hat auch der Branchenführer aus Hamburg immer wieder Kämpfe eingetrommelt, die dann nie stattgefunden haben, so wie zuletzt das beinahe unterschriftsreife Duell zwischen Sven Ottke und Dariusz Michalczewski, von dem ein halbes Jahr später kaum noch einer spricht.
Für dieses Mal aber scheint die Seriosität auf Seiten des größten europäischen Boxstalls zu sein, weshalb auch Universum-Geschäftsführer Peter Hanraths den Willen zum (juristischen) Kampf bekräftigt: "Wir ziehen das durch."