Wiegen vor dem Kampf: Chaos in Moskaus Shopping Mall
Klitschko-Kampf in Moskau Chaos auf der Waage
Um 14.59 Uhr verrutschte Michael Buffer etwas das Lächeln. Der 68-jährige US-Amerikaner wollte seines Amtes walten und die beiden Kontrahenten des Box-WM-Kampfes im Schwergewicht vom Samstag ansagen: Alexander Sascha Powetkin und Wladimir Klitschko (21.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, im TV bei RTL).
Doch nichts tat sich in der Atrium Shopping Mall im Zentrum Moskaus. Von Klitschko keine Spur. Powetkin? Fehlanzeige! Buffer, die bekannteste Stimme des Boxens, wartete und wartete. Selbst für einen Profi-Grinser wie ihn eine Zumutung.
Für 14 Uhr Ortszeit war das offizielle Wiegen angesetzt, das vor allem deshalb mit Spannung erwartet wurde, weil Powetkin zwar zum einen wegen seiner guten Technik als potentieller Klitschko-Bezwinger gilt, zum anderen aber in seinen vergangenen Kämpfen in erster Linie mit einem beachtlichen Bauchumfang aufgefallen war.
"Mit mir war das anders besprochen worden"
Die Russen aber glauben an den 34-jährigen Herausforderer. Über alle drei Etagen des pompösen Einkaufszentrums hatten sich die Zuschauer an die Balustrade gedrängt, um die Begegnung der beiden Boxer anzusehen und ihren Favoriten anzufeuern. Sie harrten aus, bis nach mehr als eineinhalb Stunden Wartezeit das Procedere begann. "Powetkin, Powetkin"-Rufe erklangen. Dass dann aber nicht der von Buffer Angekündigte, sondern Klitschko mit seiner Entourage die Bühne betrat, passte zum Ablauf der Veranstaltung. "Mit mir war das anders besprochen worden", sagte Buffer später, dessen Lächeln zwar zurück war, aber doch einiges an Mühe zu kosten schien.
Da war es also, das im Vorfeld vor allem vom Klitschko-Team befürchtete Chaos.
Im für die Presse abgesperrten Bereich drängten sich rund 400 Journalisten und 40 TV-Teams. Das Areal war völlig überfüllt. "Es läuft nicht, wie es laufen soll", hatte Klitschko-Manager Bernd Bönte in der "Hamburger Morgenpost" bereits vor dem Wiegen den Veranstalter kritisiert: "Wir bekommen kaum Informationen über die Abläufe vor Ort, diverse Fragen bleiben unbeantwortet. Wir wissen nicht, wie der Zeitplan am Kampfabend aussieht." Bönte vermutet dahinter Prinzip: "Ich denke schon, dass das auch Absicht ist, ganz klar."
Powetkin in Form, Klitschko austrainiert
Anders als sonst sind diesmal nicht die Klitschkos die Veranstalter. Der russische Oligarch Andrej Ryabinski hatte den Fight für gut 17 Millionen Euro nach Moskau geholt. Klitschko bekommt als Champion knapp 13 Millionen Euro, Powetkin erhält immerhin noch 4,3 Millionen Euro.
Dass der Russe den Sieg holen könnte, ist nach Meinung vieler Experten unwahrscheinlich - aber zumindest die Sorge um den Bauch konnte Powetkin seinen Fans am Freitag nehmen. Deutlich besser in Form als zuletzt und hochkonzentriert wirkte der 1,88 Meter große Russe, die Waage zeigte 102,4 Kilogramm an. Der zehn Zentimeter größere Klitschko bringt es auf 109,6 Kilogramm. Wie gewohnt machte der Ukrainer einen optimal austrainierten Eindruck. "Ich fühle mich mit meinen 37 Jahren besser als mit 27. Es juckt unheimlich in den Fäusten", sagte Klitschko.
Und das hatte nichts mit Dereck Chisora zu tun. Der Klitschko-Erzfeind drückte sich, mit Wollmütze und Sonnenbrille, ebenfalls auf dem Podium herum. Der Brite gehört zum Team Powetkin, soll das Bandagieren des Weltmeisters überwachen. Und wohl auch die Stimmung ein bisschen anheizen.
Wer vor dem Wiegen zudem noch auf übliche Mätzchen gehofft hatte, wie Trash-Talk, Ohrfeigen oder sonstiges, wurde enttäuscht. Nach dem vom Protokoll so vorgesehenen 45-sekündigen Anstarren nickten sich Klitschko und Powetkin zu und gaben sich die Hand.