Klitschkos WM-Sieg: Hai und Goldfisch - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Klitschko vs. Sosnowski: Knockout in der zehnten Runde

Foto: INA FASSBENDER/ REUTERS

Klitschkos WM-Sieg Hai und Goldfisch

Es ging mehr ums Spektakel und um große Sprüche als um den Sport. Vitali Klitschko hat mit seinem K.o.-Erfolg gegen den Polen Albert Sosnowski die Massen auf Schalke zufrieden gestellt. Eine echte Herausforderung war der schwache Gegner aber nicht.
Von Susanne Rohlfing
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Erst der K.-o.-Schlag, dann die Umarmung: Dazwischen liegen nur wenige Momente des Jubels. Eben noch war Albert Sosnowski ein hoffnungslos überforderten Herausforderer, jetzt ist er der Heilsbringer. Zumindest für Vitali Klitschko, der seinen gefallenen Konkurrenten nun ausgiebig herzt. Der Pole ließ dem Schwergewichtsweltmeister aus der Ukraine nicht nur dessen Titel, sondern ermöglichte ihm auch, gut dabei auszusehen. Damit hat er sich den Dank des Champions verdient.

Sosnowski zappelte bis zum bitteren Ende. Schon angeschlagen blieb er in der zehnten Runde tapfer so lange stehen, bis Vitali Klitschko seine Rechte ins Ziel feuerte und den acht Jahre jüngeren Kämpfer spektakulär zu Boden schickte. 40.000 Zuschauer im Schalker Fußballstadion waren versöhnt. Jubel allüberall.

Dass Vitali Klitschko vor dieser im Boxen ungewöhnlichen Kulisse seinen Titel des Weltverbandes WBC verlieren könnte, hatte nicht ernsthaft zur Diskussion gestanden. Wer war schon Albert Sosnowski? Europameister? Das ja. Erfahren? Mit 45 Kämpfen auch das. "Wild und hungrig", wie Klitschko es im Vorfeld so gern formulierte? Möglich, doch boxerisches Können beschreiben diese Adjektive nicht.

Ein Spektakel musste her

Für Vitali Klitschko ging es darum, keinen Langweiler-Kampf abzuliefern, nicht wieder wie zuletzt gegen Kevin Johnson nur einen mageren Punktsieg nach zwölf lahmen Runden herauszuholen. Sonst hätte ja der Verdacht aufkommen können, der 38-Jährige wolle mit seinem Titel nur noch einfaches Geld verdienen. Oder gar, er sei eingerostet, habe seinen Zenit überschritten, sei reif für die Rente.

Klitschkos jüngerer Bruder Wladimir hatte zuletzt vorgemacht, wie auch ein Boxer Fußballstadien zu füllen vermag. Als er im Juni 2009 in Gelsenkirchen gegen den Usbeken Ruslan Tschagajew kämpfte, kamen 60.000 Menschen. Das Duell von Vitali Klitschko gegen Sosnowski verfolgten 20.000 Menschen weniger live am Ring. Das sind immer noch mehr als in jede deutsche Veranstaltungshalle passen, aber es sind deutlich weniger, als ein Klitschko mobilisieren kann, wenn er gegen einen namhaften Gegner antritt.

Auch deshalb hat Klitschko nicht einfach nur siegen, sondern mit Spektakel siegen müssen. Das Wir-unterhalten-die-Massen-Konzept der schillernden Box-Brüder aus der Ukraine stand auf dem Spiel. Also lobte Vitali Klitschko seinen Gegner nach dem Triumph noch ein bisschen stark: "Ich habe in Sosnowskis Augen gelesen, dass er eine harte Nuss ist." Und: "Er hat eine sehr gute Leistung gezeigt, es war nicht einfach, gegen ihn zu kämpfen."

Gewirkt hatte es anders.

Es war wie das Kräftemessen eines Goldfischs mit einem Hai. Klitschko musste nichts weiter tun, als hin und wieder den Kopf einzuziehen und regelmäßig seine tief hängende Linke aus unmöglichem Winkel an Sosnowskis Kopf krachen zu lassen. Der Pole hampelte sich derweil müde. Seine Attacken auf Klitschko sahen manchmal aufregend aus, doch wahlweise brachte sich Klitschko auf seine gewohnt staksige Art mit einem Ausweichmanöver in Sicherheit oder Sosnowski feuerte seinen Schlag derart ungeschickt in die Luft, dass er sich damit ein ums andere Mal fast selbst von den Füßen holte.

Echte Gegner nicht in Sicht

In der sechsten Runde brachte Klitschko seinen Kontrahenten mit einer sauberen Links-Rechts-Kombination schließlich gewaltig ins Wanken. Der ultimative Schlag folgte jedoch erst nach 2:30 Minuten der zehnten Runde.

Anschließend war Klitschko sichtlich stolz auf sich und seine Leistung. "Ich habe meinem Gegner heute nochmal eine Lehrstunde gegeben", sagte er. "Es gibt keinen, der mir den Gürtel wegnehmen kann." Dann kündigte er an: "Ich werde in den nächsten Kämpfen beweisen, dass ich nicht umsonst den Gürtel trage, den vor mir viele große Champions besaßen."

Muhammad Ali zum Beispiel, Mike Tyson, oder auch Lennox Lewis. Große Namen aus der Vergangenheit, große Namen, die dem aktuellen Schwergewichtsboxen fehlen. Gäbe es sie, könnte Klitschko vorgeworfen werden, mit Albert Sosnowski einen Gegner gewählt zu haben, gegen den er ganz automatisch reaktionsschnell, präzise und beweglich wirken musste. Aber da draußen wartet niemand.

Deshalb dürfte Klitschkos Ankündigung, trotz seiner 38 Jahre noch ein Weilchen Weltmeister bleiben zu wollen, durchaus real sein. Zwei Gegner gibt es noch, die Klitschko reizen: der Russe Nikolai Walujew und der Brite David Haye. 2,13-Mann Walujew "wegen seiner Größe", der WBA-Weltmeister-Kollege Haye "wegen seiner Sprüche". Er habe die Klitschkos immer wieder beleidigt und deshalb wolle er Haye "den Mund mit meinen Fäusten zumachen", sagte Vitali Klitschko. Doch sowohl Haye als auch Walujew zieren sich, sie zögern die Verhandlungen mit dem Klitschko-Lager heraus.

"Ich bin der Stärkste der Welt"

Derweil ist Vitali Klitschko, der 2005 schon mal wegen unüberwindlich scheinender Probleme in Knien und Rücken zurückgetreten war, bewusst: "Jeder Kampf kann der letzte sein." Die Zeit und sein eigener Körper sind Klitschkos härteste Gegner. Nur solange er sie im Griff hat, wird er weiter sagen können: "Ich bin der Stärkste der Welt."

Als er gefragt wird, was sein Bruder Wladimir, Weltmeister der Verbände IBF und WBO, zu einer solchen Aussage meine, breitet sich ein verschmitztes Grinsen auf Klitschkos Gesicht aus. Er schaut sich suchend um. Ruft: "Wladimir?" Bekommt keine Antwort. Und sagt: "Solange mein Bruder nicht da ist, kann ich sagen, dass ich der Stärkste der Welt bin."