Kommentar: Der Feind im eigenen Stall - DER SPIEGEL
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Kommentar Der Feind im eigenen Stall

Die Saubermänner besudeln sich selbst: Der erhöhte Testosteronwert von T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz ist für den Radsport in Deutschland der größte anzunehmende Dopingfall. ARD und ZDF sowie der Sponsor wenden sich wohl endgültig ab. Gewinner sind die Dopingverdränger.
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Es ist die Nachricht, die nicht kommen durfte. Der Doping-Gau für das Team T-Mobile - und den Radsport in Deutschland. Denn die positive A-Probe von Patrik Sinkewitz ist mehr als eine Reißzwecke im Fahrradschlauch des deutschen Radprofis. Das mutmaßliche Testosteron-Vergehen des T-Mobile-Athleten wirkt wie ein Nagelbrett, über das ab sofort alle Radsportler fahren müssen.

Der Fall Sinkewitz wird eine Lawine auslösen, die am Ende zumindest in Deutschland auch den Profiradsport begraben könnte. Als sicher gilt, dass Sinkewitz im Falle einer bestätigten B-Probe in den nächsten zwei Jahren in einem Profirennen keinen Fuß mehr auf das Pedal bekommt und zusätzlich eine Strafe in Höhe seines Jahresgehalts von geschätzt 500.000 Euro abtreten muss - eine Marginalie im Vergleich dazu, was noch kommt.

Denn das Dopingvergehen des 26-Jährigen, sollte es durch die B-Probe bestätigt werden, entzieht seinem Rennstall in Wahrheit die Daseinsgrundlage. Das T-Mobile-Team hatte sich im vergangenen Jahr an vorderster Front im Anti-Doping-Kampf positioniert. Es hatte versucht, den Zwängen des Dopingsystems zu entfliehen. Aggressiv und öffentlich wollte die Teamleitung ein Exempel statuieren, dass mit jungen, unverbrauchten Gesichtern ein sauberer Weg gefahren werden kann.

Am vorläufigen Ende dieses unbequemen Weges, auf dem sich das Doping-Geständnis des Sportdirektors Rolf Aldag als kurzfristiges Hindernis aufbaute, stand am vergangenen Samstag der Tageserfolg von Linus Gerdemann in Le Grand-Bornand. Der Triumph auf dem siebten Tagesabschnitt einschließlich des Gelben Trikots für den 24-Jährigen war auch ein Etappensieg für die Politik des deutschen Rennstalls. Das Team unter Führung des amerikanischen Milliardärs Bob Stapleton hatte es innerhalb eines Jahres geschafft, aus dem Dopingschatten Jan Ullrichs herauszufahren. Ein sportlich und rhetorisch erfrischender Gerdemann vertrieb den Zuschauern in Deutschland für einen Moment die Dopinggedanken und sorgte wieder für gute Laune in den Wohnzimmern.

Es wird für längere Zeit wohl bei diesem einmaligen Erlebnis bleiben. Sinkewitz' A-Probe hat das mühsam aufgebaute Vertrauen mit einem Schlag zerstört. Sponsor T-Mobile wankt. "Sollten neue Dopingverstöße, das aktuelle Team betreffend, auftauchen, steht unser Engagement natürlich auf dem Prüfstein", hatte Kommunikationsdirektor Christian Frommert bereits vor der Tour bei SPIEGEL ONLINE erklärt. Heute erneuerte er diese Ankündigung.

Schon länger soll es bei T-Mobile Bestrebungen geben, sich im Sportsponsoring zukünftig ganz auf den Fußball zu konzentrieren. In der vergangenen Woche verlängerte die Telekom ihren Vertrag mit dem FC Bayern. Bis zu 20 Millionen bekommt der deutsche Fußball-Rekordmeister jährlich, rund 12 Millionen ist dem Unternehmen sein Radsportteam im Jahr wert. Der vorläufige Ausstieg von ARD und ZDF aus der Tour-Berichterstattung dürfte diese Erwägungen eher noch befeuern.

Ein Rückzug des Sponsors hätte allerdings schwerwiegende Folgen - nicht nur für das Team. Für die acht Tour-Teams aus Deutschland und Frankreich, die sich die laxe Anti-Doping-Haltung der übrigen Rennställe nicht gefallen lassen wollten, ist der Fall Sinkewitz der größte anzunehmende Dopingfall. Ihnen gehen die Argumente aus. Nicht nur Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer wütete vor Enttäuschung. Auch in anderen Teams ist das Entsetzen groß, denn auch sie müssen damit rechnen, dass ihnen die Sponsoren abspringen.

Diejenigen Rennställe, die sich der Omertá verpflichtet sehen, sind jetzt im Vorteil. Ein Sieg der Bewahrer gegen die Reformer. Denn die Vorwürfe der vermeintlich Sauberen fallen nun auf die deutsch-französische Allianz zurück. Der Gegenwind des Radsportsystems wurde unterschätzt - die positive Dopingprobe besudelt das eigene Trikot.

Ein neuer Versuch, den Radsport zu reinigen, wird eine Frage von Jahren sein - sofern es überhaupt eine neue Chance dafür gibt.

Sinkewitz wird nicht der letzte Dopingfall während der Tour, wohl aber der folgenschwerste bleiben. Denn wenn schon die vermeintlich Sauberen dem Dopingsumpf nicht entkommen können, ist dessen Tiefe nicht annähernd abzusehen.

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