Kommentar Offene Rechnungen
Eigentlich hatten der Deutsche Tennis-Bund und sein um Weihnachten neu bestelltes Präsidium gedacht, im Herrentennis in eine hoffnungsvolle Zukunft blicken zu können. Nach dem Rücktritt von Boris Becker als Teamchef der Daviscup-Mannschaft schien es nämlich auch für den derzeit besten deutschen Profi keinen ernsthaften Grund mehr zu geben, das Racket für sein Vaterland künftig nicht mehr zu schwingen. Doch der DTB hat die Rechnung ohne Nicolas Kiefer gemacht.
Im letzten Moment hat der 22-Jährige den wertlos gewordenen Hinderungsgrund Becker durch eine neue Ausrede ersetzt. Diesmal habe seine Weigerung, im Daviscup anzutreten keine persönlichen, sondern rein sportliche Gründe: die Vorbereitung auf die Olympischen Spielen in Sydney. Doch diesmal hat Nicolas Kiefer die Rechnung ohne den DTB gemacht.
Es ist nur schwer vorstellbar, dass das Verbands-Präsidium auf seiner Sitzung am Donnerstag einen anderen Entschluss fällen wird als den, den Widerspenstigen für die Olympischen Spiele zu sperren. So unzeitgemäß patriotisch die Aussagen von DTB-Präsident von Waldenfels auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, aus Sicht des obersten Verantwortlichen eines in argen Finanznöten steckenden und mit steigenden Legitimations-Problemen behafteten Sportverbandes sind sie zumindest verständlich. Dem Daviscup-Team droht aufgrund der Verletzungssorgen anderer Leistungsträger im Daviscup-Duell mit den Holländern nicht nur eine Niederlage, sonder möglicherweise auch der Abstieg aus der Weltgruppe. Das können sich der DTB und sein Präsident auf keinen Fall leisten.
"Es ist eine Ehre für mich, mein Land repräsentieren zu dürfen," hat Nicolas Kiefer mit Blick auf die Olympischen Spiele gesagt und dabei völlig vergessen, dass allein der Verband darüber entscheidet, wer in Sydney antreten wird. Grundsätzlich kann niemand vom Individualsportler Kiefer erwarten, dass er seinen vaterländischen Pflichten nachkommt. Im Gegenzug aber sollte Nicolas Kiefer nicht wirklich darauf hoffen, dass der angeschossene Verband den Drive-by-Patriotismus eines 22-Jährigen kommentarlos hinnimmt.