"Kurt" bei der Fifa-eSport-WM Der Wutspieler
Kurt "kurt0411" Fenech
Foto: HENRY NICHOLLS/ REUTERSWenn Cristiano Ronaldo zu einem Freistoß antritt, posiert er immer auf die gleiche Weise, breiter Stand, die kurze Hose hochgekrempelt. Auch wenn Ronaldo ein Tor schießt, zelebriert er es mit demselben Jubel. Kaum ein Fußballstar versteht sich so gut darauf, sich zu inszenieren. Bei der Fifa eSport-WM ist das ein kleines Problem. Vielen Profis fehlt der Glamour.
Die eSportler, die in London gerade den besten "Fifa"-Spieler der Welt ermitteln, könnten von Ronaldos Strahlkraft nicht weiter entfernt sein. Mit dem Inszenieren haben sie es nicht so. Kurt Fenech ist anders. Der 23-Jährige aus Malta tritt bei der WM unter dem Namen "kurt0411" an, aber alle nennen ihn schlicht Kurt. Er ist der größte Showman bei dieser WM, im Grunde ist er der einzige.
Keep getting asked when I’ll be arriving to London....trust me you’ll know when I get there. The air changes, the ground starts shaking and you’ll feel the electricity all the way across England
— Kurt (@Kurt0411Fifa) July 31, 2018
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Kurt bezeichnet sich selbst als den "besten 'Fifa'-Spieler aller Zeiten", vor seiner Anreise hatte er angekündigt, die Erde werde beben, sobald er englischen Boden betrete. Viele vergleichen ihn wegen seiner Sprüche mit Zlatan Ibrahimovic, dem schwedischen Fußballstar, einem Meister der Selbstinszenierung. Kurt sagt, er wolle nicht sein wie "Ibra", er habe keine Vorbilder.
Am ersten WM-Tag regt Kurt sich während einer Partie derart auf, dass ihm sein Smartphone aus der Tasche fällt. Später zeigt er das gesplitterte Display vor. Er sei beim Spielen ziemlich sauer geworden, sagt Kurt, die "Fifa"-Version fürs Turnier spiele sich leicht anders, deshalb habe er ein Match verloren. Es bleibt die einzige Niederlage, Kurt gewinnt seine Gruppe souverän.
I've broken my phone, damaged the controller and feel like I've ran an iron man but I'm god damn through to the knock outs. That trophy is way too beautiful to end up in anyone else's hands. Let's get it 💪💪💪
— Kurt (@Kurt0411Fifa) August 2, 2018
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Kurt gilt vielen als sehr guter Spieler, aber längst nicht als der beste. Noch nie hat er ein wichtiges Turnier gewonnen. Aber der lauteste Spieler, dieser Titel ist ihm gewiss. Kurt polarisiert, im Mai verließ er während eines Turnierspiels die Konsole, er wollte abbrechen, weil er dabei war, zu verlieren, zu Unrecht, wie er meint. Das Gameplay sei schuld gewesen.
Selbst das beste Image beginnt irgendwann zu bröckeln, wenn die Leistung nicht stimmt. Statt bewundert zu werden, wird man belächelt.
Bei seinem Sieg im Achtelfinale über "GoalMachine21"schüttelt er nach einem eigenen Treffer den Kopf, als staune er über sich selbst. Mann, war das gut. Kurt redet mit sich selbst und ins Publikum hinein, er antwortet sich auch selbst, das Publikum aber reagiert mit Lächeln. Dieser Kurt. Als er sich über ein Freistoßgegentor echauffiert, lachen manche Zuschauer laut, ob mit oder über ihn, wird nicht ganz klar.
"Ich spiele besser, wenn ich sauer bin"
Die meisten Spieler haben neben sich ihren Trainer sitzen. Die Coaches können Ratschläge zur Taktik geben, das Spiel des Gegners analysieren, aufmuntern, anstacheln. Kurt spielt alleine. Wenn man ihn fragt, warum, sagt er: "Ich glaube nicht an Trainer." Sie seien nur dazu da, den Profi zu beruhigen, sagt Kurt. "Ich will aber nicht beruhigt werden. Ich spiele besser, wenn ich sauer bin."
Kein WM-Teilnehmer kritisiert die Fifa und Spielentwickler EA so scharf und offen wie Kurt. "Das Spiel ist nicht so gut, wie es sein sollte", sagt er über "Fifa 18". Kurt kritisiert auch die "Fifa"-Szene. Es fehle an Persönlichkeiten. Kaum einer sage, was er denkt. "Vielleicht wird es ihnen auch verboten", sagt Kurt. Da seien all die Sponsoren und Teams, die mitmischen. Er selbst steht aktuell bei keinem Team unter Vertag.
Die meisten "Fifa"-Profis bei der WM wirken tatsächlich wie scheue Ausgaben von Profifußballern. Bloß nicht angreifbar machen. Dabei könnten gerade sie mit Authentizität punkten, sich so von Fußballstars abheben.
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Also spricht Kurt für sie, zumindest sieht er selbst es so. Ein bisschen wirkt er wie ein selbsternannter Klassensprecher. "Ich bin einer der wenigen, die offen sagen, wie schlecht 'Fifa 18' ist. Das sollten wir Spieler nicht akzeptieren. Wir verdienen etwas Besseres." Es gibt "Fifa"-Profis, die ihm zustimmen, und solche, die Kurt belächeln. Die Fifa selbst gibt sich zurückhaltend, wenn man sie zu Kurts Kritik befragt.
Im Viertelfinale trifft Kurt auf den amtierenden Weltmeister Gorilla. Kurt gewinnt das Hinspiel 4:1, ein Sieg wie eine seiner großspurigen Ansagen. Diesmal bricht Kurt nicht ein, er steckt im Rückspiel einen Gegentreffer weg, danach kontrolliert er die Begegnung. Er steht im Halbfinale.
Wahrscheinlich machen sie mich zum Präsidenten
Nach dem Sieg über Gorilla sagt Kurt, er habe soeben für den größte Erfolg in Maltas Geschichte gesorgt. Wahrscheinlich werde man ihm zum Präsidenten ernennen. Gelächter. Dann sagt er, er hoffe, "Fifa 19" werde endlich zu dem Spiel, das er und seine Kollegen verdienten. Neben ihm sitzt ein anderer Halbfinalist, Marcus "Marcuzo" Jörgensen. Als er hört, was Kurt sagt, fängt er an zu schmunzeln. Dann fährt er sich mit der Hand übers Gesicht. Er wirkt dabei sehr müde.
Samstag, Halbfinale, Kurt sitzt vor ein paar Hundert Zuschauern auf der Bühne der O2-Arena. Zwei Siege noch, dann wäre er nicht mehr nur der selbsternannte Beste, er wäre es wirklich. Doch sein Gegner, Mosaad "Msdossary" Aldossary aus Saudi Arabien, ein stiller junger Mann, versteht sich aufs Verteidigen. Je länger die beiden spielen, desto häufiger schüttelt Kurt den Kopf. 3:5 und 0:3 heißt es am Ende. In seinen letzten Sekunden spielt Kurt nur noch mit einer Hand und ohne Kopfhörer.
Nach dem Abpfiff stellt sich Msdossary vor die Zuschauer, er macht sich ganz groß, hält die Hände hinter die Ohren, breitet dann die Arme aus. Das Publikum applaudiert, Msdossary gehört jetzt die ganze Bühne. Im Finale zu stehen, das sei schon toll, er sei sehr glücklich, sagt er. Kurt ist da längst verschwunden.