Rätsel um Armstrong-Geständnis "Wie die Beichte in der Kirche"
Ex-Radstar Armstrong: Interview bei Oprah Winfrey
Foto: Thao Nguyen / APHamburg - Tut er's oder tut er's nicht? Seit die Nachricht die Runde macht, dass Lance Armstrong der US-amerikanischen Talkshow-Ikone Oprah Winfrey am 17. Januar ein exklusives Interview geben wird, wird gerätselt, gefachsimpelt und gewettet: Gibt der gefallene Radstar den Missbrauch von Dopingmitteln während seiner Radsportkarriere zu oder streitet er weiterhin alle Vorwürfe ab?
"Ich bin mir sicher, dass er gesteht", sagte Jay K. Reisinger SPIEGEL ONLINE, der unter anderem Baseball-Star Alex Rodriguez von den New York Yankees während der Dopingermittlungen gegen ihn verteidigte. "Im Grunde hat Armstrong das bereits getan, als seine Anwälte im Herbst nicht wirklich gegen die Anklage der Usada ankämpften."
Reisingers Ansichten decken sich mit den Informationen der "New York Times" und der Tageszeitung "USA Today", nach denen sich der frühere Radprofi bereits mit dem Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada, Travis Tygart, getroffen haben soll, um über ein öffentliches Geständnis zu diskutieren. Zudem sei ein Gespräch mit dem Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, David Howman, geplant.
Drei Tage später die Ankündigung des Auftritts bei Oprah Winfrey, passt doch alles gut zusammen. Oder nicht?
Anwälte zweifeln am Nutzen eines Geständnisses
Der SPIEGEL hatte in seiner Ausgabe vom 7. Januar 2013 von einer anderen Einschätzung berichtet: So halte der US-Spitzenanwalt und Usada-Jurist Richard Young ein Geständnis Armstrongs für unwahrscheinlich. "Vielleicht kommt er zu dem Schluss, es sei besser, ein Teil der Lösung zu werden, als ein Teil des Problems zu bleiben", sagte Young dem SPIEGEL. "Ich hoffe es, aber so wie Armstrong gestrickt ist, würde es ihm sehr schwerfallen, durch dieses Tor zu gehen."
Auch Gary R. Roberts, Juraprofessor an der Universität von Indiana und früherer Präsident der Vereinigung der US-Sportanwälte SLA, teilt diese Annahme: "Nach meiner Einschätzung hat er juristisch keinen großen Nutzen davon, wenn er gesteht. Auch wenn der Druck auf ihn sehr hoch ist", sagte Roberts SPIEGEL ONLINE. Armstrong droht im Fall eines Geständnisses eine Klagewelle mit hohen Schadensersatzforderungen von früheren Sponsoren oder unterlegenen Kontrahenten.
Was aber spräche für eine Beichte Lance Armstrongs?
"Ein umfassendes Geständnis böte ihm die Möglichkeit, als Kronzeuge in der gesamten Dopingaffäre rund um den früheren, von der Regierung unterstützten US-Postal-Rennstall zu fungieren", sagt Anwalt Reisinger. Nach US-Recht sind sogenannte Whistleblower, die Hinweise auf einen kriminellen Schaden an der Regierung geben, besonders geschützt. Da Armstrong allerding der "große Fisch" in der Affäre sei, hält Sportanwalt Roberts es für unwahrscheinlich, dass er als Whistleblower auftreten könne - zumal in der selben Causa bereits Armstrongs früherer Teamkollege Floyd Landis unter diese Regelung fällt.
Sollte Armstrong nicht nur zugeben, dass er selbst gedopt hat, sondern auch seine Hintermänner benennen, etwa seinen führeren Teamchef bei US-Postal, Johan Bruyneel, oder den italienischen Arzt Michele Ferrari, würde das seine Chancen erhöhen, die Vorzüge eines Whistleblowers zu genießen. "Wenn er die Namen einiger seiner Dealer nennt, würde ihm das einen Vorteil verschaffen", sagt Roberts: "Die Wada möchte sehr gerne wissen, wer diese Leute sind."
Der Verrat seiner früheren Helfer würde durchaus in Armstrongs Schema passen, ließ er im Laufe seiner Karriere doch so manchen Freund und Vertrauten fallen, wenn dieser nicht in sein ausgeklügeltes System passte. So mussten unter anderem seine früheren Teamkollegen Frankie Andreu, Christian Vande Velde oder Jonathan Vaughters dem Willen Armstrongs weichen.
Rückkehr zum Heldenstatus möglich
Unabhängig vom seiner Entscheidung über den Inhalt des Interviews mit Winfrey wird Armstrong sich über seine Anwälte in alle Richtungen abgesichert haben. Auch gegen eine Gefängnisstrafe wegen Meineids: "Armstrong lässt sich ganz sicher nicht einsperren", sagt Jay K. Reisinger. "Armstrong wusste und weiß ganz genau, mit welchen Mitteln er an seine persönlichen Ziele kommt."
Für den Sportanwalt sind es aber weder finanzielle noch juristische Gründe, die Armstrong zu einem Geständnis bewegen könnten. "Armstrong will sich in der Öffentlichkeit rehabilitieren", sagt er. In den USA liebten es die Menschen, gefallene Sportstars in einer Schlammschlacht fertig zu machen. "Doch dann verlieben sie sich ebenso schnell wieder, wenn ihre einstigen Idole gestehen. Das funktioniert für sie wie die Beichte in der Kirche."
Von allen Sünden reingewaschen könnte Armstrong wieder zum großen Helden werden, zum unerbittlichen Kämpfer gegen Krebs, zum Stehaufmann mit eigener Stiftung. Sogar für die Sponsoren würde er dann wieder interessant.
Und wieder wäre Lance Armstrong, der größte Dopingfall der Sportgeschichte, ein Gewinner.