Land & Leute Hoch im Norden
Prolog
- Sonnenschein, jubelnde Menschen und am liebsten ein französischer Erfolg. Dünkirchens Bürgermeister Michel Delebarre lebt seit Februar vergangenen Jahres, als er gemeinsam mit Tour-de-France-Direktor Jean-Marie Leblanc den Vertrag über den Tour-Start unterzeichnete, auf diesen 7. Juli hin.
"Wir sind eine der Wachstumsregionen in Europa", wirbt Delebarre für seine Communauté urbaine. Das stimmt. Wahr ist aber auch, dass Dünkirchen als nördlichste Stadt Frankreichs zumindest geografisch etwas im Abseits steht: Im Norden die Nordsee, 14 Kilometer weiter östlich Belgien, ein paar Kilometer weiter westlich das viel bekanntere Calais und im Süden das platte, fruchtbare Land der Region Nord-Pas-de-Calais.
Dünkirchen erlangte im Zweiten Weltkrieg Berühmtheit: Während deutsche Truppen die Stadt einkesselten, gelang es insgesamt 370.000 französischen und britischen Soldaten über den Ärmelkanal nach England zu fliehen. Dazu war zwischen dem 26. Mai und dem 3. Juni nahezu jedes noch so kleine Dünkirchener Wasserfahrzeug auf der Straße von Dover unterwegs; ein Denkmal auf dem Deich erinnert heute an diese logistische Großtat.
Der 8,2 Kilometer lange Prolog durch die Stadt mit heute 74.000 Einwohnern folgt in etwa der Route einer touristischen Stadtrundfahrt. Kurz nach dem Start auf der Avenue de la Libération geht es über den Place Jean-Bart, das Zentrum Dünkirchens, das mit seinem Namen und einem Denkmal an den berühmtesten Seefahrer und Piraten der Stadt erinnert. Das Grab des 1702 verstorbenen Bart befindet sich in der gotischen Kirche St. Eloi.
Auch am Hôtel de Ville fegen die Radfahrer vorbei. Nur ein paar Gehminuten entfernt sind der Place de Minck und die Hafenanlagen des Port-Est. Das Ziel schließlich liegt an der mehrere Kilometer langen Strandpromenade: An der Flaniermeile Dünkirchens wechseln Hotels, Geschäfte und Restaurants ab, die auf großen Tafeln "Moules Frites" anpreisen.
Die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus reicht allerdings noch längst nicht an die des Seeverkehrs und der Ölraffinerien heran. Dünkirchen hat den drittgrößten Hafen Frankreichs, bedeutend vor allem als Fährterminal für die Kanalüberquerung nach England.
Der Name der Stadt weist ursprünglich auf eine Siedlung um die "Kirche in den Dünen" hin. Heute lautet der Werbeslogan der Kommune: "Dunkerque - Les grands horizons". Das ist durchaus programmatisch gemeint, denn Dünkirchen ist eine lebendige, junge Stadt. Vier von zehn Einwohnern sind noch keine 25 Jahre alt, die Region gilt als wirtschaftlich potent, das grüne, beschauliche Umland genießt in Frankreich einen Ruf als Edeldestination für erholungshungrige Städter.
Wenn der 7. Juli gut läuft für Dünkirchen, wird Bürgermeister Delebarre am Abend sicher mit einem Glas Bier auf die Tour de France anstoßen. Nicht weil er Wein verschmähen würde, sondern weil der Norden Bier trinkt. Hier sind zwei Drittel aller Brauereien Frankreichs ansässig. Und zur oft rauen, salzigen Nordseeluft passt ein frisches "bière pression" einfach besser als ein Chablis oder Bordeaux.