Leichtathlet Chambers Sprinter ohne Land
Sollte es mit der Stimmung bei den Hallenweltmeisterschaften in Valencia nicht so recht klappen, hat der Veranstalter gleich am ersten Tag einen garantierten Aufreger parat. Einen, den er allerdings äußerst widerwillig präsentiert. Dwain Chambers wird auf der 60-Meter-Strecke in den Wettbewerb gehen, und dass dies ohne Zwischenfälle vonstatten geht, glaubt José Maria Odriozola, Präsident des spanischen Leichtathletikverbandes, nicht. "Die Zuschauer werden so laut schreien, dass die Sprinter die Startpistole nicht hören", mutmaßt Odriozola in der spanischen Zeitung "As".
Sprinter Chambers: 60 Meter und ein Gericht auf dem Weg nach Peking
Foto: DPAEs wären keine wohlgemeinten Zurufe, die den britischen Läufer zum Sieg tragen, sondern feindselige Buhrufe, die einen früheren Doper aus dem Stadion zwingen sollen. Mit einem Sieg bei den nationalen Titelkämpfen hat sich Chambers für die Welttitelkämpfe qualifiziert. Seine Saisonbestleistung von 6,56 Sekunden macht den umstrittenen Sprinter zu einem Mitfavoriten. Doch über die sportlichen Aussichten wird im Vorfeld wenig gesprochen.
Man könnte fast ein wenig Mitleid bekommen. Wie ein "Aussätziger" werde er behandelt, klagte Chambers. "Man hängt mir ein schreckliches Stigma an, aber was die Leute wissen müssen: Ich bin sauber, ja, ich habe einen Fehler gemacht, aber ich habe meine Strafe abgebüßt", sagte der 29-Jährige der "Sun". 2003 war Chambers positiv auf die Designerdroge THG getestet und für zwei Jahre gesperrt worden. Er sieht damit seine Schuld gesühnt. Nicht so der britische Leichtathletikverband UKE. Er will keine ehemaligen Dopingsünder für Titelkämpfe nominieren, wenngleich sie im Fall Chambers dazu keine juristische Handhabe hatten. Die glaubt das Britische Olympische Komitee (BOA) zu besitzen. Die Vorstellung, Chambers in Peking starten zu lassen, ist für das Komitee, das die Sportler für Olympia nominiert, unvorstellbar.
Auch die Vereinigung der 51 europäischen Leichtathletiksportfeste, die Euromeetings Group, fährt einen rigiden Kurs. "Diese Leute haben dem Sport so viel Schaden zugefügt. Das kann nicht vergeben werden", sagt deren schwedischer Chef Rajne Soderberg. Somit fallen auch wichtige Geldeinnahmequellen für Chambers weg. Das ist nicht unerheblich für den Sprinter, der derzeit jeden Cent gebrauchen kann. Zum einen muss Chambers seine 150.000 Euro an Prämien aus den Dopingjahren 2002 und 2003 noch an den Verband zurückzahlen. Zum anderen wäre ein Kampf um Olympia nicht nur eine Frage von Schweiß und Bestzeiten, sondern vielmehr einer der Gerichte und Anwälte - und deswegen des Geldes.
Die 40.000 Dollar, die sich bei einem WM-Sieg in Valencia verdienen lassen, könnte Chambers für einen Prozess sehr gut gebrauchen. "Ich lasse meine Beine sprechen, um den Rest kümmern sich meine Anwälte", sagte der Brite. Die Anwälte kosten jedoch Geld. Viel Geld, das allemal gut angelegt sein könnte. Experten sprechen Chambers durchaus die Chance zu, den Start in Peking einzuklagen. "Das Aussperren von Athleten, die ihre Strafe absolviert haben, ist juristisch nicht zu rechtfertigen", sagte Gregory Ioannidis, Sportrechtler an der Universität von Buckingham der BBC. Der frühere Chef der Welt-Anti-Doping-Behörde, Dick Pound, sieht ebenfalls keine juristische Möglichkeit, Chambers von Olympia auszuschließen.
Sollte der Gang vor ein ordentliches Gericht dennoch nicht erfolgreich sein, wäre Chambers der Zeitenwandel in der britischen Leichtathletik zum Verhängnis geworden.
2006 war er dem UKE noch willkommen, mit der Staffel holte Chambers EM-Gold. Vor Valencia sieht das anders aus. "Wenn Dwain die Goldmedaille gewinnt, werde ich nicht feiern", stellte Niels de Vos, Generalsekretär des britischen Leichtathletikverbandes klar. Und weiter: "Ich glaube, dass die Teilnahme überführter Doper dem Sport sehr schadet." De Vos ist ehemaliger Manager der Sale Sharks, eines britischen Rugbyclubs, und so frei jedes verdächtigen Stallgeruchs. Er macht einen glaubwürdigen Job. Er öffnet die Fenster, er bringt der darbenden britischen Leichtathletik die Frische, sprich: den guten Ruf, zurück. Vielleicht geht er dabei jedoch etwas zu forsch vor.
Und vergibt eine Chance. "Wenn Du einen Dieb fangen willst", sagt Chambers, "dann verpflichte einen Dieb". Auch der, der ihn erst in diese Situation gebracht hat, stellt sich auf die Seite des Sünders. "Am besten können die helfen, die Insiderwissen haben", sagte Victor Conte, Chef des Balco-Labors und Erfinder der Designerdroge THG. Doch Chambers bekommt vom UKE keine Chance als Dopingbekämpfer.
Fragwürdige Linie des britischen Verbands
Null Toleranz für Doper lautet de Vos' Leitspruch. Altlasten stören jedoch die Bilanz des Geschäftsführers. Der Kugelstoßer Carl Myerscough beispielsweise wird in Valencia unter britischem Applaus in die Arena treten. Der Kraftsportler wurde 1999 positiv auf anabole Steroide getestet, im Gegensatz zu Chambers gestand er nie. Myerscough sprach stattdessen von Sabotage. Konsequenzen hat dieses Vergehen heute nicht mehr. Er wird morgen um den Titel kämpfen - für Olympia legt ihm der Verband auch keine Steine in den Weg. Dasselbe gilt für die 400-Meter-Läuferin Christine Ohuruogu, die wegen verpasster Dopingtests ein Jahr gesperrt wurde. Die BOA gab ihr die Startberechtigung für Peking.
Der Verband muss sich die Frage gefallen lassen, ob er auf dem Rücken überführter Doper den Glanz der eigenen Sportart aufpolieren will - ohne dass bei ebenfalls nicht ganz sauberen Sportlern genauer nachgefragt wird.
So wirkt es schon weniger dreist, dass Chambers sein großes Ziel, den Gewinn des EM-Titels, hartnäckig verfolgt. Die zwielichtige Freude bei einem Erfolg in Valencia hat er jedoch selbst schon 2006 indirekt beschrieben. "Gegen einen gedopten Athleten hat ein sauberer nur dann eine Chance, wenn der Gedopte einen schlechten Tag hat", sagte Chambers der BBC.
Mit Material von dpa und sid