Leichtathletik-EM Baumanns triumphales Comeback
München - "Man kann einem Menschen viel wegnehmen, zum Beispiel Stolz und Ehre. Bei mir war es auch das Laufen", hatte Baumann vor dem Finale erklärt. Auch deshalb genoss der Tübinger am Mittwochabend den zweiten Platz bei seinem ersten internationalen Wettkampf nach Ablauf der zweijährigen Dopingsperre umso mehr.
"Ich musste niemandem mehr etwas beweisen, weder meinen Kritikern, noch meinen Freunden. Ich laufe, weil es mir Spaß macht und aus Überzeugung", sagte Baumann, der sich mit einer Zeit von 27:47,87 Minuten zwischen die Spanier Jose Manuel Martinez (27:47,65) und Jose Rios (27:48,29) schob, "ich bin wunschlos glücklich."
"Ich habe immer gelebt, ich war ja da"
Zehn Jahre nach seinem Olympiasieg von Barcelona und acht Jahre nach dem EM-Sieg, jeweils über 5000 Meter, war es Baumann zweites Edelmetall über die längste Bahndistanz. Vor vier Jahren in Budapest war er bereits Zweiter geworden. "Ich würde auch nicht von einem Comeback sprechen. Ich habe immer gelebt, ich war ja da", fügte Baumann hinzu, "ein Stück weit ist auch eine Last von mir gefallen."
Die deutschen Verbandsfunktionäre machten jedoch einen großen Bogen um den Mann des Abends. Rüdiger Nickel, Vizepräsident Leistungssport, war nach Mitternacht der einzige offizielle Gratulant der DLV-Führung. "Ich bin sehr, sehr froh. Der eine oder andere hat ja die beiden letzten Jahren verfolgt", gab sich Baumann, der als einziger deutscher Athlet nicht ins Trainingslager nach Erding gereist war, betont gelassen.
"Dieter, Dieter"-Sprechchöre im Olympiastadion
Rund 40.000 Zuschauer im Münchner Olympiastadion ließen Baumanns Rennen trotz Dauerregen zu einem Triumphlauf werden. Mit Ovationen und "Dieter, Dieter"-Sprechchören feuerte das Publikum den 37-Jährigen immer wieder an. Dass Martinez Baumann den Sieg wegschnappte, tat der guten Stimmung keinen Abbruch.
Am Ende des Rennens riss Baumann mit letzter Kraft die Arme hoch, ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Auf der Tribüne schlug seine Frau und Trainerin Isabelle ("Das war ein perfektes Rennen, Dieter hat allen bewiesen, dass er 15 Jahre lang auf diesem hohen Niveau laufen kann") die Hände vors Gesicht. Dann machte sich Baumann auf zur Ehrenrunde.
"Die Stimmung war irre"
Die euphorischen Reaktionen der Zuschauer kamen für Baumann nicht unerwartet. "Ich denke, dass ich von vielen begeistert gefeiert werde", hatte der beste deutsche Langstreckenläufer der beiden letzten Jahrzehnte schon vor seinem Silberlauf prophezeit.
"600 Meter vor dem Ziel habe ich das Brodeln langsam wahrgenommen. 500 Meter vor dem Ziel ein Donnergrollen, dass ich dachte, da kommt jetzt ein Gewitter. Die Stimmung war irre", beschrieb Baumann die Ovationen der Fans.
Trotz der "großen Versuchung" verzichtet er auf einen zweiten EM-Start über 5000 Meter, weil er erst am Tag vor dem 10.000-Meter-Rennen aus dem Höhentraining in St. Moritz angereist war. "Nach vier bis fünf Tagen fällt man in ein Loch, und genau dann finden die 5000 Meter statt", erklärte Baumann.
Olympia 2004 in Athen als Fernziel
Dass Baumanns EM-Silber der Auftakt zu einer zweiten internationalen Erfolgskarriere war, ist jedoch sehr unwahrscheinlich. Der deutsche Rekordhalter hat zwar die WM 2003 in Paris und die Olympischen Spiele 2004 im Auge. Doch bei Wettkämpfen auf globaler Ebene sind die afrikanischen Läufer übermächtig.
"Um gegen die Afrikaner eine Chance zu haben, muss ich noch etwas zulegen, um im Spurt bestehen zu können", gibt sich Baumann dennoch nicht geschlagen, "ich bin wieder da, aber noch nicht so weit, wie ich kommen will."