Sprinterin Sailer: Deutschlands Schnellste
100-Meter-Sprinterin Sailer "Ich kann Schmerzen besser einschätzen"
SPIEGEL ONLINE: Frau Sailer, vor vier Wochen wurde Deutschland Fußballweltmeister, für Sie und Ihre Leichtathletikkollegen steht der Saisonhöhepunkt erst jetzt mit der EM in Zürich an. Können Sie noch von der Sportbegeisterung dieses Sommers profitieren?
Sailer: Es ist schön, wenn man den Menschen in den Stadien oder vor dem Fernseher mit dem eigenen Erfolg eine Freude machen kann. Ich glaube auch, dass die Stimmung unter den deutschen Sportfans außergewöhnlich gut ist. Doch ich mache mir keine Illusionen, dass Fußballfans plötzlich zur Leichtathletik abwandern könnten. Im Vergleich zur Bundesliga oder so einem großen Turnier wie der WM ist unser Sport viel weniger publikumswirksam. Es macht keinen Sinn, uns mit dem Profifußball zu vergleichen.
SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Jahren wurde einiges unternommen, um die Leichtathletik populärer zu machen, zum Beispiel mit dem Stabhochsprungmeeting vor dem Brandenburger Tor. Warum lässt sich Ihre Sportart so schwierig vermarkten?
Sailer: Die Leichtathletik besteht aus vielen unterschiedlichen Disziplinen, es ist für den Laien nicht einfach, alles mitzubekommen. Warum war dieses Rennen jetzt 0,2 Sekunden schneller als das vorherige? Warum ging dieser Wurf zwei Meter weiter, warum dieser Sprung einen Zentimeter höher? Im Fußball können alle mitreden, vieles erscheint zumindest auf den ersten Blick offensichtlicher und verständlicher. Außerdem finden durch die Bundesliga oder die Champions League regelmäßig Spiele statt, wir haben nur ein paar hochklassige Wettkämpfe im Jahr. Viele Zuschauer müssen fast wieder von null anfangen, wenn sie uns ein Jahr nicht gesehen haben.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem sind einige der berühmtesten Sportler der Welt Leichtathleten.
Sailer: Klar, Usain Bolt, Robert Harting oder auch Jelena Isinbajewa sind Stars - weil sie spezielle Typen sind. Sie sind größer als die Sportart selbst.
SPIEGEL ONLINE: Ist das Fluch oder Segen für die Leichtathletik?
Sailer: Jede Form der Aufmerksamkeit ist gut für uns. Es ist nur schade, wenn hinter den ganz Großen die starken Leistungen der weniger Bekannten untergehen. Aber ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, ich würde mich beklagen, im Gegenteil. Ich bin seit über zehn Jahren im Nationalteam dabei, werde gefördert, habe einen hauptberuflichen Trainer und kann behaupten, dass die Leichtathletik derzeit mein Job ist. Mehr will ich gar nicht.
SPIEGEL ONLINE: Sie sagen "derzeit". Haben Sie einen Plan für die Zeit nach Ihrer sportlichen Karriere?
Sailer: Ich habe gerade meinen Bachelor in Sportmanagement abgeschlossen. Es war mir wichtig, mich rechtzeitig abzusichern. Ich bin jetzt 28 Jahre alt und würde gern noch ein bisschen weiterlaufen, aber man weiß als Leistungssportler nie, ob der Körper plötzlich nicht mehr mitspielt
SPIEGEL ONLINE: 2011, ein Jahr nach Ihrem sensationellen EM-Titel über 100 Meter, waren Sie häufig verletzt, erst am Rücken, dann an der Achillessehne. Hat diese Erfahrung Sie so pragmatisch gemacht?
Sailer: Das war ein sehr schlimmes Jahr, aber ich habe meinen Körper dadurch viel besser kennengelernt. Ich weiß nun, wie ich mit ihm und Verletzungen umgehen muss, ich kann Schmerzen besser einschätzen. In der Leichtathletik, insbesondere im Sprint, entscheiden Winzigkeiten über Sieg oder Niederlage, im Wettkampf hast du keine Zeit, Fehler auszubügeln. Wenn du beim Saisonhöhepunkt nicht auf deinem eigenen Leistungshöhepunkt bist, hast du ein Problem. Aber um den zu finden, braucht es viel Erfahrung.
SPIEGEL ONLINE: Mit 11,02 Sekunden liefen Sie im vergangenen Jahr Ihre persönliche Bestzeit über 100 Meter, in diesem Jahr führen Sie die deutsche Bestenliste mit 11,14 Sekunden an - und wurden bei der Deutschen Meisterschaft trotzdem nur Zweite hinter Ihrer Teamkollegin Tatjana Pinto. Warum hat es mit dem Sieg nicht geklappt?
Sailer: Vielleicht sieht es nicht so aus, aber auch für einen 100-Meter-Sprint gibt es eine Taktik. Man kann nicht einfach Vollstoff durchlaufen, sondern muss das Rennen einteilen, man muss sprinten und dabei locker bleiben. Und manchmal geht der Plan eben nicht ganz auf. Aber wir haben im Deutschen Leichtathletik-Verband in den vergangenen Jahren viel dazugelernt, Trainer und Nachwuchs werden besser ausgebildet, vieles ist professioneller geworden. Dadurch schaffen wir es immer besser, den Zufall in den Griff zu bekommen.
SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr prophezeite Cheftrainer Idriss Gonschinska, man werde in mittlerer Zukunft sehen, was die neuen Strukturen innerhalb des Verbands bewirken. Kann man damit schon in Zürich rechnen?
Sailer: Ich kann nur für mich sprechen und sagen: Ich fühle mich fit und vorbereitet. Insgesamt ist die Stimmung im deutschen Team sehr gut, und mit 92 Athleten sind wir so viele wie noch nie. Allein das ist doch schon ein positives Zeichen.