Leichtathletik Neuer Dopingfall
Leipzig - Bei seiner Council-Tagung vom 27. bis 29. November in Lausanne wird sich die IAAF auf Empfehlung ihrer Anti-Doping-Kommission neben anderen anhängigen Fällen auch mit dem positiven Befund der 19-jährigen Speerwerferin Carolin Soboll (Wattenscheid) beschäftigen. In der Urinprobe der Zweiten der Junioren-Europameisterschaften war am 23. Juni das anabole Steroid Nandrolon gefunden worden. Ihr droht eine zweijährige Dopingsperre.
Mindestens bis zur Anhörung am 18. Juli hätte die Athletin deshalb den Regeln entsprechend suspendiert werden müssen, nachdem das Dopingkontroll-Labor Köln den DLV über das Analyseergebnis am 11. Juli informiert hatte. "Wir gehen davon aus, dass sie einen Leistungsvorteil hatte, egal wie die Substanz in ihren Körper gelangt Ist", erklärte DLV-Präsident Helmut Digel am Sonntag. Doch eine Suspendierung erfolgte nicht. Am 16. Juli startete Carolin Soboll bei den deutschen Jugendmeisterschaften in Dresden und wurde mit 48,31 Meter Sechste.
Digel will den Fall nun persönlich in die Hand nehmen, nachdem das Präsidium bislang nicht eingehender darüber informiert war. "Ich werde auf jeden Fall versuchen, dass ich Antworten auf alle meine Fragen bekomme", kündigte der scheidende Verbandschef an. Öffentlich geworden ist dieser neuerliche Nandrolon-Fall am Samstagabend durch einen Bericht des ZDF im "Aktuellen Sportstudio". Der DLV hatte zuvor den Fall nicht veröffentlicht, weil keine Suspendierung erfolgt war. "Hier hat man völlig korrekt gehandelt in der Frage der Anonymität, so lange keine Suspendierung stattgefunden hat", meinte Digel.
Warum dies nicht geschehen ist, liegt derzeit noch im Dunkeln. Die Einstellung des Verfahrens begründete die Anti-Doping-Kommission des DLV damit, dass "ein verfolgungsfähiger Dopingverstoß nicht Vorliegt". Carolin Soboll hatte ihren positiven Befund damit erklärt, dass die verbotene Substanz in ihren als Nahrungsergänzungsmittel genommenen Kreatin-Tabletten enthalten war, ohne dass es auf der Verpackung deklariert ist. Eine Untersuchung des Präparates aus den USA, die die Sportlerin regulär gekauft hatte, erbrachte den Nachweis "von insgesamt acht verbotenen Steroidhormonen, die in unterschiedlichen Konzentrationen vorlagen", teilte der DLV mit.
Warnung vor Nahrungsergänzungsmitteln
Das nicht verbotene Kreatin, das auch "normal" durch Fisch und Fleisch mit der Nahrung aufgenommen wird, dient dem Aufbau der Muskulatur. Es wird von zahlreichen Sportlern in Schnellkraft- und Kraftsportarten in Form von Tabletten oder Pulver als Nahrungsergänzungsmittel genommen. "Ich kenne niemanden, der es nicht
nimmt. Es ist ja ein erlaubtes Mittel", sagte Carolin Soboll im "Aktuellen Sportstudio". Seit sie Kreatin nimmt, habe sie ihre Bestleistung um rund fünf Meter auf 57,74 Meter verbessert. Inzwischen habe sie Anzeige gegen die US-Firma wegen Körperverletzung gestellt.
Dagegen warnen Ärzte und Wissenschaftler vor der Einnahme. "Darauf greifen sehr viele Athleten zurück. Ich kann davor nur warnen", sagte Wilhelm Schänzer, Leiter des Dopingkontroll-Labors in Köln. "Wir wissen seit zwei, drei Jahren, dass es mit verbotenen Substanzen verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel gibt", erklärte Olympia-Arzt Wilfried Kindermann, "ich bin der Meinung, bevor man ein solches Präparat nimmt, soll man sich mit dem Arzt beraten. Da muss eine Sensibilisierung bei den Athleten eintreten."
Nandrolon ist bereits vielen, auch prominenten Sportlern wie Kugelstoß-Weltmeister Cottrell John Hunter (USA), Sprint-Olympiasieger Linford Christie (Großbritannien) oder 5000-Meter-Olympiasieger Dieter Baumann (Tübingen) zum Verhängnis geworden. Aufsehen erregendster deutscher Fall der jüngsten Vergangenheit war der von Ringer Alexander Leipold (Schifferstadt), dem der Olympiasieg
von Sydney aberkannt wurde. Er hatte ebenfalls Nahrungsergänzungsmittel für seine positive Dopingprobe
verantwortlich gemacht. "Meines Wissens ist alles, was er zu sich genommen hat, getestet worden, und es war alles negativ", sagte Kindermann.