Leichtathletik "Zahnpasta ist genial"
SPIEGEL:
Herr Baumann, Ihre Erklärung, die Dopingsubstanz Nandrolon sei über Zahnpasta in Ihren Körper gelangt, klingt wenig überzeugend. Was sagen Sie Leuten, die Ihre Anschlagstheorie hanebüchen finden?
Baumann: Als ich am Telefon erfuhr, dass Zahnpasta kontaminiert sei, habe ich spontan gesagt: Das ist das Schlechteste, was mir passieren konnte. Weil mir keiner glauben wird. Der nächste Gedanke war: Das war ein Anschlag. Wenn viele das jetzt für oberlustig halten, kann ich denen nicht helfen.
SPIEGEL: Die Liste derer, die glauben machen wollten, Opfer eine Anschlags zu sein, ist eben sehr lang. Sie reicht von Eddy Merckx bis Ben Johnson.
Baumann: Ich kann die Wahrheit nicht ändern. Auf den ersten Blick klingt Zahnpasta blöd. Auf den zweiten Blick erkennt man jedoch: Zahnpasta ist genial. Denn ich brauche eine Quelle, die nicht nach einmaligem Gebrauch verspeist ist. Weil der Dopingkontrolleur maximal alle vier Wochen kommt, muss der Täter eine Quelle legen, die mehr als einen Monat funktioniert und die ich jeden Tag benutze.
SPIEGEL: Sie sind sogar über einen Zeitraum von vier Monaten "positiv" gewesen. Wie kommt es, dass die vierköpfige Familie Baumann so lange mit nur einer Zahnpastatube auskommt?
Baumann: Zunächst mal haben die Kinder ihre Kinderzahncreme. Und dann bin ich ein Typ, der vor Wettkampfreisen seine Tasche nicht mit bürokratischer Präzision packt. Da kommt es schon mal vor, dass ich was vergesse etwa eine Zahncreme, die ich unterwegs nachkaufe; also gibt es bei uns eine zusätzliche im Sortiment. Als wir im Frühjahr umgezogen sind, stellten wir fest, in welchen Winkeln und Taschen wir überall Zahnpastatuben liegen haben. Da haben wir sie zusammengetragen und uns vorgenommen, sie mal aufzubrauchen. Das waren etwa sechs Tuben.
SPIEGEL: In Ihrer Anschaffungswut von Zahncreme scheinen Sie unschwäbisch.
Baumann: Das sehe ich anders, ich habe ja keine weggeworfen, sondern sie peu à peu aufgebraucht das ist schon wieder schwäbisch. Es gibt ja auch Leute, die haben ein Reiseset und ein Heimset. Das ist jedoch mit meiner Persönlichkeitsstruktur einfach nicht vereinbar.
SPIEGEL: Wann soll der geheimnisvolle Unbekannte an eine Ihrer Tuben herangekommen sein?
Baumann: Am 5. August bin ich kontrolliert worden. Die Dopingprobe wies mit 0,9 einen leicht erhöhten Wert auf. Für die Analytiker ist er null, weil er unter dem Grenzwert von 2 liegt. Aber wenn ich über knapp zehn Jahre immer total clean war und plötzlich habe ich 0,9, dann ist das für mich ein Signal: Da war was. Das bedeutet: Die Manipulation erfolgte irgendwann vor dem 5. August.
SPIEGEL: Wo soll der Täter die Zahncreme in die Hand bekommen haben?
Baumann: Zu Hause schließe ich aus. Aber ich war im Juni und Juli auf Wettkämpfen unterwegs, in Paris, Nürnberg, Erfurt, Chemnitz, und ich war fast vier Wochen im Trainingslager in St. Moritz.
SPIEGEL: Die Staatsanwaltschaft hat Ihre Mitbewohner von St. Moritz vernommen. Wie waren Sie untergebracht?
Baumann: Wir wohnten in einer Appartementanlage mit etwa 30 Einheiten. Ich hatte eine Wohnung mit meiner Frau und den Kindern. Als meine Schwiegereltern kamen, hätten wir zusammenrücken und ich bei den Kindern schlafen müssen. Weil mein kleiner Sohn aber nachts noch oft schreit, bin ich zum Masseur Jürgen Melzer ins Appartement gezogen. Der wohnte allein und hatte noch drei Betten frei. Er hat mir das separate Schlafzimmer überlassen und selbst auf einem ausklappbaren Schrankbett im Wohnzimmer geschlafen.
SPIEGEL: Wer hatte Zutritt zum Appartement des Masseurs?
Baumann: Etwa 15 deutsche Athleten waren in St. Moritz. Pro Tag hat der Masseur sechs, sieben behandelt. Andere kommen vorbei und nehmen das Ultraschallgerät, um sich selbst zu behandeln. Aber vor allem ist Jürgen Melzer bei so einem Trainingslager eine soziale Anlaufstelle, wo man nur so zum Plauschen vorbeischaut.
SPIEGEL: Und jeder Besucher konnte mal schnell auf die Toilette verschwinden?
Baumann: Klar. Aber ich betone, St. Moritz ist die wahrscheinlichste Möglichkeit, nicht die einzige.
SPIEGEL: Haben Sie eine konkrete Erinnerung an die seinerzeit benutzte Zahncreme?
Baumann: Ja. Hauptsächlich weil sie mir nicht besonders geschmeckt hat. Und so manches Mal habe ich gedacht: Hoffentlich ist sie bald leer. Deshalb habe ich dieses Bild vor Augen.
SPIEGEL: Aber Sie können nicht sagen, dass die Tube in St. Moritz besonders prall oder ausgedrückt war?
Baumann: Das ist bei diesem Tubentyp schwierig. Die kann man nicht aufrollen, die bleibt in ihrer Form fest.
SPIEGEL: Als Sie die Tube aus St. Moritz mitgebracht haben, wo war die dann?
Baumann: Im Dachgeschoss, wo das Schlafzimmer ist. Dort haben wir eine Waschgelegenheit. Im ersten Stock gibt es unser reguläres Bad, das wir alle benutzen.
SPIEGEL: Welche Motive haben den Täter Ihrer Meinung nach angetrieben?
Baumann: Ich sehe einen Zusammenhang mit meinen Bemühungen für den sauberen Sport im weitesten Sinne: Dopingkontrollen verschärfen, Strafen beibehalten, staatliche Hilfe einfordern, mehr Geld für Analytik. Es war nicht schwer zu ahnen, dass ich über die aktive Laufbahn hinaus für diese Werte einstehen will. Und vereiteln kann man das nur, wenn man meine Glaubwürdigkeit zerstört. Daran wird kräftig gearbeitet.
SPIEGEL: Es geht also nicht darum, den Läufer Baumann für ein, zwei Jahre zu verhindern ...
Baumann: ... ach was, ich hätte doch bei den Olympischen Spielen in Sydney keine Medaillenchance mehr gehabt. Ich wollte noch ein bisschen laufen und das Finale erreichen.
SPIEGEL: Sie glauben, hier hat jemand vorsorglich Lobbyarbeit betrieben, um einen dräuenden, unangenehmen Sportpolitiker zu verhindern?
Baumann: Sportpolitiker ist mir zu abstrakt. Ein Ehrenamt hätte ich nicht gemacht. Ich hätte Geld verdienen wollen. Aber meine Person hat mehr mit Politik zu tun, als mir immer klar war. Ich habe das unterschätzt, geglaubt, ich sei ein kleines Licht. Hier werden jetzt Rechnungen beglichen.
SPIEGEL: Leichtathleten wie Katrin Krabbe, Susen Tiedtke oder Stéphane Franke beklagen, dass in Ihrem Fall alles getan werde, um Ihre Unschuld zu beweisen. Wie gehen Sie mit diesen Attacken um?
Baumann: Ich lese so was nicht, ich bekomme es höchstens zugetragen. Ich kann nicht auf allen Kriegsschauplätzen tätig sein. Meinen Sachverhalt aufzuklären ist schon anstrengend genug. Ich erkenne aber eine Taktik darin, von verschiedenen Leuten und aus verschiedenen Motiven, mir immer wieder vorzuwerfen, es gebe in meinem Fall eine Sonderbehandlung. Das sollte den Druck auf den DLV erhöhen.
SPIEGEL: Urteilen Sie über strittige Dopingbefunde heute nachsichtiger als früher etwa im Fall der Weitspringerin Tiedtke?
Baumann: Das ist ein falsches Beispiel. Susen Tiedtke war des Gebrauchs von Oral-Turinabol überführt worden. Sie hat damals in Amerika gelebt und behauptet, das Mittel sei über den Verzehr von Fleisch in ihren Urin geraten. Oral-Turinabol kann man aber im Chemielabor anhand eines Chloratoms erkennen. Und auf dem gesamten US-Markt gibt es nicht ein Anabolikum mit diesem Chloratom. Das war das Problem ihres Gutachtens.
SPIEGEL: Auch Sie können bislang nicht den Beweis antreten, an Ihren beiden positiven Urinproben unschuldig zu sein. Vertreten Sie immer noch den Standpunkt: Der Athlet ist für sich selbst verantwortlich?
Baumann: Dazu stehe ich weiterhin. Aber wenn man Opfer eines Anschlags wird, ist die Eigenverantwortlichkeit ja wohl außer Kraft gesetzt. Das Argument, warum ich die Beweislast tragen soll, heißt: Das haben wir immer so gemacht. Aber ein Opfer zu bringen, nur um das System des DLV zu erhalten, das wäre die schlechteste Botschaft.
SPIEGEL: Das System ist doch jetzt schon aus den Fugen geraten, weil es Mittel gibt, die kein Dopinglabor der Welt verlässlich nachweisen kann.
Baumann: Das ist es ja, was überhaupt nicht diskutiert wird. Ich hätte ja nie Nandrolon genommen, sondern Epo. Das ist der Seligmacher im Langstreckensport, damit lächelst du jeden Kontrolleur an.
INTERVIEW: UDO LUDWIG, ALFRED WEINZIERL