Leserfragen: Hat der Radsport noch eine Zukunft? - DER SPIEGEL
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Leserfragen Hat der Radsport noch eine Zukunft?

Michael Rasmussen ist erst einige Tage nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen ihn aus der Tour genommen worden - Marcel Wüst mutmaßt, wieso. Der frühere Profi spekuliert über die Aussichten der Deutschland Tour. Außerdem glaubt er, dass Winokurow nicht mit einer Blutprobe gerechnet hat.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hallo Marcel,
der Wino geht doch nicht mal eben in sein Zimmer, macht den Koffer auf und hängt sich an eine Blutkonserve? Das heißt, der Teamarzt muss dabei gewesen sein und damit muss die sportliche Leitung doch alles gewusst haben? Was ist mit Zimmerkollegen? Die müssen das doch auch mitgekriegt haben? Mit wem hat sich Wino eigentlich ein Zimmer geteilt?
Danke. Viele Grüße, Dirk (Erfurt)

Hallo Dirk,
keine Ahnung, mit wem Wino das Zimmer teilt – bei neun Fahrern im Team hat ja einer immer ein Einzelzimmer. Wino als Kapitän kann so etwas dann auch verlangen, wenn er es will. Ich denke auch, dass dort ein Arzt, oder zumindest jemand mit medizinischen Kenntnissen anwesend war. Das kann theoretisch auch ein Wino-Vertrauter gewesen sein, der dem "Blutsbruder" das Blut abnahm, und bei Wino reinspritzte. Davon muss das Team nix gewusst haben, aber vielleicht haben alle nur weggeschaut. Denn Erfolge bringen Geld!
Alles Gute, Marcel

Hallo Etappenhase,
wieso wird Rasmussen erst jetzt von seinem Team rausgenommen? Und was ist mit Contador, der ist doch auch total verdächtig?
Grüße aus Bonn, Werner Reinders

Hallo Werner,
ich denke, der Sponsor Rabobank hat der Teamleitung den Auftrag gegeben, Rasmussen aus dem Rennen zu nehmen. Es ist fürs Image fast besser, einen Dopingverdächtigen zu eliminieren und nicht die Tour zu gewinnen, als sich mit einem unbeliebten und anrüchigen Toursieger zu schmücken. Es ist auf jeden Fall eine sehr wichtige Grundsatzentscheidung des Sponsors gewesen! Im Fall Contador hört man, er stehe auf der Fuentes-Liste – wie viele andere auch. Dieses Dilemma wird nur dann beendet werden, wenn die spanische Regierung die sichergestellten Blutkonserven freigibt. Alle Radprofis (sowie alle Sportler anderer Sportarten, von denen stehen auch 150 Namen auf der Liste!) müssten dann per DNA-Test ihre Unschuld nachweisen. Wer nichts zu verbergen hat, wird dem sicher zustimmen.
Grüße, Marcel

Lieber Marcel Wüst,
wie kann ein Sportler und diejenigen, die ihn zum Doping treiben, so kurzsichtig sein und glauben, dass ein Dopingtest dies nicht ans Licht bringt - schließlich wird jeder Etappensieger getestet. Oder rechnete man bei Astana schlichtweg damit, dass noch jemand besser gedopt ist und Wino erst gar nicht zum Dopingtest muss?
Viele Grüße, Steffen Banhardt

Sehr geehrter Herr Banhardt,
normalerweise werden nur Urinproben genommen, in besonderen, aber sehr seltenen Fällen, werden auch Blutproben genommen. Damit hat Wino wohl nicht gerechnet. Dumm gelaufen für ihn, aber besser eine weitere Negativschlagzeile, als ein durchs Netz geschlüpfter Dopingsünder.
Viele Grüße, Marcel Wüst

Hallo Marcel,
ich habe eine Frage zu den hohen (Durchschnitts)-Geschwindigkeiten bei der Tour. Wie groß ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Rennrad und einem "normalen" Fahrrad (City, Trekking) mit etwas breiteren Reifen? Mit welcher Steigerung kann man durch das Rennrad rechnen, wenn man als Hobby-Fahrer im hügeligen Gelände mit dem "normalen" Rad einen Durchschnitt von 25 Kilometern pro Stunde schafft?
Viele Grüße, Chris. P.S.: Ich finde deine Kolumnen sehr interessant - weiter so!

Hi Chris,
wenn man von einem Trekking Bike, das knapp elf Kilogramm wiegt, auf ein Hightech Rad wechselt wie es die Tour-Profis (und sehr viele Hobbyradler!!) fahren, dann ist der Geschwindigkeitsunterschied ziemlich groß. Wer bis dato einen 25er Schnitt schaffte, der wird mit dem Karbonrenner und aerodynamischen Laufrädern locker auf einen 30er kommen. Nun ist das Rennrad halt ein reines Sportgerät, das Citybike auch Fortbewegungsmittel und zweckmäßiger ausgestattet. Glücklich, wer beides hat!
Danke, Marcel

Sehr geehrter Herr Wüst,
wieso lässt das Fahrerfeld in der letzten Woche immer Ausreißergruppen wegfahren. Haben die im Feld verbliebenen kein Interesse am Etappensieg?
Mit sportlichen Grüßen aus Ulm, Theo Brandl

Hallo Herr Brandl,
eigentlich will ja jeder in diese Gruppe, aber das ist nicht ganz einfach. Die Gruppe, die es letzten Endes schafft, sich abzusetzen, ist nämlich nicht die erstbeste. Bis diese sich formiert und gefunden hat, vergeht oftmals eine ganze Stunde oder mehr, in der sich immer wieder Gruppen absetzen, die aber wieder eingeholt werden. Das Stundenmittel im Feld ist dann nicht selten bei circa 50 Kilometern pro Stunde, und wenn die Spitzenreiter dann endlich in einer stabilen Formation enteilen, dann wird im Feld auch durchgeatmet, denn selbst wenn man nicht dabei ist, tut es gut, wenn das Tempo endlich mal normal wird. Zunächst übernimmt dann das Team vom Gelben Trikot die Nachführarbeit, und spätestens wenn der Vorsprung so groß wird, dass die Gesamtmannschaftswertung beeinflusst wird, kommen auch mal andere Teams aus dem Windschatten nach vorne und verteidigen ihre Position.
Viele Grüße nach Baden-Württemberg, Marcel Wüst

Herr Wüst,
hat der Radsport noch eine Zukunft? Was passiert mit der Deutschland Tour im August? Wie sehen sie die augenblickliche Lage?
Grüße, Frank Weber

Hallo Herr Weber,
es sieht nicht gut aus, das ist klar! Wird die ARD ihren Vertrag einhalten und übertragen, dann wird die d-tour zumindest in diesem Jahr stattfinden. Die Entscheidung wird wohl bald fallen, und die ist nicht einfach. Wer aus der Tour (Radsportveranstaltung!) aussteigt, wird kaum Argumente für eine Übertragung der d-tour (Radsportveranstaltung!) finden. Die Zukunft wird vor allem vom Verhalten der Sponsoren abhängen. Kann man ihnen als Team garantieren, dass nicht gedopt wird, dass die Millionen guten Gegenwert und Imagegewinn bringen? Das ist eher unwahrscheinlich. Der Weg wird hart und lang, und vor allem die Kontrollmechanismen müssen weiter entwickelt werden – trotz allem bin ich Rheinländer und bleibe Optimist. Ich hoffe, diese faszinierende und abwechslungsreiche Sportart bleibt uns erhalten.
Viele Grüße, Marcel Wüst

Nun ist die Tour fast zu Ende und ich konnte leider nur einen Bruchteil der Fragen beantworten, die gestellt wurden. Ich hoffe, dass die Tour und der Radsport die Kurve kriegen und wir uns im kommenden Jahr an gleicher Stelle wiedersehen und lesen. Allen Radsportfans, kritischen Beobachtern und SPIEGEL-ONLINE-Lesern wünsche ich Rückenwind in allen Lebenslagen!

Ihr Marcel Wüst