London 2012: Turner Philipp Boy will eine Medaille - DER SPIEGEL
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Turner Philipp Boy: Angriff aus der zweiten Reihe

Foto: Hannibal Hanschke/ dpa

Turner Philipp Boy Im Schatten des Show-Talents

Obwohl er in den vergangenen beiden Jahren der erfolgreichere Turner war, steht Philipp Boy vor den Olympischen Sommerspielen im Schatten Fabian Hambüchens - wieder einmal. In London geht es für ihn nicht nur um Medaillen, sondern um die Frage: Wer ist Deutschlands bester Turner?
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So ganz wird er es nicht verstanden haben. Wieder einmal erhielt Fabian Hambüchen den Vorzug - obwohl er, Philipp Boy, in den vergangenen beiden Jahren der bessere, der erfolgreichere Athlet war. Zum zweiten Mal in Folge war er zum Turner des Jahres gewählt worden, hatte 2011 den Deutschen und Vize-Weltmeistertitel im Mehrkampf gewonnen. Doch es ist Hambüchen, der die deutsche Turn-Riege bei den Olympischen Sommerspielen in London anführt. Hambüchen, der sich bei den nationalen Titelkämpfen im Juni eindrucksvoll zurückmeldete - und Boy plötzlich wieder die Schau zu stehlen droht.

Von einem teaminternen Duell mit dem ehemaligen Reck-Weltmeister will Boy zwar nichts wissen. Doch der Frust über die jüngsten Niederlagen bei den Deutschen Meisterschaften und der zweiten Olympia-Qualifikation sitzt tief. Hambüchen hatte beide Male die Nase vorn, sein Selbstbewusstsein vor London ist groß. Im Vorfeld stellte er sogar Trainingsbilder seiner spektakulären Reck-Übung ins Internet: "Ich will zeigen, dass ich noch da bin und dass ich bei Olympia stark zurückkommen werde", sagt Hambüchen.

Für Boy lief es vor dem "wichtigsten Wettkampf des Lebens" hingegen nicht rund, er quälte sich in den vergangenen Monaten mit etlichen Verletzungen herum. Schlüsselbein, Handgelenk, Schulter, Fußgelenk, Rücken - ständig war etwas angeknackst oder entzündet. Mit "Scheißdreck" kommentierte der 25-Jährige die Situation kurz vor den Wettkämpfen in London. So äußert sich öffentlich nur jemand, der unter hohem Druck steht.

Wer ist Deutschlands bester Turner?

Dabei könnte der elegante Turner aus Cottbus ganz entspannt in das Turnier in London starten: Es sind seine zweiten Olympischen Sommerspiele, in Peking wurde er im Mehrkampf 13., mit der Mannschaft verpasste er knapp die Bronzemedaille. Es muss keinen Titel verteidigen. Doch nach dem zweiten Platz bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr sind die eigenen Erwartungen hoch. "Ich habe bewiesen, dass ich vorne dabei sein kann, wenn ich fehlerfrei bleibe", sagt Boy. Und: "Es gibt jetzt nicht mehr nur diesen einen deutschen Turner."

Er werde "voll auf Angriff turnen", verkündete er deshalb jüngst, sein Ziel sei die Qualifikation für das Mehrkampf-Einzelfinale. Dafür hat er den Schwierigkeitsgrad seiner Übungen - trotz andauernder Rückschläge während der Vorbereitung - noch einmal erhöht. Ein enormes Risiko, vor allem ohne ausreichendes Training. Manchmal fühle er sich morgens nach dem Aufstehen wie ein alter Mann, könne die Einheiten nur mit Schmerzmitteln ertragen. "Aber ich will in London eine Medaille. Dem ordne ich alles unter. Olympia entschädigt für alles", sagt er.

Turner muss "Rampensau" sein

Doch für Boy geht es in London nicht nur um gute Wettkampfergebnisse. Es geht für ihn vor allem auch um die Beantwortung der Frage: Wer ist Deutschlands bester Turner? Dabei sind Boy und Hambüchen - zumindest auf den ersten Blick - völlig unterschiedliche Typen. Hambüchen, der genau so alt ist wie Boy, hat bereits seine Autobiographie veröffentlicht und bei mitunter fragwürdigen Fernsehauftritten immer wieder öffentliche Aufmerksamkeit gesucht. Große Teile seiner Saisonvorbereitung absolvierte Hambüchen in Asien, das Verhältnis zum Rest der deutschen Turnriege war auch deshalb nicht immer das beste.

Boy ist Sportsoldat, er lebt bei seiner Familie in Cottbus. "Ich bin ein heimeliger Typ", sagt er. Der Wecker klingelt jeden Morgen um 6.30 Uhr, ab 8 Uhr steht Boy in der Turnhalle. Er trainiert bis abends, spätestens um zehn geht er ins Bett. Zugleich präsentiert er sich aber als smarter Sunnyboy - so sehe er sich selbst am liebsten. Wohl nicht ohne Grund: "Turnen ist zu unpopulär. Wir definieren uns nicht über den Sport, sondern über Gesichter", sagt Turn-Bundestrainer Andreas Hirsch. Ein Turner müsse deshalb eine Rampensau sein, jemand der sich gerne auf der großen Bühne zeigt. "Solche Typen braucht der Sport."

Boy ist das Gesicht einer Adidas-Kampagne, hat eine eigene Sportartikel-Linie. Einer seiner Freunde ist der Star-Friseur Udo Waltz, er nimmt ihn ab und zu mit ins Berliner Promi-Restaurant Borchardt.

Sein großes Ziel liegt hingegen nicht in der Welt des Glamours. "Ich will einmal zurückblicken und sagen können: 'Das hast du für deinen Sport erreicht'", sagt Boy. Hambüchen ist das bereits gelungen: Ihn kennen die meisten Deutschen - wenngleich sie mit Turnen nicht viel anfangen können.

Es ist nicht verwunderlich, dass der Deutsche Turner-Bund ausgerechnet Hambüchen als Mannschaftsführer ausgewählt hat.

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