Marie-José Pérec "Einsam und verwirrt"
Sydney/Paris - Nach Pérecs atemberaubender Flucht über drei Kontinente konnte Frankreichs Sportministerin Marie-George Buffet am Freitag als Einzige Auskunft darüber geben, warum sich die exzentrische 400-Meter-Läuferin Hals über Kopf von den Olympischen Spielen abgesetzt hatte. Die Sportlerin sei, so berichtete die Politikerin, "unter dem Druck der australischen Medien zusammengebrochen".
Pérec hatte sich offenbar am Donnerstagabend in Singapur in einem viertelstündigen Telefonat an höchster Stelle ausgeweint. In dem Gespräch, das einem "Ruf um Hilfe" geglichen habe, sei von "Einsamkeit und Verwirrung" die Rede gewesen, berichtete die französische Zeitung "Le Parisien" am Freitag. Die Ministerin habe von "Frau zu Frau" mit der Leichtathletin gesprochen und jeden Vorwurf vermieden. Ein Sprecher des französischen Sportministeriums teilte am Freitag in Sydney mit, Pérec werde sich "in ein paar Tagen erklären".
In Singapur befand sich die 32-Jährige elf Stunden lang in Polizeigewahrsam, nachdem ihr Lebensgefährte Anthuan Maybank in eine Schlägerei mit einem TV-Team verwickelt gewesen war. Pérec landete nach der überstürzten Abreise aus Sydney und dem Intermezzo in Singapur am Freitagmorgen um 6:20 Uhr Ortszeit in Paris, gab bei ihrer Ankunft jedoch keine Interviews.
Von den australischen Medien erntete Pérec, die als große Gegenspielerin von Cathy Freeman über die 400 Meter galt, für ihren Abgang aus Sydney hämische Kommentare. Der "Daily Telegraph" lästerte über "Mademoiselle La Chicken", der "Sydney Morning Herald" machte sich über den "6000-Kilometer-Sprint" lustig und vermeldete: "Pérec war in Wirklichkeit nie da."
Die Französin hatte in Sydney versucht, sich abgeschottet von der Öffentlichkeit auf Olympia vorzubereiten. Pérec weigerte sich, mit ihren Teamkollegen im Athletendorf zu wohnen und zog sich stattdessen mit ihrem Rostocker Trainer Wolfgang Meier ins abgeschirmte Sydney Athletic Field in Kensington zurück. Das löste bei der Presse Spekulationen aus: "Sie wurde während ihrer Zeit in Sydney nie auf Drogen untersucht", schrieb der "Morning Herald".
Der Generaldirektor des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), François Carrard, warb unterdessen in Sydney um Verständnis für die Französin. "Junge Leute, die unter einem solchen Druck und einer solchen Anspannung stehen, treffen manchmal Entscheidungen, die nicht die besten sind", sagte der Schweizer. "Sie braucht jetzt Zeit", beschwichtigte Sportministerin Buffet.