Martin Buß: Nur nicht die "Arschkarte" - DER SPIEGEL
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Martin Buß Nur nicht die "Arschkarte"

In Edmonton wurde mit Martin Buß erstmals ein deutscher Hochspringer Weltmeister. Eine Leistung, die niemand erwartet hatte - Buß am wenigsten.
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Edmonton - Manchmal sind es die kleinen Dinge, die Großes bewirken: Martin Buß hat die Elite der Hochspringer mit einem Hosentrick besiegt und sich und die Experten mit dem Gewinn des Weltmeistertitels nur 13 Monate nach einer Achillessehnenoperation total verblüfft. Der 25-Jährige trug bei seinen Höhenflügen in Edmonton zum ersten Mal eine eng anliegende knielange Nylonhose, die bei Lattenberührungen des Oberschenkels weniger Reibung erzeugt als die Haut. "Ich habe mir gedacht, probiere es einfach mal aus, und es hat gewirkt", erzählte der Berliner nach seiner Glanztat. "Das war Wahnsinn, einfach genial", sprudelte es aus dem ersten deutschen Hochsprung-Weltmeister heraus. Er steht nun auf einer Stufe mit den Olympiasiegern Gerd Wessig (1980) und Dietmar Mögenburg (1984).

Ehrung durch Fosbury


Mit der Jahresweltbestleistung von 2,36 Meter lag Buß vor den Russen Jaroslaw Rybakow und dem entthronten Titelverteidiger Wjatscheslaw Woronin, die sich Rang zwei teilten. Dem zweimaligen Weltmeister, Atlanta-Olympiasieger und Weltrekordler Javier Sotomayor (Kuba/alle 2,33), der zum Jahresende aufhört und Verbandstrainer wird, blieb nur Rang vier. Vom Amerikaner Dick Fosbury, der mit seinem Flopstil 1968 die Hochsprung-Revolution ausgelöst hatte, bekam Buß bei der Siegerehrung das WM-Gold um den Hals gehängt.

Zuversichtlich war Buß schon vor dem Wettkampf. Schon zum Mittagessen hatte Buß einem Teamkollegen gesagt: "Ich springe 2,37 und werde Weltmeister." Dieses Selbstvertrauen hat er im Trainingslager in Calgary getankt, wo es "sehr gut lief". Dort steigerte er seinen Trainingsbestwert um sieben Zentimeter auf 2,27 Meter. "Unsere Erwartungen waren schon sehr hoch, auch über den Sieg haben wir uns unterhalten. Alles, was wir im Training gemacht haben, war besser als je zuvor", bestätigte Trainer Rainer Pottel.

Eigentlich kein Pokertyp


Im Wettkampf nahm Buß alle Höhen bis 2,30 Meter im ersten Anlauf. Nachdem er 2,33 Meter einmal gerissen hatte, reservierte er sich für den Titel-Poker zwei Sprünge für die Siegerhöhe und segelte in seinem letzten Versuch über die Latte. "Obwohl ich kein Pokertyp bin, war ich dazu gezwungen, da ein Trio 2,33 gemeistert hatte", sagte Buß. "Vierter wollte ich nicht werden, diese Arschkarte hatte ich oft genug."

Von Arzt zu Arzt


Vor zwei Jahren in Sevilla rückte Martin Buß als WM-Dritter in die Weltspitze auf. In Sydney fehlte er wegen der Achillessehnen-Operation und trauert der verpassten Chance immer noch nach, weil die Silbermedaille schon mit 2,32 Meter wegging: "Das war schwer zu verkraften." Die Achillessehne im linken Fuß, seinem Sprungbein, war angerissen und wurde am 28. Juni vergangenen Jahres operiert.

Bis zu den Deutschen Meisterschaften Ende Juli in Stuttgart, wo er sich gerade noch für die WM qualifizieren konnte, hatte der neue Weltmeister eine problemreiche Saison. Er fühlte sich schlapp und müde, der Verdacht auf Pfeiffer-Drüsenfieber bestätigte sich aber nicht. Hinzu kamen Knieprobleme, er rannte von Arzt zu Arzt: "Von acht Wochen Pause war die Rede und von Vorzeichen für einen Ermüdungsbruch der Kniescheibe", erinnert sich Buß.

"Geld kommt von alleine"


Buß hofft nun, seine Goldmedaille gewinnbringend einsetzen zu können. Sein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik hat er zu Gunsten der Hochsprung-Karriere aufgegeben. Ob er allerdings die 60.000 Dollar Siegprämie ausgezahlt bekommt, steht noch in den Sternen, denn Buß kann nicht, wie von der IAAF gefordert, genügend Trainingskontrollen vorweisen. Dennoch ist dem zweifachen Familienvater nicht Bange um die Zukunft. "Geld kommt von alleine, wenn man erfolgreich ist", ist Buß optimistisch. Der WM-Titel ist in dieser Beziehung sicherlich kein Hindernis.