Melsungen-Trainer Roth "Ich bin gefragt worden, ob ich noch ganz dicht sei"
Coach Roth: "Ohne Geld eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammengestellt"
Foto: Thomas Starke/ Bongarts/Getty ImagesFrage: Was wussten Sie vor Ihrem Wechsel über die MT Melsungen?
Roth: Das, was jeder andere auch wusste. Dass hier eine Menge Potential ist: Dass aber im Vergleich zu dem, was eingesetzt wurde, zu wenig herausgekommen ist.
Frage: Um Ihre erste Aufgabe in Melsungen waren Sie nicht zu beneiden.
Roth: Ich habe die Mannschaft im Oktober 2010 mit null Punkten übernommen - nach zwölf Saisonspielen. Den anschließenden Klassenverbleib bewerte ich als größere Leistung als den momentanen zehnten Platz.
Frage: Träumen Sie von mehr?
Roth: Ende Dezember 2010 - da hatten wir bereits zwölf Punkte - habe ich eine Ansprache zum neuen Jahr gehalten, in der ich die Formulierung von der Top Ten aufgenommen habe. Und in Verbindung damit habe ich auch den Traum aufgegriffen, eines Tages mal europäisch zu spielen. Da haben sich alle erstmal erschrocken. So sind die Nordhessen eben: sehr zurückhaltend in der Formulierung von Zielen. Aber das ist eben mein Anspruch als Trainer, das Projekt mindestens in die Top Ten zu führen und bis 2015 an die Europacupplätze heranzukommen.
Frage: Mit welchem Etat fährt MT das Projekt?
Roth: Ich glaube, offiziell mit 3,5 Millionen Euro.
Frage: Ergibt sich daraus die Perspektive Europacup oder braucht man dafür mehr Geld?
Roth: Wir sind sportlich gar nicht so weit davon entfernt. Wir müssen allerdings unsere Vertriebswege noch verbessern, den Standort Kassel noch mehr mit einbeziehen.
Frage: Ihr Wechsel im Herbst 2010 von Wetzlar nach Melsungen kam für viele ziemlich überraschend.
Roth: Ich hatte mit Melsungen schon in der Vorsaison Kontakt, aber in Wetzlar noch einiges vor. Deshalb passte das damals noch nicht. Die HSG stand dann Monate später kurz vor dem Kollaps, wobei ich extrem mitgeholfen habe, den Zusammenbruch zu umgehen. Wir haben ohne Geld eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammengestellt, in der Saison danach folgte der große Aderlass. Avishay Smoler ging weg, Sven-Sören Christophersen verließ die HSG. Ich habe mich zunächst entschieden, trotz allem weiterzumachen. Aber als dann innerhalb kürzester Zeit drei Mal der Geschäftsführer wechselte (Axel Geerken, Rainer Dotzauer, Sascha Schnobrich, jetzt Björn Seipp, Anm. der Red.), war die Unruhe im Club groß. Und als dann parallel die Anfrage aus Melsungen kam, war es für beide Seiten vernünftig, sich zu trennen.
Frage: Aber die Mannschaft stand damals auf dem letzten Platz.
Roth: Sicher war das damals kein Hurra-Wechsel. Eine Mannschaft mit null Punkten zu übernehmen, macht auch noch lange nicht jeder. Ich bin ja sogar gefragt worden, ob ich noch ganz dicht sei, das zu machen. Aber ich habe das damals schon als Projekt gesehen. Und das hat sich nun bestätigt, weil wir eine Personalpolitik betrieben haben, die sich in dieser Saison schon sehr positiv auswirkt - mit Patrik Fahlgren, mit Per Sandström. Diese Politik werden wir in diesem Jahr fortsetzen mit der Verpflichtung von Daniel Kubes und Mikael Appelgren. Zudem haben wir junge deutsche Spieler wie Felix Danner und Michael Allendorf, der bereits Nationalspieler ist, hier weiterentwickelt.
Frage: Kann man sagen, Michael Roth war die Ausbaustufe eins, die Verpflichtungen von Fahlgren und Sandström die zweite, der nun in einem dritten Schritt der Imagewandel folgen soll?
Roth: Ein Positivimage hat ja nicht allein mit einem Namen zu tun. Dazu gehört viel mehr.
Frage: Also ist dieser Paradigmenwechsel - mehr deutsche und mehr skandinavische Spieler - Teil dieses Plans?
Roth: Klar. Ich habe die Mannschaft 2010 übernommen mit Spielern aus sieben Nationen. Das ist halt schwierig zu steuern. Und das hat nichts mit den Ausländern zu tun. Hey, aber sieben verschiedene Nationalitäten - das ist nicht einfach. Diese Vielfalt haben wir deutlich verringert. Die grundsätzliche Ausrichtung ist so, dass wir "deutsch" forcieren und das skandinavische Element mit einfließen lassen wollen. Das ist nicht zwingend, aber ein Trend.