Michalczewski-Comeback Immer voll drauf
Hamburg - Michalczewski, so scheint es, steht ständig unter Strom, steckt voller Ungeduld, wirkt wie ein Getriebener. Fragen versucht er zu beantworten, bevor sie zu Ende formuliert sind. Dabei redet er häufig schneller, als sein aktives deutsches Vokabular es zulässt. Deshalb gerät er immer wieder ins Stottern. Und wie Michalczewski spricht, so boxt er auch. Immer unterwegs im Ring, dem Gegner keine Ruhe lassen, ihn mit ständigen Jabs der linken Führhand vor sich her treiben. Die Deckung vernachlässigt er gern. Die Intentionen seines Gegenüber interessieren ihn allenfalls am Rande.
Was den Gesprächspartner nur wenig nervt, ist für die Ringpartner buchstäblich zermürbend, zumal der ruhelose "Tiger" bisweilen harte Haken einstreut - beidhändig. In 48 Profi-Duellen war der inzwischen in seine Heimatstadt Gdansk, das frühere Danzig, zurückgekehrte Mann mit den zwei Nationalitäten auf diese Weise erfolgreich. Allein 41-mal erlebten seine Kontrahenten den Schlussgong nicht, wurden ausgezählt oder vom Ringrichter in ihre Ecke geschickt.
Nur zweimal ging es schief für Michalczewski. Erst gegen Graciano Rocchigiani, der klar nach Punkten führte, als der Sohn eines sardischen Eisenbiegers ein doppeltes Trennkommando ignorierte und weiter zuschlug, was zu Rocchigianis Disqualifikation führte. Die erste definitive Niederlage erlitt Michalczewski, als er die Weltrekordmarke von Rocky Marciano anpeilte, der als Profi in den fünfziger Jahren 49-mal ungeschlagen blieb und dann abtrat.
Michalczewski-Karriere: Herz ohne Heimat
Den erfolgreichsten Profiboxer aller Zeiten mit deutschem Pass erwischte es im Fight Nummer 49. Dabei war der Mexikaner Julio Gonzalez nicht gerade ein unwiderstehlicher Knockouter. Ein Schlaks vielmehr, der wenig Furcht im Ring zu verbreiten verstand. Aber Michalczewski hatte, so sieht er es heute, einfach einen gebrauchten Tag erwischt: "Das kennt doch jeder Mensch, dass es Phasen gibt, da geht alles daneben." In diesem Fall die Fausthiebe. Wohl noch nie hat Michalczewski derart ungenau oder gleich in die Luft geschlagen wie im Duell mit Gonzalez am 18. Oktober 2003 in der Hamburger Color Line Arena.
Doch der Mensch, so heißt es, wächst nicht durch seine Siege, sondern durch seine Niederlagen. Wer Michalczewski heute, gut ein Jahr später, begegnet, erlebt einen Gehäuteten. Selbstkritik zählte früher nicht zu seinen Stärken. Heute spricht er Sätze wie diesen: "Ich war schon in den Kämpfen davor nicht mehr hundertprozentig bei der Sache. Früher habe ich meine Kämpfe durch boxerische Klasse gewonnen, gegen Richard Hall und Derrick Harmon am Ende nur noch mit Gewalt." Er selbst sah nach diesen Duellen aus, als sei er gegen einen Panzer gelaufen.
Anfang Oktober nun legte Michalczewski im Ostseebad Timmendorf ein 14-tägiges Fastenprogramm ein: "Das finde ich toll, die Sinnesorgane sind viel sensibler als sonst und man reinigt nicht nur den Körper, sondern auch die Seele." Die "Hungerei", so Michalczewski, bereite ihm Spaß. Um die Selbstkasteiung zu erschweren und keine Langeweile aufkommen zu lassen, ist er vormittags 30 Kilometer mit dem Rad gefahren, nachmittags 16 Kilometer gelaufen, hat Krafttraining gemacht und in der Sauna transpiriert. Danach brachte er rund 82 Kilogramm auf die Waage - so früh wie selten vor einem Kampf. Erlaubt sind in seiner Gewichtsklasse 79,378 Kilogramm.
Der entthronte Weltmeister hatte es aber auch nötig. Noch vor wenigen Wochen sah er aus wie ein Mops, hatte zehn Kilogramm zu viel auf den Rippen. Die Aufgeschwemmtheit war wesentlich dem Alkohol zu verdanken. Michalczewski trinkt, was auf den Tisch kommt, egal ob Wein oder Wodka. Nur vor wichtigen Kämpfen hält er es durch, eine Weile die Finger vom Feuerwasser zu lassen.
Mit Fabrice Tiozzo bekommt er Ende Februar einen vor die Handschuhe, dessen Qualitäten außer Frage stehen. Von 46 Profifights verlor er lediglich zwei. Der Franzose bringt sogar etwas mit in die Hamburger Color Line Arena, was sein Herausforderer momentan nicht zu bieten hat: einen WM-Gürtel, in diesem Fall den der World Boxing Association (WBA).
Michalczewski, man muss es ihm lassen, ist vielseitig. So veröffentlichte er erst kürzlich seine autorisierte Biografie "Stärker als die Angst". Inzwischen hat er sogar sein Abitur in Polen nachgemacht - per Fernstudium, wie er berichtet. Sonderkonditionen, betont er, habe er keine bekommen und auch nicht haben wollen. Seine Freundin Patricia, die Politologie studiert, hat ihm geholfen. "Am meisten Angst hatte ich vor Polnisch, aber da habe ich eine leichte Klausuraufgabe erwischt", sagt Michalczewski. Mit mehreren hundert Mitschülern habe er das Examen in zweimal sechs Stunden bestanden. "Ich war ziemlich nervös, aber jetzt habe ich nach 25 Jahren Boxen Abitur gemacht. Ganz blöd im Kopf kann ich wohl nicht sein."
Ein zentrales Betätigungsfeld ist seine in Polen tätige Stiftung "Gleiche Chancen". Der gelernte Polsterer erklärt: "Da arbeiten wir mit Jugendlichen, die aus Langeweile kriminell werden, so wie ich es früher war. Wäre ich nicht zum Boxen gekommen, hätte ich bestimmt schon zehn Jahre Knast hinter mir." Diese Arbeit sei eine echte Herausforderung, so Michalczewski, hingegen "Business zu machen und Geld zu verdienen, das ist leicht, das langweilt mich. Geld ist nicht das Entscheidende".
Letztlich dürften es, neben der obligatorischen Millionengage, ungebrochener Tatendrang und Eitelkeit sein, die ihn zurücktreiben ins Seilgeviert, in die Lichtkegel der Scheinwerfer und vor die Linsen der TV-Kameras. Was nach dem Kampf geschieht, weiß Michalczewski nicht. Er will nicht darüber nachdenken. Jetzt nicht. Das behindere die Konzentration aufs Wesentliche. Auch gegen Gonzalez, das gesteht er sich heute ein, war er mit dem Gedanken schon beim Weltrekord oder gar bei Roy Jones. Gegen den, der von den Branchenexperten jahrelang als bester Boxer über alle Klassen geführt wurde, wollte Michalczewski unbedingt kämpfen, genauso wie Mitte der Neunziger gegen Henry Maske. Beide verweigerten ihm das Kräftemessen.
Klingen die wilden Jahre des "Tigers" langsam aus? Michalczewskis Replik ist erneut so schnell wie ein Konter im Ring: "Nein, ich warte darauf, dass sie noch kommen. Bisher musste ich mich ja immer verstecken. Irgendwann möchte ich auch mal ganz öffentlich betrunken sein dürfen."