Nachlese auf Olympia Beulen aus Athen
Athen - "Ab Heute: Eulenverkauf". Das Schild hing schon länger an dem Fußballplatz neben dem Deutschen Haus. Dort hatte sich ein Künstler einen wahnsinnigen Kopf gemacht und den ganzen Platz voll gestellt mit Plastikeulen in den Farben der olympischen Ringe. "Eulen nach Athen tragen" hieß die Aktion mit dem Prädikat besonders originell und war so nahe liegend wie das Olympiastadion.
Die Eulen sind ein Ladenhüter, niemand will sie kaufen. Aber was nimmt man denn mit aus Athen, der Heimkehr der Spiele? "Griechenland kennt viele Übel, aber am schlimmsten ist das Volk der Athleten", wusste Euripides. Und weil wir es die ganze Zeit über vermieden haben, die Klassiker zu zitieren, wollen wir das zum Abschluss alles nachholen, denn es gab viel zu lernen.
Badeenten des DSV
"Ist die Teilnahme an Olympia eine gewaltige Leistung, so ist das Training noch schwieriger" (Philostratos). Auch wenn man im Medaillenranking am Ende mit einem blauen Auge davon kam, hat in Deutschland nun eine Debatte über den Spitzensport begonnen: Das Hauen und Stechen um die Fördergelder ist schon im Gange, aber es wird auch ein Nachdenken über Trainer- und Funktionärsarbeit fällig. Die Badeenten des DSV sollten von Athen aus nach Hause schwimmen, die deutschen Leichtathleten werden gefördert wie kaum eine andere Disziplin und rennen dennoch allen hinterher. Da läuft irgendwas schief.
"Das Leben der Sportler gleicht dem der Schweine. Es ist ausgefüllt mit Essen, Trinken, Schlafen, Verdauen und Wälzen in Staub und Kot" (Galen). Das sehen Sportler heute oft noch ähnlich, anders ist das verbindende Element einiger Größen, von denen wir uns in Athen verabschieden konnten, nicht zu erklären. Sie gehörten irgendwie immer zum Inventar deutscher Olympia-Seligkeit und man wird sie vermutlich nie wieder bei den Spielen sehen: Franziska van Almsick ("Hoffentlich ist die Scheiße bald vorbei"), Ronny Weller ("Ich bin zu alt für den Scheiß") und Lars Riedel ("Die Dopingkontrollen waren zu lange reiner Scheiß").
Das Unerwartete entschädigt
Seit wir den Diskuswerfer Robert Fazekas gesehen haben, kommen wir mit einer prima Geschäftsidee zurück in das Land von Hartz IV und Ich-AG: Der Einzelhandel mit Fremdurin ist noch ausbaufähig.
Wie schön, dass wenigstens die Kanutin Birgit Fischer mit 42 offensichtlich immer noch mit einem unbändigen Willen Gold hamstert. Berührende Bilder gab es auch, als die Kanuten Christian Gille und Tomasz Wylenzek mit Trauerflor an den Start gingen und den Sieg ihrem an Krebs gestorbenen Kanufreund Thomas Zereske widmeten.
"Denn wir sind dadurch, dass wir die Medizin und die Gymnastik kennen, noch in keiner Weise zum Handeln geeigneter" (Aristoteles). Das Unerwartete entschädigte wie so oft für das Verplante. Die Hockey-Damen liefen nicht nur auf dem Platz zur Hochform auf, sondern bewiesen auch unglaubliche Kondition beim Feiern. Stürmerin Heike Lätzsch war nach dem Gold-Triumph morgens um sechs die Letzte, die noch nach Hause musste, und weil sie ohne Geld und Papiere auf der Straße stand, reckte sie dem Taxifahrer einfach ihre Goldmedaille entgegen. Solche Momente sind es, die olympisches Leben ausmachen.
Auf der Suche nach dem Geist
Aber wo war der olympische Geist? "Der unerwartet einen edlen Preis gewinnt in den reichen Jahren seiner Jugend, wird von Hoffnung beflügelt und hoch emporgehoben. Sein Herz behütet etwas, das besser ist als Reichtum." (Pindar) Vermutlich war es von Anfang an ein Irrglaube, die Spiele würden allein durch die Rückkehr nach Griechenland wieder ihren alten Atem erhalten.
Der Geist wird nicht wieder geweckt, nur weil Menschen in folkloristischen Kostümen den Siegern wieder einen Olivenzweig-Kranz ins Haar drücken. Dennoch war so was wie eine Zäsur zu spüren: Die Null-Toleranz-Linie von IOC-Präsident Jacques Rogge in Sachen Doping zeigt erste Früchte. Der hohe Hormonspiegel einiger Sportsfreunde bringt zwar immer wieder die Spiele in Verruf, aber am Ende ist der Sport nicht zu retten oder zu schützen, wenn das nicht öffentlich verhandelt wird.
"Nicht Leibeskraft oder Geld macht den Menschen glücklich, sondern Geradsinnigkeit und Vielseitigkeit" (Demokrit). Olympia ist ein Krake, der sich alle vier Jahre auf einer Stadt niederlässt und sie aussaugt. Athen wird die bisher teuersten Spiele aller Zeiten noch Jahrzehnte lang abbezahlen. Keiner weiß, was man mit all den schicken Stadien anfangen soll. Athen bezahlte auch für die ersten Spiele im Schatten des 11. Septembers, was dafür sorgte, dass man sich oft wie in einem surrealen Hochsicherheitstrakt mit Freiluftgehege für Leibesübungen fühlte.
Ausfallerscheinungen im Publikum
Die Griechen waren gute Gastgeber, auch wenn das Publikum gelegentlich kräftige Ausfallerscheinungen hatte im Verhalten gegenüber Sportlern und gegenüber den eigenen Helden. Manchmal hatte man den Eindruck, sie wollten dem Rest der Welt sagen, geht uns aus der Sonne. Aber es gab auch anderes: Man konnte weit weg von der Hauptstadt stranden, weil man unbedingt einen Sonnenuntergang am Meer sehen wollte und dann den letzten Bus verpassen und vergeblich trampen und dann spätabends an irgendeine fremde Tür klopfen und wurde dann aufgenommen, bewirtet und beschenkt. Danke, Hellas.
Es gab diese Frau, die selig lächelnd im tosenden Stadion ihren Säugling an die Brust legte und auf die Frage, wie der Kleine bei dem Lärm und der Hitze denn schlafen kann, die hübsche Antwort über hatte: "Er träumt von Olympia."
Aber man konnte auch viel lernen über die Arroganz von Funktionären und Sponsoren, die einer Idee den Nährwert stehlen, man lernt viel über die Macht des Fernsehens, das mit viel Gebührengeld noch jede Veranstaltung zum großen emotionalen Drama aufpumpt, und man will sie nicht mehr sehen, diese Olympia-Touristen wie Heribert Faßbender in Turnschuhen, wie er seine dritte Bratwurst holt, diese drittklassigen Jet-Set-Groupies wie Dirk Bach und Verona Feldbusch, die an jeder roten Ampel lächeln, weil sie glauben, das sei das Live-Licht der Kamera, die sie gerade abfilmt.
Die olympischen Ringe sind die bekannteste Marke der Welt, von deren Prominenz auch die Politik gerne profitiert. So kommentiert der Kanzler von zu Hause aus das Vielseitigkeitsreiten, Otto Schily und Guido Westerwelle in Athen loben artig den Geist, als hätten sie ihn erfunden. Am schlimmsten trieben es die Republikaner in den USA, die Wahlwerbespots laufen ließen mit Bildern von Afghanen und Irakern, die in Athen starteten. Das verleitete ein IOC-Mitglied in Bezug auf die Kampagnentruppe von US-Präsident George W. Bush zu dem Satz: "Sie haben die Ringe gestohlen." Die Spiele waren noch nie unpolitisch und irgendwie hat man jetzt schon Angst vor 2008 in Peking, nicht nur wegen des Abschneidens und Auftretens der chinesischen Mannschaft in Athen.
Peinliche Coolness
Man konnte viel lernen über die peinliche Coolness von Sonnenbrillen und Oberarmtätowierungen. Von Angebern wie Maurice Greene, dem selbsternannten "größten Läufer aller Zeiten" (auf Platz drei), über den freien Fall von Marion Jones bis zu Poeten-Liebhaber wie René Wolff, der sich Rilke in den Unterarm stechen ließ: "Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest."
Nein, wir müssen das Leben nicht verstehen, das olympische gleich gar nicht. Dafür haben wir ja die Klassiker, die wissen, dass wir wissen, dass wir nichts wissen.
Warum also verlassen wir Athen mit dem Gefühl, als sei das alles gar nicht wirklich passiert und hätten trotzdem mal kurz in den Abgrund der Zukunft geblickt? Warum freuen wir uns unendlich auf einfache Dinge, auf kleine Schritte, Regen oder Schokoladentorte? Da hilft nur noch die Philosophie der Neuzeit unserer Gossen-Klassiker wie "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner, der erkannte: "Ich denke, die ganze moderne Scheiß-Welt ist schuld."