Nada-Bilanz: Stochern im Doping-Nebel - DER SPIEGEL
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Nada-Bilanz Stochern im Doping-Nebel

Die Arbeit der Anti-Doping-Agentur Nada bleibt auch im achten Jahr ihres Bestehens mühevoll. Staatsanwälte sind an dem Thema nicht interessiert, Eltern und Lehrer haben keine Ahnung. Immerhin haben viele Athleten die Vorgaben der Dopingfahnder mittlerweile akzeptiert.
Proben im Dopinglabor: "Vorangekommen, aber noch nicht am Ziel"
Proben im Dopinglabor: "Vorangekommen, aber noch nicht am Ziel"

Proben im Dopinglabor: "Vorangekommen, aber noch nicht am Ziel"

Foto: ddp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Wenn Göttrik Wewer sich mit Staatsanwälten trifft und sie auf die Notwendigkeit des Kampfes gegen Doping hinweist, dann begegnet ihm häufig genug "Desinteresse und wenig Sachkenntnis". Dann hat der Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada wieder einmal Überzeugungsarbeit zu leisten, er redet sich dann den Mund fusselig, erklärt das ausgeklügelte Melde- und Kontrollsystem. Seit acht Jahren gibt es die Nada, aber ihre Arbeit ist im öffentlichen Bewusstsein noch nicht richtig angekommen.

Es ist echte Kärrnerarbeit, die die Dopingfahnder mit Sitz in Bonn zu leisten haben. Eine Arbeit, die ganz unten anfängt. Schulen besuchen, mit Lehrern sprechen, Eltern informieren - auch das gehört zum Jahresprogramm der Agentur, das am Freitag in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. "Schließlich sind die jungen Leute die Spitzenathleten von morgen", sagt Nada-Vorstand Dietmar Hiersemann. Die mit dem Thema Gefahren des Doping oft noch gar nicht konfrontiert worden seien. "Viele Eltern junger Talente sagen uns, wir seien die ersten, die sie überhaupt einmal auf das Thema angesprochen haben", sagt Hiersemann.

14.000 Kontrollen hat die Nada im Jahr 2009 alles in allem durchgeführt, in 41 Fällen ist sie fündig geworden und hat Verfahren wegen möglicher Verstöße eingeleitet, 21 Sportler wurden letztendlich mit einer Sperre belegt. Der Bund Deutscher Radfahrer war mit fünf Sperren der am stärksten betroffene Verband.

Kontrollsystem ist unüberschaubar geworden

Wobei es nicht immer heißen muss, dass ein Athlet dann tatsächlich gedopt hat, wenn die Nada initiativ wird. "Verstöße sind ja mittlerweile viel mehr als eine positive Dopingprobe", sagt Wewer. Wenn ein Sportler die Meldebestimmungen vernachlässigt, den Dopingkontrolleuren nicht mitteilt, wo er gerade zum Training weilt, wenn Fristen nicht eingehalten werden - all das kann geahndet werden. Das System Dopingkontrolle ist nicht so leicht überschaubar. Für die Fahnder nicht, aber auch nicht für die Sportler.

Das weiß auch die Nada und versucht die Sportler deswegen regelmäßig an ihre Pflichten zu erinnern. Mehrfach wiesen Nada-Vorstandschef Armin Baumert und sein Geschäftsführer Wewer vor der Presse darauf hin, dass man "allein 2009 1500 Erinnerungsmails an Athleten versendet" habe. Wewer bilanziert: "Wir hatten eine Menge zu tun gehabt im vergangenen Jahr."

Man verstehe sich "nicht als Gegner der Athleten, sondern als Partner", sagt Baumert. Das werde mittlerweile von den meisten Aktiven verstanden - eine Einsicht, die sich die Nada bei Verbänden und Sportveranstaltern vor allem außerhalb Deutschland noch wünschen würde. "Im Ausland kennt man teilweise nicht einmal die Begriffe, mit denen wir täglich umgehen", sagt Baumert. Bei Großveranstaltungen wie der am Freitag beginnenden Eishockey-WM wird der Agentur nur ein Beobachterstatus zugemessen, weil der Weltverband das Kontrollsystem nicht aus den eigenen Händen geben will. 125 Mitgliedsstaaten des Internationalen Olympischen Komitees haben zwar auch eine eigene Agentur, die sich mit dem Thema Doping befasst - "von denen arbeiten aber vielleicht 60 so wie wir", moniert Baumert. Der denn auch die "Chancengerechtigkeit" für die deutschen Sportler im internationalen Vergleich zuweilen vermisst.

Vom Fall Pechstein "überrollt"

"Wir sind nicht blauäugig und glauben, dass die 41 Doping-Verfahren alle Fälle sind, die es im vergangenen Jahr in Deutschland gegeben hat. Aber wir wissen auch nicht, wie hoch die Dunkelziffer ist", so Wewer. Die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen steckt noch in den Anfängen. Zumindest gibt es inzwischen eine Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft in München, wo Dopingfälle zentral verfolgt werden.

Dass im Februar Ermittler die Wohnungen und Büros von Sportlern und Betreuern im Eisschnelllauf durchsucht haben, sei der Kooperation zwischen München und der Nada zu verdanken gewesen. Was bei der Razzia, von der unter anderem auch die Doping-gesperrte Claudia Pechstein betroffen war, allerdings herausgekommen ist, konnte und wollte Wewer nicht sagen. "Wir sind noch mitten in der Aufarbeitung, und die Staatsanwälte sagen uns auch nicht in jedem Fall, was sie bisher ausermittelt haben."

Ohnehin habe der spektakuläre Fall Claudia Pechstein, die auf ihrer Unschuld besteht und dafür auch wissenschaftliche Unterstützung erhalten hat, die Nada "vielleicht überrascht und überrollt". Man werde jetzt erst einmal "in Ruhe" den Ausgang des Verfahrens abwarten, um dann entsprechende Schlüsse zu ziehen.

Wenn die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin aller Zeiten tatsächlich zu Unrecht des Dopings beschuldigt worden wäre, wäre das für die Arbeit der Fahnder ein schwerer Rückschlag, das wissen auch Baumert und Wewer. Agentur-Boss Baumert drückt das mühevolle Wirken der Dopingermittler dennoch lieber positiv aus: "Wir sind einige große Schritte vorangekommen, aber wir sind noch nicht am Ziel."