Nationalelf der Autoren Das Spiel lesen
Autor und Schauspieler Bauer (l.) und türkischer Verleger Oz: Künstler im Zweikampf
Foto: Krafft Angerer/ Bongarts/Getty ImagesJörg Berger konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt einen so entspannten Abend an der Seitenlinie verbracht hatte. Der frühere Bundesligatrainer, in der Branche als "Feuerwehrmann" bekannt, war "froh, endlich mal nicht gegen den Abstieg spielen zu müssen". Ein Umstand, der bei einem Engagement als Nationaltrainer nicht weiter verwundert.
Am Mittwochabend saß Berger erstmals als Coach der deutschen Nationalelf auf der Bank - und erlebte im Millerntorstadion des FC St. Pauli ein ungefährdetes 7:1 gegen die Auswahl der Türkei. Ein beachtliches Debüt - auch wenn es sich bei den Auswahlkickern im DFB-Dress "nur" um die Nationalmannschaft der Autoren (kurz Autonama) handelte. Statt Mario Gomez, Miroslav Klose und Lukas Podolski hießen die Torschützen Moritz Rinke, Wolfgang Bauer oder Jürgen Schmieder.
Wer nun bei der Kombination von Schriftstellern und Fußball bestenfalls an unbeholfenes, tollpatschiges Gebolze denkt, der irrt. Die deutschen Dichter und Dramatiker zeigten phasenweise Fußball aus dem Lehrbuch: flüssige Kombinationen, schnelles Umschalten, konsequentes Flügelspiel. Wer auf einen Krimi-würdigen Spannungsbogen gehofft hatte, wurde enttäuscht. Bereits zur Halbzeit lagen die deutschen Literaten 5:1 vorne. "Wir hatten gehofft, dass die Deutschen sich ein bisschen gastfreundlicher zeigen", sagte Metin Yildiz, Trainer der türkischen Auswahl.
Der Fußball als Brücke
Zur Ehrenrettung der Gäste sei erwähnt, dass die deutsche Autorenelf schon seit vier Jahren gemeinsam trainiert und spielt, während sich die türkische Mannschaft erst vor drei Monaten formiert hat. "Dafür, dass es ihr erstes Spiel war, haben sie sich gut geschlagen", sagte Rinke, mit drei Treffern bester Torschütze. Dennoch habe man nach dem Seitenwechsel das Tempo rausgenommen, "wir wollten sie ja nicht aus dem Stadion schießen".
Für Rinke, der als Dramatiker in Berlin arbeitet und früher in der Oberliga gegen den Ball getreten hat, war das sportliche Ergebnis ohnehin zweitrangig: "Es geht uns darum, türkische Autoren und ihre Kultur kennenzulernen und gegenseitig Erfahrungen auszutauschen." Der Fußball sei die ideale Brücke dafür. "Schriftsteller leben gewöhnlich lieber für sich", sagte Rinke, "der Sport bringt sie zusammen, national wie international." Er und andere Mitglieder der Autoren-Nationalelf haben die Gründung einer türkischen Mannschaft angeregt, "um über den Fußball einen Dialog entstehen zu lassen, der für beide Seiten fruchtbar ist".
Der Trainer ist Bestsellerautor
Daher galt der "dritten Halbzeit" an diesem Abend die größte Aufmerksamkeit. Nach dem Schlusspfiff scharten sich die Zuschauer in Logen, Umkleidekabinen und Presseräumen des Stadions, um den Lesungen der Schriftsteller auf Deutsch oder Türkisch zu lauschen. "Als uns die DFB-Kulturstiftung bat, unser Stadion für das Spiel zu öffnen, habe ich sofort zugesagt", sagte Corny Littmann, Präsident des Zweitliga-Spitzenreiters FC St. Pauli und Theaterbesitzer. Trainer Yildiz merkte an, dass "solche Veranstaltungen dazu beitragen, dass der Fußball in Zeiten von milliardenschweren Investoren authentisch bleibt".
In der Mixed Zone im Erdgeschoss wechselte auch Autonama-Coach Berger die Rolle. Der 64-Jährige hat einen respektablen Einstieg in der Riege der Schriftsteller vorzuweisen. Seine im Frühjahr 2009 erschienene Biografie "Meine zwei Halbzeiten - Ein Leben in Ost und West" schaffte es auf Anhieb in die Bestsellerlisten. "Das haben viele von meinen Spielern noch nicht geschafft", scherzte er.
Ärger mit nationalistischen Schriftstellern
Fußballtexte waren bei den Lesungen an diesem Abend die Ausnahme - eine bewusste Entscheidung. Während viele Athleten und Funktionäre Sport und Politik sauber getrennt sehen wollen, "nutzen wir den Fußball als ein Forum für politische und soziale Themen", so Rinke. Vor diesem Hintergrund sind etwa die Spiele gegen Autorenteams aus Israel und Saudi-Arabien in 2008 sowie eine von der Autonama angestrebte Partie gegen eine palästinensische Auswahl zu sehen - und nun die Begegnung mit der Türkei.
Dass Politik auch bei der türkischen Schriftsteller-Elf mitspielt, zeigt die noch junge Geschichte des Teams. Als sich die Mannschaft im Sommer gründete, standen nationalistisch eingestellte Publizisten im Kader. "Die waren mit dem Konzept, mittels Fußball den Dialog zu fördern, nicht einverstanden", sagte Karikaturist und Spieler Alpay Erdem. Weshalb sie die Auswahl verlassen mussten. "Wir nehmen aber auch gern Autoren des konservativen politischen Spektrums auf, wenn sie den Sinn des Ganzen verstehen und die Regeln akzeptieren."
Auch wenn es am Ende scheinbar nur Gewinner gab - zwischen Dialogen und Debatten kam doch immer wieder der Wettkampfgeist zum Vorschein. Die "stolzen türkischen Spieler" (Berger) sinnen auf Wiedergutmachung, das Rückspiel in Istanbul soll Ende Oktober ausgetragen werden. Berger machte seinem Kollegen Yildiz jedoch wenig Hoffnung: "Wenn wir auf dem Platz stehen, wollen wir gewinnen. Deshalb werden wir jetzt noch härter trainieren."