Nationalmannschaft: Das Ende der Konfusion - DER SPIEGEL
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Nationalmannschaft Das Ende der Konfusion

Für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft war das Unentschieden in Frankreich ein gelungener Jahresabschluss. Endlich scheint ein Rezept gefunden, mit dem das Team erfolgreich sein kann. Aber reicht das, um bei der WM 2006 eine Hauptrolle zu spielen? SPIEGEL ONLINE blickt zurück und voraus.
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Wie groß der Druck war und wie groß die Erleichterung, stand in allen drei Gesichtern. Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff und Gerhard Mayer-Vorfelder lächelten, beim Bundestrainer war es sogar ein Grinsen, das sich einen Tag nach dem Freundschaftsspiel in Paris breit machte. Die Führung der deutschen Nationalmannschaft wirkte in diesem Moment wie die Spitze eines Großunternehmens auf einer Bilanzpressekonferenz - im Wissen, dass man verdammt gute Zahlen präsentieren würde.

DFB-Kapitän Ballack: Vorne, Mitte, hinten

DFB-Kapitän Ballack: Vorne, Mitte, hinten

Foto: AFP


Dabei waren es weniger die nackten Zahlen, die die großen Drei so fröhlich stimmten. Sieben Siege, fünf Unentschieden und drei Niederlagen stehen für die DFB-Elf nach der letzten Partie des Länderspieljahres 2005, dem 0:0 in Frankreich, zu Buche - keine schlechte, aber auch keine überragende Statistik. Ein ereignisreiches Jahr sei es gewesen, verkündete Klinsmann, aber man habe "noch ein bisschen Abstand nach oben".

Oben. Das ist in der Diktion des Bundestrainers seit seinem Amtsantritt der WM-Titel 2006. Und für den Weg dorthin, das war der eigentliche Grund für die Zufriedenheit auf dem Podium, hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Frankreich endlich ein passendes Rezept gefunden. Sie hat im Stade de France nicht berauscht wie beim Konföderationen-Cup, als die Jungstars Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski über den Platz tanzten und das Publikum glauben machten, die deutsche Nationalmannschaft habe einen Kurs in brasilianischer Fußballkunst belegt - die stiefmütterliche Behandlung der Abwehrarbeit inbegriffen.

Blaupause für 2006

Gleichzeitig gab sich das junge Team in Paris aber auch keine Blöße wie noch in der Slowakei (0:2), der Türkei (1:2) oder beim mühsamen 1:0-Erfolg gegen China. Aus planlosem Gestocher wurde ein System zweier sich geschickt verschiebender Viererketten, die den Spielfluss der Franzosen schon im Mittelfeld unterbanden, Bälle eroberten - und Druck von der Abwehr nahmen. Die konnte sich endlich mal aufs Wesentliche konzentrieren, eng an den Stürmern stehen und nicht nur Mayer-Vorfelder zu Lobeshymnen hinreißen. Auch Torhüter Jens Lehmann sprach von einer der "besten Leistungen einer deutschen Verteidigung seit vielen Jahren".

Das ist die Botschaft des letzten Länderspiels: Die Besinnung auf das, was immer als vorzüglichste Eigenschaft der deutschen Kicker galt, das Verteidigen nämlich, wird unter dem Spielkultur-Revolutionär Klinsmann plötzlich zu einer Blaupause für das Jahr 2006. Oder: Um erfolgreich zu spielen, muss die DFB-Elf so agieren, wie sie es bisher nicht geglaubt hat zu können. Aus dem Anrennen um den Preis einer offenen Verteidigung - so gesehen zu Jahresbeginn - muss eine defensiv denkende Mannschaft werden, die zunächst einmal keine Tore zulässt, bevor sie welche schießt. Nicht ohne Grund befand der französische Angreifer Thierry Henry, das gesamte deutsche Team habe "hervorragend verteidigt, nicht nur die Innenverteidiger".

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Länderspieljahr 2005: Gauchos, Grätschen, Gastarbeiter

Foto: DDP

Der nächste Gegner in dreieinhalb Monaten heißt Italien, das Team, das Hollands Trainer Marco van Basten gerade seine erste Niederlage als Trainer beigebracht hat. Ein Gegner von internationalem Format, wie die Franzosen, wie die Niederlande, das gegen Deutschland ebenfalls nicht gewinnen konnte. Oder wie Argentinien, das sich sowohl beim Konföderationen-Cup als auch im Februar mit einem 2:2-Unentschieden begnügen musste. Gegen die so genannten "Großen" hat sich die junge Mannschaft konsolidiert. Zwar wartet man seit beinahe fünf Jahren auf einen Sieg, aber verloren hat das Klinsmann-Team in diesem Jahr auch nur gegen Brasilien (2:3). Aber reicht das, um bei der WM im kommenden Jahr die gewünschte Hauptrolle zu spielen?

Ein Manko bleibt

Vielleicht. Nach der Beruhigung zur rechten Zeit, nach den unterirdischen Vorstellung der Klinsmann-Elf zuletzt ist man geneigt, den Optimismus wieder aus vollen Kannen über der Mannschaft zu verteilen. Aber zu evident war eben auch die Inkonstanz anno 2005, die nicht nur aus dem geringen Durchschnittsalter der Mannschaft resultiert. Noch sind die DFB-Kicker nicht in der Lage, auch gegen vermeintlich schwache Gegner zu dominieren und eine ausreichende Anzahl von Chancen herauszuspielen. Gerade gegen China wirkten die Angriffs- ähnlich konfus wie die Abwehraktionen. Der Mannschaft fehlt im internationalen Vergleich ein Stürmer, der verlässlich Tore schießt. Oder, und das ist die Botschaft des gesamten Länderspieljahres, ein zweiter Michael Ballack.

61 Länderspiele hat der Kapitän insgesamt im DFB-Trikot absolviert und dabei 29 Tore erzielt. Beim Konföderationen-Cup waren es vier Treffer in vier Partien, hinzu kamen drei Tore in sieben Freundschaftsspielen. Das ist eine Quote, die jedem Mittelstürmer von Format gut zu Gesicht stünde. Nur: Ballack ist kein Stürmer, und unter Klinsmann war er 2005 nicht mal durchgängig offensiver Mittelfeldspieler. Mal musste er abräumen vor der Abwehr, mal wurde er quasi als zweite Spitze eingesetzt. Er hat immer getan, wie ihm geheißen, aber auch nach jedem Spiel, das der Kapitän auf einer wesensfremden Position beendete, konnte man sagen, er war irgendwie der präsenteste deutsche Spieler.

Die Bedeutung des Chefs wurde noch deutlicher, wenn er nicht auf dem Platz stand. Die Niederlagen in der Türkei und gegen China verfolgte der Verletzte vor dem Fernseher, gegen Frankreich hingegen blieb er - obwohl angeschlagen - auf dem Platz. Auch, um ein Zeichen zu setzen. Sein Pass aus dem Fußgelenk auf Bastian Schweinsteiger war vielleicht die Szene des Spiels, weil sie das Manko dieses Teams auf den Punkt brachte: Schweinsteiger vergab die Torchance, die Ballack wohl verwertet hätte.