NBA: Bryant brilliert im Krimi - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

NBA Bryant brilliert im Krimi

Obwohl er mit einer schmerzhaften Knöchelverletzung antreten musste, erwies sich Lakers-Jungstar Kobe Bryant als der entscheidende Mann auf dem Parkett. In der Verlängerung von Spiel vier der Finalserie war er von den Pacers nicht mehr zu bremsen.
Von Tobias Pox
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Indianapolis - Die Los Angeles Lakers sind nur noch einen Steinwurf vom zwölften Titelgewinn ihrer Clubhistorie entfernt. Im bisher mit Abstand besten und spannendsten Spiel der Finalserie gewann das Starensemble von der Westküste letzte Nacht mit 120:118 nach Verlängerung gegen die heimischen Indiana Pacers und benötigt jetzt nur noch einen Sieg, um sich die NBA-Krone 2000 aufzusetzen. Zum Matchwinner avancierte der angeschlagene Kobe Bryant, der sich somit endgültig Superstar-Status sicherte.

Trotz einer 2:1-Führung in der Finalserie herrschte vor Begegnung vier mächtig Unruhe im Lager der Los Angeles Lakers: Flügelspieler Glen Rice beschwerte sich lautstark bei Headcoach Phil Jackson über zu wenig Spielzeit im letzten Duell, der lädierte Knöchel von Kobe Bryant ließ keine definitive Aussage zu, ob das Wunderkind würde spielen können oder nicht, und last but not least bereitete das Freiwurfdilemma von Shaquille O´Neal den Kaliforniern ordentlich Kopfzerbrechen (der Centerhüne hatte in den drei vorausgehenden Partien nur 22 seiner insgesamt 58 Freiwurfversuche verwandeln können). Nach dem jüngsten Sieg, der die Meisterschaft für L.A. in unmittelbare Nähe gebracht hat, dürften sich die Wogen indes geglättet haben. Allerdings mussten die Lakers 53 lange, nervenraubende Spielminuten zittern, ehe sie den so wichtigen, wegweisenden Erfolg einfahren und die Gemüter beruhigen konnten.

An seinem 39. Geburtstag hätte sich Sam Perkins beinahe auf Ewigkeit in die Vereinsgeschichte der Indiana Pacers eingetragen. Der Centerveteran, dessen chronisch relaxter Blick eher an einen ständig bekifften "Reefer Boy" als an einen NBA-Spieler erinnert, versenkte kurz vor Schluss der regulären Spielzeit einen Drei-Punkte-Wurf zum 104:104 und gab somit seinem Team die Gelegenheit, in der Verlängerung erneut zu versuchen, die Finalserie auszugleichen und das Titelrennen wieder offen zu gestalten. Diesem Vorhaben der Pacers stellte sich jedoch mit Kobe Bryant ein Lakers-Akteur entgegen, der trotz einer Knöchelverletzung, die er sich in Spiel zwei zugezogen hatte, 47 Minuten auf dem Feld stand und einen heroischen Abend verlebte.

"Als ich mit sechs Fouls aus dem Spiel ausgeschieden war, hat Kobe einfach das Ruder in die Hand genommen", lobte Shaquille O'Neal, der mit 36 Punkten Topscorer des Abends war, jedoch nach zweieinhalb Minuten in der Verlängerung foulbedingt auf die Bank musste, seinen furios aufspielenden Teamgefährten, "er ist ein fantastischer Spieler, und ich bin heilfroh, dass er wieder zurück ist". In der Tat, Bryants Rückkehr sollte sich für die Lakers als schicksalhafte Wendung zum Guten entpuppen. Der 21-jährige Guard und wohl derzeit eleganteste Spieler der NBA erzielte acht seiner insgesamt 28 Punkte zu kritischen Zeitpunkten in der Verlängerung und sicherte den denkbar knappen Sieg seiner Mannschaft.

Der Matchwinner gab sich nach dem Spiel abgebrüht, von Anspannung keine Spur. "Als Shaq rausflog, sagte ich mir: Jetzt wird dieses Spiel sehr viel interessanter", plauderte Bryant genüsslich dahin und schwärmte: "Das war genau so ein Spiel, von dem man von klein auf träumt". "In unseren Köpfen war dieses Match die Championship", so der Jungstar weiter. Diese kühne, siegessichere Äußerung werden die Pacers jedoch sicherlich nicht im Raum stehen lassen wollen. Insbesondere nicht Reggie Miller, der mit 35 Punkten und sechs verwandelten Dreiern erneut sein Ausnahmekönnen demonstrierte, allerdings unmittelbar vor der Schlusssirene den letzten, siegbringenden Wurf des Abends vergab. "Unser Herz schlägt noch", verkündete der Weitwurfspezialist das Motto für die nächste Begegnung Freitagabend im Conseco Fieldhouse von Indianapolis. Bei einem Serienstand von 1:3 haben die Indiana Pacers jedoch nur noch eine marginale Chance auf den Titel, diese will die Truppe von Larry Bird aber unbedingt nutzen.

Bei den Hausherren bot neben Miller auch der holländische Center Rik Smits mit 24 Zählern erstmalig in den Finals eine sehenswerte Leistung. Auf Seiten L.A.s war es der Bankspieler Robert Horry, der mit 17 Punkten eine willkommene Entlastung für O´Neal und Bryant darstellte. Die Partie verlief so ausgeglichen, dass die Führung allein im letzten Viertel der regulären Spielzeit neunmal wechselte.