NBA: "Die Krankheit des Ich" - DER SPIEGEL
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NBA "Die Krankheit des Ich"

Die egozentrischen LA-Lakers-Stars Shaquille O'Neal und Kobe Bryant liegen im Clinch. Ihr Streit ist kein vereinsinternes Problem, sondern eine Zerreißprobe für die beste Basketballliga der Welt.
Von Tobias Pox
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Los Angeles - Eigentlich hatte sich die zum Jahresende ausgebrochene Fehde zwischen Shaquille O'Neal und Kobe Bryant in letzter Zeit wieder etwas beruhigt. Am Rande des All-Star-Weekends in Washington D.C. am vergangenen Wochenende jedoch bekam der Knatsch der beiden Stars der Los Angeles Lakers neue Nahrung. O'Neal offenbarte einem Reporter der "Los Angeles Times", er könne sich gut vorstellen, wieder das Trikot seines ehemaligen Vereins Orlando Magic überzustreifen. Denn in Florida spiele mit Tracy McGrady schließlich "einer der uneigennützigsten Nachwuchsstars der Liga".

Die Breitseite saß. Niemand in Los Angeles glaubt ernsthaft, dass "Shaq" O'Neal seinen unlängst bis 2005 verlängerten Vertrag mit den Lakers brechen wird. Aber jeder Basketballfan in den USA weiß, dass der 2,16-Meter-Center ein mehr als ordentliches Problem mit seinem Mannschaftskollegen Bryant hat. Dem 22-Jährigen wirft O'Neal nämlich seit längerem genau das Gegenteil von Uneigennützigkeit vor. Und eben darin sieht der "Shaq" den Grund, warum die eigene Korbausbeute immer spärlicher geworden ist und der NBA-Champion 2000 in dieser Saison seiner Form hinterherläuft.

Selbst gegen Gurkentruppen verloren

Als Argument für seine Schießwütigkeit kann Bryant, der mancherorts als Nachfolger von Michael Jordan gehandelt wird, freilich anführen, mit durchschnittlich 29,9 Punkten pro Partie der erfolgreichste Schütze der Liga zu sein. Allein: Das Team profitiert herzlich wenig davon. Nach 48 von 82 regulären Saisonspielen hat der Titelverteidiger aus Kalifornien bereits 16-mal verloren und belegt in der Pacific Division hinter Portland und Sacramento lediglich Rang drei. Selbst gegen "Gurkentruppen" wie den Ortsrivalen L.A. Clippers haben die Lakers in dieser Spielzeit schon deutliche Niederlagen bezogen.

Mit O'Neal als unangefochtenem Chef auf dem Feld sah das ganz anders aus. "Als die Leute noch sagten, die Lakers seien mein Team, hatten wir eine Bilanz von 67:15 Siegen und gewannen anschließend die Meisterschaft", legt Shaq mit stolzer Brust die Zahlen der letzten Spielzeit auf den Tisch. Als Topscorer (29,6 Punkte pro Spiel) und mit dem Titel als "Wertvollster Spieler der Saison" ausgezeichnet hatte der 28-jährige Hüne mit dem breiten Grinsen den Löwenanteil an diesem Erfolg. Inzwischen ist das erfolgsverwöhnte Lachen jedoch verschwunden.

"Füttere den großen Hund..."

Dabei sei es so einfach, sagt O'Neal, "Shaq" glücklich zu machen: "When you feed the big dog, the dog will be happy." Soll heißen: Gib den Ball einfach dem großen Mann, und der große Mann wird es schon richten. Doch trotz der besten Trefferquote (57,1 Prozent) sämtlicher NBA-Akteure bekommt der große Mann den Ball immer seltener. Vor allem von Bryant. Die Konsequenz: O'Neal erzielt im Schnitt drei Punkte weniger als in der vergangenen Spielzeit - und macht deshalb Front gegen seinen Clubgefährten.

Die angespannte Lage bei den Lakers ist indes kein Novum in der schillernden Historie des Westküstenvereins. Schon einmal, 1981, verhinderten aufgeblähte Egos eine erfolgreiche Titelverteidigung. Der damalige Assistenz- und spätere Cheftrainer der Lakers, Pat Riley, heute in Diensten der Miami Heat, bezeichnete das destruktive Verhalten der Spielerlegenden Earvin "Magic" Johnson und Kareem Abdul-Jabbar seinerzeit als "die Krankheit des Ich".

Massiver Quotenschwund

Dass die lähmende Malaise dieses Mal frühzeitig kuriert wird und O'Neal und Bryant ihren Führungsstreit beilegen, liegt nicht allein im Interesse der Lakers. Auch im Ligabüro der National Basketball Association in New York schaut man wegen der gravierenden Popularitätseinbuße des eigenen Produkts mit Sorgenfalten nach L.A.

Waren die TV-Quoten der NBA bereits im letzten Jahr rückläufig, so hat sich dieser Prozess in diesem Jahr massiv beschleunigt. Der US-Sender NBC beklagt einen Quotenschwund von 17 Prozent bei Basketball-Übertragungen. Auf TNT, dem Kabelkanal des Medienmoguls Ted Turner, beträgt der Rückgang bei Ligaspielen 15 Prozent. Mit einem zerstrittenen und erfolglosen Team aus L.A. droht die beste Korbjägerliga der Welt, ihr medienwirksamstes Zugpferd zu verlieren. Der freie Fall wäre damit auf absehbare Zeit nicht zu stoppen.