NBA: Die weißen Pioniere - DER SPIEGEL
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NBA Die weißen Pioniere

Bei den Dallas Mavericks wirft er die meisten Körbe; in der NBA führt Ausnahmespieler Dirk Nowitzki eine ganze Riege hochtalentierter Europäer an, die in der besten Liga der Welt für Furore sorgen. Prompt wittern die NBA-Manager die Chance zur Expansion auf den alten Kontinent.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dallas - Im dritten Spiel gegen die Minnesota Timberwolves legte Dirk Nowitzki, 23, los, als wollte er die "Wölfe" im Alleingang besiegen. Er warf wie entfesselt aus jeder Lage, die Bälle rauschten aus kurzer wie aus weiter Entfernung durchs Netz, erlesene Gegenspieler wie Kevin Garnett degradierte er zu Statisten. 28 Punkte schaffte Nowitzki bis zur Halbzeit, 39 waren es am Ende ­ und die Dallas Mavericks zogen souverän in die zweite Runde der Play-offs ein.

Die Mannschaft aus Texas spielt momentan mitreißenden Basketball. Sie legt, angetrieben von Steve Nash, ein aberwitziges Tempo vor und wirft, auswärts wie in der eigenen Arena, meist über hundert Punkte pro Spiel.

Zur Ironie dieses Erfolgs gehört, dass Trainer Don Nelson vor noch nicht allzu langer Zeit als Lachnummer galt, weil er in Dallas eine multinationale Mannschaft um sich scharte. Damals, vor vier Jahren, war Nowitzki noch ein gehemmter, aber lernwilliger Youngster aus Würzburg. Dazu kamen nach und nach der Kanadier Nash, der Mexikaner Eduardo Najera und der Chinese Wang Zhizhi.

Fünf Scouts und 25 Informanten sichten für die Mavericks


Doch mittlerweile gilt Dallas als Erfolgsmodell. Die Mavericks beschäftigen 5 Scouts und 25 Informanten, die den Spielermarkt in Europa und in Asien im Auge behalten. Jeden Sommer schickt der Trainer seinen Sohn, der ihm als Assistent dient, auf die Suche nach neuen Rohdiamanten wie "Dörk" aus Würzburg. In Schanghai fiel ihm, aber auch anderen umtriebigen Trainern, der 2,25 Meter große Yao Ming auf, der jetzt bei einigen Clubs auf der Wunschliste für die nächste Saison steht.

Im Halbfinale der Play-offs, das am vergangenen Samstag begann, treffen die Mavericks auf die zweite multinationale Truppe der Nationalen Basketball Vereinigung (NBA): Bei den Sacramento Kings, einem ausgesprochen elegant und zugleich effizient agierenden Team, ist der Serbe Predrag "Peja" Stojakovic, 24, der zweite herausragende Spieler neben dem US-Star Chris Webber.

Den ruhenden Pol in dieser eher jungen Mannschaft verkörpert Vlade Divac, 34, ein weiterer Serbe. Und mit dem Türken Hidayet Türkoglu, 23, der bislang selten zur Anfangsformation gehört, haben die Kings eines der größten europäischen Talente auf der Ersatzbank.

Das Konzept dieses bunt gemischten Ensembles hat sich prächtig bewährt: Sacramento brillierte in der Vorrunde als das Team mit den meisten Siegen. Und schon aus Gründen der Ästhetik sind die Kings der Lieblingsfavorit vieler Basketball-Anhänger, die den Los Angeles Lakers den dritten Titel hintereinander nicht gönnen.

Mitte der Achtziger tauchten die Afrikaner in der NBA auf


Eigentlich verstehen die Amerikaner Basketball als ihre ureigenste Angelegenheit. Das Spiel der hochsteigenden Körper war zunächst eine weiße Domäne; erst seit 1950 durften in der NBA die Schwarzen daraus ihre Sache machen. Sämtliche Clubtrainer schickten von jeher ihre Scouts durch die Colleges der USA, aus denen fast alle Großen dieses Sports hervorgingen. Weiter musste man nicht schweifen.

Mitte der Achtziger tauchten schwarze Ballkünstler aus Afrika auf, wie Hakeem Olajuwon (Toronto Raptors) oder Dikembe Mutombo (Philadelphia 76ers). Zu den Superstars des Basketballs oder gar Ikonen des amerikanischen Sports aber wurden schwarze Amerikaner: Bill Russell, Wilt Chamberlain, Magic Johnson und Michael Jordan, der Größte von allen.

Doch mittlerweile setzen sich auch die Europäer durch. Als sich die Besten der Besten im Februar zum All-Star-Game in Philadelphia zusammenfanden, waren vier Ausländer dabei, darunter ­ neben Nash und Mutombo ­ die Europäer Nowitzki und Stojakovic: Ein Novum auf einem der feierlichsten Höhepunkte der Saison, das die Chronisten des Basketballs andächtig würdigten. Zudem wählten die Experten den Spanier Pau Gasol, 21, von den Memphis Grizzlies zum "Rookie des Jahres 2002", zum besten Novizen der Liga: auch eine Premiere.

51 Ausländer in der NBA unter Vertrag


Insgesamt spielen in der NBA 405 Profis in 29 Clubs. Darunter sind derzeit 51 Ausländer ­ mehr denn je und mehr als doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Sie stammen aus 30 Ländern und sämtlichen Kontinenten. 26 der "foreign guys" kommen aus Europa, das stärkste Kontingent (11) lernte sein Handwerk im alten Jugoslawien.

Manche US-Profis wie Jamaal Tinsley von den Indiana Pacers haben die Konkurrenz fürchten gelernt: "Diese Jungs wollen unsere Jobs." Denn die Internationalisierung der NBA scheint nicht aufzuhalten zu sein. "Ich werde mich nicht wundern", sagt Lenny Wilkens, Coach der Toronto Raptors, "wenn sich die Zahl der internationalen Profis in den nächsten Jahren verdoppelt."

Nowitzki und Stojakovic ragen unter den Spielern aus Übersee heraus. Sie genießen den Status von Superstars, weil sie gut sind für viele Körbe und Rebounds ­ komplette Spieler eben, die ihr Leistungspotenzial noch nicht ausgeschöpft haben. Dass beide zudem ungemein bescheiden wirken und jenseits des Courts als brave, höfliche junge Männer auftreten, macht sie zu bestaunten Exemplaren der Liga, in der so unterschiedliche Exzentriker wie Allen Iverson oder Kobe Bryant die kulturelle Hegemonie ausüben.

Die Dallas Mavericks wie die Sacramento Kings wissen, was sie an ihren großen Jungs haben: Nowitzki zum Beispiel ist im Besitz eines Vertrags, der ihm im Lauf von sechs Jahren stolze 90 Millionen Dollar einbringt. Zum Vergleich: Shaquille O'Neal kassiert in zehn Jahren 210,5 Millionen Dollar.

Europa hat aufgeholt


Solche monströsen Summen können die Clubs nur aufbringen, solange die NBA in schönster Blüte steht: volle Stadien, umsichtiges Merchandising, Anteile an Milliarden Dollar teuren Fernsehübertragungsrechten. Tatsächlich ist die NBA eine gigantische Geldmaschine und deshalb ständig auf der Suche nach Expansion.

Aus der Sicht des einfallsreichen NBA-Commissioners David Stern ist es hoch erfreulich, dass begabte Spieler aus Europa in wachsender Zahl den Sprung nach Amerika wagen. Die Liga fördert die Internationalisierung, denn gute neue Spieler aus der Fremde erschließen neue Märkte. Andererseits ist der Erfolg der Ausländer im Mutterland des Basketballs auch ein Beleg dafür, wie sehr Europa aufholt.

Für Stern ergeben sich daraus lang erhoffte Perspektiven. In den nächsten sechs Jahren, so prophezeit der Commissioner, dem die NBA ihre Entwicklung zum ziemlich seriösen, hochprofitablen Unternehmen verdankt, werde die Liga entweder ein paar Mannschaften aus Griechenland, Italien oder Spanien aufnehmen oder umgekehrt einen Ableger in Europa gründen. Da das Wachstum in Amerika einigermaßen ausgeschöpft ist, liegt der Gedanke an eine Einverleibung des alten Kontinents fast zwingend nahe.

Nowitzki und Stojakovic sind für die NBA deshalb mehr als nur erstklassige Profis. Sie sind zugleich Pioniere bei der systematischen Verbreitung des amerikanischen Basketball-Modells. Da würde es natürlich helfen, wenn Dallas oder Sacramento auch mal den NBA-Titel gewännen. Nowitzki und Stojakovic müssen jetzt unter sich ausmachen, wer im Rennen bleibt.

GERHARD SPÖRL