NBA-Kolumne: Arenas' Spiel ist aus - DER SPIEGEL
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NBA-Kolumne Arenas' Spiel ist aus

Gilbert Arenas verfügt über besondere Begabungen im Basketball: Doch die Waffen-Affäre und seine anschließende Suspendierung zeigen, dass der NBA-Profi der Washington Wizards an seinem Charakter gescheitert ist. Nun wird das Team auseinanderfallen, glaubt Gerhard Spörl.
Washingtons Arenas: Wohl nicht gut beraten gewesen
Washingtons Arenas: Wohl nicht gut beraten gewesen

Washingtons Arenas: Wohl nicht gut beraten gewesen

Foto: Matt Slocum/ AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Washington Wizards gehören in dieser Saison zu den Teams, über die man am besten schweigt. Von 33 Spielen haben sie 22 verloren und elf gewonnen. Sie wollten in die Playoffs, aber sie sind schlechter denn je. Andere Mannschaften wie die New Jersey Nets oder die Detroit Pistons oder die New York Knicks sind ähnlich mies, aber sie sind wenigstens im Umbruch. Sie geben sich keinen Illusionen hin.

Anders liegt der Fall bei den Wizards. Sie sind ein Team, das jetzt auseinander bricht. Caron Butler und Antawn Jamison sollen verkauft werden. Sie sind sehr solide Spieler, aber solide reicht eben nicht. Und wenn die Wizards gut beraten sind (wofür jedoch wenig spricht), dann erklären sie den 111-Millionen-Dollar-Vertrag mit Gilbert Arenas für hinfällig. Das lässt sich juristisch leicht machen, es gibt eine Klausel, wonach Verträge für ungültig erklärt werden, falls der Spieler einen "Akt moralischer Verworfenheit" begeht. Doch in der Praxis könnte es Probleme mit der einflussreichen Spielergewerkschaft geben.

Der "Akt" liegt ein paar Tage zurück, er ereignete sich am 21. Dezember vor dem Training der Wizards in der Umkleidekabine. Ein Verein, der bei Trost wäre, hätte den Spieler gleich suspendiert, aber die Wizards sind eben die Wizards. Sie halten sich etwas darauf zugute, dass sie eine Familie sind, genauer gesagt, dass sie von der Familie Pollin besessen und geführt werden. Und in dieser Familie gelten so manche Regeln des Wirtschaftsunternehmens NBA nicht. Also blieb es David Stern vorbehalten, der so etwas ist wie der Vorstandsvorsitzende der NBA, Arenas zu sperren. Solange er gesperrt ist, bekommt der Guard der Wizards, der die Hoffnung der Stadt auf bessere Zeiten war, kein Geld. Immerhin.

Der Fall entwickelte sich nach einem Spiel in Phoenix am 19. Dezember, das die Wizards verloren hatten. Im Flugzeug spielten ein paar der Jungs miteinander Karten. Das Spiel heißt "Boo-Ray" und ist eine weniger anspruchsvolle Alternative zu Poker. Javaris Crittenton verlor 1100 Dollar an JaVale McGee. Beide Spieler muss man sich nicht merken. Crittenton ist 22 Jahre alt, dauerverletzt und einer der vielen Ersatz-Guards, die sich die Wizards leisten. McGee ist 21 und Ersatz-Center.

Hochnehmen, anmachen, ärgern

Die beiden hatten Karten gespielt, und jetzt tritt Gilbert Arenas auf, der große Gilbert Arenas. Er macht sich lustig über den Verlierer, über Javaris Crittenton. So ist der Umgangston in den Mannschaften, die viel Zeit in Flugzeugen oder Hotelzimmern verbringen. Sie nehmen sich gegenseitig hoch, sie machen sich an, sie ärgern einander, bis einer anfängt zu wüten oder zu schreien oder um zu sich zu schlagen. Der ist dann der Schwächling, die Niete, der Loser.

Im Flugzeug ging das so zu, haben die Mitspieler später anonym erzählt: Arenas sagte, er werde Crittentons Auto in die Luft jagen, Crittenton antwortete, er werde Arenas ins Knie schießen, ins gerade operierte Knie.

Wenn Arenas nicht so schlicht gestrickt wäre und alles für ein Spiel halten würde, einfach alles, dann wäre mit der Landung in Washington Ende gewesen mit dem "Trash-Talk". War aber nicht. Zum Training am 21. Dezember brachte Gilbert Arenas vier Revolver mit und legte sie vor dem Spind aus, der Crittenton gehört. Auf einem Zettel schrieb er (angeblich fehlerfrei): Wähl eine. Ein Duell unter Gentlemen wie im Großbritannien oder Preußen des 19. Jahrhunderts.

NBA

Die Stadt Washington hat strenge Waffengesetze, die versteht keinerlei Spaß, wenn es um Waffen geht. Crittenton ist allerdings mindestens genauso schlicht wie Arenas, denn er war schon wieder gekränkt. Er blaffte, er sei auf Arenas Exemplare nicht angewiesen, und holte seine eigene Knarre heraus, nahm einige Kugeln und legte sie ein.

Es war keiner dabei, der von A bis B denken kann

Nun fragt man sich, ob unter diesen vielen Spielern, die in der Umkleidekabine dabei waren, nicht ein einziger Erwachsener ist, dem auffällt, was sich da ereignet und was daraus entstehen kann: Sei es, dass einer durchdreht und um sich schießt, sei es, dass dieses fingierte Duell Folgen haben dürfte - für Arenas, für Crittenton, für die Vereinsführung, für die Mannschaft. Wie es aussieht, war keiner dabei, der von A bis B denken kann.

Arenas lachte über Crittenton, der mit der Waffe fuchtelte. Er machte seine Witzchen, und dann gingen die Spieler trainieren.

Als sich der Horizont verdüsterte, gab Gilbert Arenas frohgemut von sich, alles sei doch nur ein Spiel gewesen, ein Spaß unter Männern. Männern? Als ihm irgendjemand mal sagte, das gehe womöglich nicht gut für ihn aus, merkte er an, er habe die Waffen mitgebracht, weil er sie wegen der Kinder nicht zu Hause haben wollte. Mittlerweile hat er einen Anwalt, der ihm zu verstehen gegeben hat, worum es geht, und jetzt erzählt Gilbert Arenas, er sei wohl nicht gut beraten gewesen. Womit er vermutlich recht hat.

Den Ernst der Lage scheint er trotzdem noch nicht erkannt zu haben. Am vergangenen Dienstag versammelte Arenas vor dem Spiel gegen Philadelphia seine Teamkollegen im Kreis unter dem Korb um sich. Mit seinen Fingern ahmte er den Lauf einer Waffe nach und "schoss" auf seine Mitspieler, die - so belegen es Fotos - dem Treiben feixend beiwohnen. Das Lachen könnte allen Beteiligten schnell vergehen: Ein NBA-Offizieller kündigte Konsequenzen an - für alle Teilnehmer des illustren Zirkels.

Eine Strafe droht auch von staatlicher Seite: Die Staatsanwaltschaft ist dabei, den Vorfall in der Kabine zu rekonstruieren. Demnächst dürfte Anklage erhoben werden. Das Management der Wizards ist ratlos, der Trainer stumm. Und so hat David Stern erste Konsequenzen ergriffen.

Stern ist mächtig. Die NBA ist sein Werk, ein hochkapitalistisches Unternehmen mit hohem Unterhaltungswert. Er setzt seine Regeln brachial durch, denn immer sieht er durch Leute wie Arenas das Ganze gefährdet, das gute Verhältnis zu Corporate America.

Frauen, Zocken und Playstation

Die allerwenigsten Spieler entwickeln im Laufe ihrer Karriere andere Interessen als Frauen, Zocken und Playstation. Earvin "Magic" Johnson etwa informierte sich nebenbei, was er mit seinen Millionen machen könnte und baute ein Wirtschaftsimperium auf.

Er ist eine Ausnahme. Die Regel ist Gilbert Arenas, ein hochbegabter Spieler, der alles für ein Spiel hält und das Ghetto, das er hinter sich ließ, mit sich herumschleppt. Er fühlt sich dort wohl, wo es um das Wesentliche im Leben geht: um Waffen, ums Zocken, ums Dissen. Er war fast zwei Jahre verletzt wegen seines Knies, er wollte in dieser Saison ein rauschendes Comeback feiern und die Wizards in die Playoffs führen. Er hat grandiose Träume für sich und vermutlich sogar die Fertigkeit als Basketballspieler, einige zu verwirklichen. Aber es ist nun einmal so, dass die wenigsten Spieler an ihrem Talent scheitern. Sie scheitern an ihrem Charakter.

Am Ende wird Gilbert Arenas eine hohe Strafe zahlen, ein Gericht wird ihn zu Sozialarbeit verurteilen, und die Wizards werden ihn vielleicht sogar in die Wüste schicken. Dann wird es interessant, denn den Spieler Gilbert Arenas können viele Mannschaften brauchen. Nach einer Anstandsfrist dürfte er in die NBA zurückkehren.

Die Washington Wizards haben schon oft den Fehler begangen, einem jungen Talent einen Riesenvertrag aufzudrängen, der ihn zerstört. Chris Webber und Juwan Howard waren Arenas' Vorgänger. Das Team ist ein Torso. Jameson und Butler zu verkaufen und Arenas zu entlassen bietet sich ja nun an, aber was dann? Es ist das Schwerste überhaupt, aus einem Team, das keines mehr ist, ein neues Team zu formen. Die New York Knicks gehen durch einen ähnlichen Prozess, doch haben sie einen Trainer, Mike d'Antoni, der eine ziemlich genaue Idee von seinem Team und dem Basketballspiel besitzt. Die Wizards haben: nichts.

Übrigens hatte Gilbert Arenas am Mittwoch Geburtstag. Glückwunsch, Gilbert, nachträglich.